Krankenhaus-Kapelle: Über 100 Jahre altes Gotteshaus auf dem Gelände der Augusta-Kliniken muss einem neuen Bettenhaus weichen

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Versteckt im Bereich zur Castroper Straße hin liegt die Kapelle.
 
Ersatz ist bereits gefunden: Unterm Dach des Krankenhauses wird der "Anatol-Raum" umfunktioniert. Zukünftig sollen die Gottesdienste hier stattfinden.

Der Kopf sagt „Es ist die einzig sinnvolle Lösung“ - das Herz sagt „Es ist eine schmerzhafte Entscheidung“: So lässt sich die aktuelle Gefühlslage bei Ulrich Froese, Geschäftsführer des Augusta-Krankenhauses, Pfarrerin Martina Haeseler und Pfarrer Berthold Boenig, Krankenhausseelsorger der Klinik, auf den Punkt bringen. Denn für den Neubau eines Bettenhauses muss die Krankenhauskapelle weichen. Eine Entscheidung, die sich die Beteiligten nicht leicht gemacht haben.

„Dass wir die Kapelle aufgeben,
berührt hier jeden“

„Wir stehen hier jeden Tag vor dem Problem, wo wir Patienten noch unter kriegen“, findet Ulrich Froese klare Worte für die Notwendigkeit eines Neubaus: „Das Augusta hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Etwa seit Mitte letzten Jahres – und auch in diesem Jahr – haben wir bis zu 100 Patienten pro Tag mehr als in den Jahren zuvor – und zwar durchgängig, in allen Abteilungen.“ Weil die Klinik zudem von den bisher üblichen Dreibettzimmer für Kassenpatienten weg und in Zukunft ausschließlich Ein- und Zweibettzimmer vorhalten will, wird zusätzlich Platz benötigt. „Auch für Kassenpatienten wird das Zweibettzimmer zum Regelzimmer“, blickt Froese in die Zukunft.
Im Klinikalltag ist die Zimmerbelegung oft ein Jonglierspiel, das von Aspekten der Hygiene oder der Verträglichkeit bestimmt wird: „Wir nutzen in der Regel heute schon die Dreier- als Zweibettzimmer“, berichtet er. „Man versucht, Männer und Frauen nicht zusammen zu legen - oder eine Gebärende nicht mit einem Onkologie-Patienten. Und wenn man einen Patienten mit einem Keim hat, liegt er allein auf dem Zimmer.“
Dort, wo seit 1906 die Krankenhauskapelle steht, soll ein Bettenhaus mit 100 Betten für die Gefäßchirurgie, die Urologie und die Chirurgie entstehen, allesamt in Ein- und Zweibettzimmern. „Der Neubau wird direkt an die dort bereits bestehenden Funktions- und OP-Bereiche angeschlossen, was für die Prozess­optimierung vorteilhaft ist und zudem die Pflegekräfte nicht zusätzlich belastet, die in den letzten Jahren ohnehin unter einer enormen Arbeitsverdichtung leiden.“ Alternativpläne - etwa einen Neubau im Patientenpark - habe man nach reichlicher Überlegung verworfen: „Das wäre viel zu weit weg und würde vom pflegerischen Aufwand her nicht funktionieren.“
„Dass wir die Kapelle für den Neubau angreifen, berührt hier jeden“, berichtet die ev. Krankenhausseelsorgerin Martina Haeseler. Regelmäßig sonntags finden hier evangelische Gottesdienste statt, die per Krankenhausfernsehen auch in alle Zimmer übertragen werden. Einmal pro Monat samstags gibt es einen katholischen Gottesdienst. „Zu den Gottesdiensten kommen meist nicht mehr als fünf bis sechs Personen, aber bei Gedenkfeiern sind es deutlich mehr.“ Maximal 80 Personen bietet die Kapelle Platz, die auch tagsüber für Patienten, Besucher und Mitarbeiter als Raum der Stille und des Gebetes geöffnet ist. „Angehörige von Verstorbenen zünden hier oft eine Kerze an“, weiß die Pfarrerin.

Ersatz ist bereits
gefunden worden

Als Ersatz soll der so genannte „Anatol-Raum“ in der obersten Etage als Kapelle hergerichtet werden. Der vom Künstler Anatol Herzfeld gestaltete Raum wird bislang vom Krankenhaus als Sitzungsraum oder für besondere Anlässe genutzt. „Es ist mit Abstand der schönste Raum des Krankenhauses und ich gebe ihn auch nur schweren Herzens auf“, macht Ulrich Froese deutlich. Doch die Kapazität von etwa 20 bis 25 Plätzen reiche für den Alltag aus, der Raum sei per Aufzug auch für mobilitätseingeschränkte Patienten viel besser erreichbar als die jetzige Kapelle und liege zudem in unmittelbarer Nähe der Krankenhausseelsorge. „Alles Argumente, die für die Umnutzung sprechen“, sind sich Seelsorgerin und Kaufmann einig.
Obwohl sie erst seit etwa vier Jahren als Krankenhausseelsorgerin in den Augusta-Kliniken arbeitet, weiß sie um die historische Bedeutung der Kapelle: „Nach dem Krieg und den verheerenden Bombenangriffen auf Bochum ist sie als erstes Gotteshaus in der Innenstadt wieder hergerichtet worden. Hier konnten bereits wieder Gottesdienste stattfinden, als Bochum noch in Trümmern lag, Hochzeiten wurden hier ebenso gefeiert wie Taufen.“
Die 108-jährige Geschichte der Kapelle könnte noch in diesem Jahr enden: Ein Bauantrag für das neue Bettenhaus werde gerade vorbeitet, eine Bauvoranfrage sei seitens der Stadt bereits positiv beschieden worden, berichtet Froese. „Ich rechne damit, dass wir frühestens Ende des Jahres mit den Abrissarbeiten beginnen werden.

Neues Parkhaus kommt auch

Damit ist die Neuaufstellung der Augusta-Kliniken, die in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiern, jedoch noch nicht abgeschlossen: Im nördlichen Bereich soll ein weiterer Anbau mit einem weiteren Bettenhaus mit internistischen Betten sowie einer Palliativstation - der ersten in Bochum - entstehen. Hier sind die Planungen schon weiter fortgeschritten, Mitte des Jahres wird mit dem Bau begonnen. Und dort, wo heute der große Parkplatz angrenzed an den Patientenpark ist, soll ein weiteres Parkhaus entstehen. Anfang 2016 rechnet Ulrich Froese mit dem Abschluss der Arbeiten - rund 25 Mio. Euro werden bis dahin investiert werden.
Trotzdem: Die Nachricht von dem Aus für die Kapelle, die per Newsletter unter den Mitarbeitetenden verbreitet worden ist, habe viele Kollegen sehr geschockt, berichtet Pfarrerin Haeseler. Dafür hat Ulrich Froese mehr als Verständnis: „Das habe ich erwartet - und ehrlich gesagt: Es wäre schade, wenn das nicht so wäre.“
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