Flüchtlingsdrama: Selbstversuch auf dem Theatervorplatz

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71 Menschen auf der Ladefläche – die Anspannung ist deutlich zu spüren.
 
Teilnehmer drängen in den LKW. Der entspricht in seinen Abmessungen dem Fahrzeug des Flüchtlingsdramas. Fotos: Molatta

Olaf Kröck, Chefdramaturg des Schauspielhauses, erinnert sich, wie ihn der Spediteur Gerard Graf am Donnerstag der letzten Woche anrief, um eine ungewöhnliche Aktion anzuregen.

Gerade waren die Meldungen über das Flüchtlingsdrama in Österreich durch die Medien gegangen. In einem Schlepper-LKW waren 71 Flüchtlinge erstickt, darunter auch vier Kinder.
Der LKW hatte eine Grundfläche von 15 Quadratmetern. Was sich in dem Lastwagen abgespielt haben mag, ist kaum zu ermessen.
Als ich am Mittwoch gegen 17.20 Uhr auf dem Vorplatz des Schauspielhauses ankomme, sind bereits viele Medienvertreter und interessierte Bürger dort.
Rosemarie Stanzel ist zufällig auf einem Spaziergang hier vorbeigekommen. Sie meint: „Das Thema betrifft uns alle. Ich fühle mich hilflos und frage mich, warum das passieren musste.“
Gerard Graf hat einen LKW des Typs auf den Theatervorplatz gestellt, der auch in Österreich zum Einsatz gekommen war. Der Unternehmer möchte eine Ahnung vermitteln, wie verzweifelt Menschen sein müssen, um derartige Strapazen auf sich zu nehmen.
Graf betont: „Es handelte sich wohl um Flüchtlinge aus Syrien, die wahrscheinlich schon den Weg über das Mittelmeer bewältigt hatten. Erst in der EU, als die Flüchtlinge vermeintlich in Sicherheit waren, kamen sie zu Tode. Die europäische Flüchtlingspolitik muss sich ändern.“
Kröck erklärt: „Wir haben die Grundfläche des Lastwagens auf dem Platz markiert.“
Mit etwa 70 Personen stellen wir uns auf die Fläche. Es herrscht drangvolle Enge, wie man sie ganz selten einmal in überfüllten Bussen erlebt. Ich frage mich, wie schnell die Luft in dem LKW verbraucht gewesen sein muss.
Wir stehen jetzt auf dem Theatervorplatz im Freien –bei kühlen Temperaturen. Ganz andere Bedingungen als in Österreich also. Dennoch bin ich schon nach kurzer Zeit ein wenig benommen.
Jetzt bittet Graf Teilnehmer, auf die Ladefläche des LKWs zu kommen. Diesmal wird genau gezählt – 71 Personen sollen es sein. Es entsteht ein riesiges Gedränge.
Ich will jetzt nicht meine Ellbogen einsetzen – das erschiene mir vollkommen unangebracht. Ich finde auf der Ladefläche keinen Platz mehr.
Die Klappe wird nicht geschlossen. Dennoch wirkt die Ansammlung von Menschen auf so kleinem Raum gewaltig. Obwohl ich nicht unter Platzangst leide, bin ich jetzt ganz froh, nicht oben zu stehen.
Nach wenigen Minuten verlassen die Menschen den LKW wieder. Ein Schwall von Eindrücken ergießt sich auf die Umstehenden: „Ich hatte die Haare meiner Vorderleute im Gesicht.“– „Hatten die Flüchtlinge zumindest die Gelegenheit, etwas zu trinken?“ – „Wenn sie ein bisschen Gepäck hatten, wie haben sie das dann untergebracht?“ – „Wie mag es sein, wenn man mitten auf der Ladefläche steht und nicht vorn?“
Katharina Weiler, Sprecherin der Grünen Jugend Bochum, schildert, wie sie sich als Beobachterin der Aktion fühlt: „Das ist schon bedrückend. Was die Flüchtlinge tatsächlich erlebt haben, kann man aber trotzdem nicht nachvollziehen. Außerdem ist eine solche Veranstaltung nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Die Initiatoren der Aktion verstehen diese als Appell an die Politiker, sichere Fluchtrouten nach Europa zu schaffen, so dass Schutzsuchende die Möglichkeit haben, ihr Anliegen ohne Gefahr für Leib und Leben vorzubringen.
Graf vermutet: „Die deutschen Politiker haben sich lange auf das Dublin-Abkommen verlassen und geglaubt, kaum von den Flüchtlingsströmen betroffen zu sein.“
Das Dublin-Abkommen legt fest, dass derjenige Staat im Geltungsbereich das Asylverfahren durchführen muss, in den der Schutzsuchende zuerst eingereist ist. Bei syrischen Flüchtlingen verzichtet Deutschland allerdings inzwischen auf eine entsprechende Überprüfung.
Rosemarie Stanzel wünscht sich für die Zukunft eine „vorausschauende Politik“, die Probleme frühzeitig angeht. Diana Pascu ist ebenfalls gekommen, um ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen. Dabei will sie es jedoch nicht belassen. „Ich wünsche mir mehr Mitmenschlichkeit“, sagt sie. Zumindest vorübergehend hat die LKW-Aktion das Thema ins Blickfeld gerückt.
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Volker Dau aus Bochum | 04.09.2015 | 09:44  
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