"Man muss wissen, wo man hinmöchte" - Sommergespräch mit Stadtbaurat Dr. Markus Bradtke

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Schwieriges Thema: das Areal um den Telekomblock. Foto: Stadt Bochum

Als Kind wollte er Feuerwehrmann werden. Während seines Studiums hat er Überlegungen angestellt, wie er eine Position als Stadtbaurat ausfüllen würde, das aber als Jugendfanatasie abgetan und Beamter wollte er ohnehin keinesfalls werden. Vor 15 Jahren ist Dr. Markus Bradtke dann doch in der Stadtverwaltung gelandet und über die "Provinz" Ahaus und Witten in Bochum gelandet.

Kurz vor seinem 30. Lebensjahr beschloss Markus Bradtke, dass sein Lebensinhalt doch nicht darin bestehen sollte, Gutachten zu schreiben. "In diesem Job ist es das größte Erfolgserlebnis, dass 150 Seiten aus dem Drucker kommen, die man binden lässt und dem Auftraggeber übergibt. Man ist bestenfalls am Anfang des Ideenprozesses beteiligt, aber ich wollte immer in einer gestaltenden Funktion mitwirken."
Am 1. Oktober 2015 ist er nach einigen Umwegen wieder in seiner Heimatstadt Bochum angekommen. "Richtig ankommen musste ich aber nicht. Bochum ist meine Heimatstadt, hier bin ich aufgewachsen. Von daher war es leicht, sich wieder hier einzufinden. Obwohl es schon etwas komisch ist, wenn in einer Bürgerversammlung in der zweiten Reihe mein Vater sitzt."

"Keine klare Orientierung, wo Bochum 2030 sein möchte"


Vor seinem Wechsel nach Bochum war er neun Jahre Stadtbaurat in Witten. "Der Größenunterschied in der Verwaltung ist schon spürbar. In Witten hab ich mit 500 Menschen gearbeitet, hier sind es 2000." In sein Amt ist er mit einer umfassenden Analyse gekommen, die sich aus zahlreichen Interviews mit Menschen speiste, die hier in Bochum eine Meinung haben. "Aus dieser Analyse habe ich festgestellt, dass es ein Strategie- und Leitbilddefizit in dieser Stadt gibt. Es gibt keine klare Orientierung, wo Bochum 2030 sein möchte. Es gibt zwar sehr viele punktuelle und auch in fachlich sektoralen Planungen gute Ansätze, aber es fehlt meines Erachtens nach wie vor eine gesamthafte Verklammerung dieser einzelnen Aspekte in ein Gesamtkunstwerk."
Mit Antritt des neuen Oberbürgermeisters Thomas Eiskirch hat der Verwaltungsvorstand damit begonnen, sich mit den Visionen dieser Stadt zu beschäftigen. "Denn wenn ich keine Vorstellung habe, ob ich im Urlaub ans Meer fahren will oder in die Berge, dann weiß ich auch nicht, was ich in den Koffer packen soll. Übertragen auf meinen Geschäftsbereich heißt das, wenn ich weiß, dass Bochum in Zukunft die Stadt sein will, die wissensbasierte Wertschöpfung hat, dann muss ich Forschung, Entwicklung und produzierendem Gewerbe auch Standorte bringen. Wenn ich das aber nicht weiß, dann kann ich eigentlich nur Standorte entwickeln, die nur für unklare Ziele geeignet sind."

Fokus liegt auf Arbeiten, Wohnen, Bildung


Die Orientierung auf ein gemeinsames Ziel und die Beantwortung der Fragen, "Wo will Bochum hin?", "Was sind die Grundlinien unserer Stadtentwicklungspolitik?" ist für den Stadtbaurat eine entscheidende Größenordnung. Darin verankert sind die wichtigen Themen Arbeiten, Wohnen, Bildung. "Wir können allerdings nicht abwarten, bis die Strategiebildung abgeschlossen ist und arbeiten dahinter die anderen Themen ab. Denn gleichzeitig mit der Strategieentwicklung wissen wir heute schon, dass wir ein Problem mit der Wohnbaulandbereitstellung haben. Das heißt, wir haben unterschiedliche Geschwindigkeiten. In der langen Linie müssen wir Strategiebildung betreiben und gleichzeitig Aktivität bei Problemen zeigen, die offenkundig sind."
Offenkundig ist laut Markus Bradtke, dass Bochum eine Wohnungsmarktpolitik hat, die abweisend gewesen ist. Menschen haben in einer latent wachsenden Stadt nicht mehr das richtige Wohnungsangebot vorgefunden und sind in Nachbarstädte wie Witten abgewandert. "In meiner damaligen Rolle fand ich das prima. Wir haben ganze Baugebiete in Witten-Heven entwickelt, die zu 95 Prozent an Bochumer – überwiegend Menschen aus dem Hochschulbereich – verkauft wurden. In meiner heutigen Rolle sage ich: ganz klarer Indikator für eine falsche Orientierung Bochums in der Wohnungsmarktpolitik." Als Ergebnis aus diesem Wissen ist ein Sofortmaßnahmenprogramm auf den Weg gebracht worden, mit dem der Wohnungsmarkt in Bochum besser aufgestellt werden soll.

Flächen für Interessenten schaffen


Zum Thema Gewerbebauland hat die Verwaltung dem Rat den Vorschlag unterbreitet, zusätzliche Gewerbe- und Industrieflächen auf der Ebene der Regionalplanung vorzusehen. "Denn wir wissen, dass wir einen Bedarf haben, den wir aktuell aus unseren eigenen Flächen nicht decken können. Wir müssen das Thema Wohnen und das Thema Gewerbe in gleicher Bedeutung begreifen. Wenn wir heute sehen, dass Firmen abwandern, weil sie nicht mehr die richtigen Angebote vorfinden, und dass Brachflächen sich überhaupt nicht mehr mobilisieren lassen, dann müssen wir andere Flächen vorschlagen."
Problem bei den Gewerbeflächen: Es gibt ein Missverhältnis zwischen Bedarfslage und Verfügbarkeit. "Das Paradoxe ist, dass es in Bochum auf dem Papier zahlreiche Gewerbeflächen gibt, sie aber faktisch aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mobilisierbar sind: Eigentümer wollen nicht verkaufen, Mängel in der Erschließung, Altlasten, Eigentum der Montanindustrie. Deshalb haben wir in der Verwaltung die Entscheidung getroffen, dass wir zwar vorrangig Brachen entwickeln wollen, wenn das aber nicht möglich ist, gehen wir da, wo es vertretbar erscheint, in den Freiraum, ehe wir Interessenten abweisen."

Entwicklung der Opelflächen


Eine der großen Flächen ist das ehemalige Opelgelände. Das 60 Hektar große Areal wird in drei Tranchen geteilt. Ein Bereich ist die DHL-Fläche, auf dem sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang, "durchgepowert" werden darf. Für die übrigen beiden Flächen bleibt deswegen nur ein gewisses Kontingent an "Gewerbelärm" übrig. Den Vorwurf, dass dort Flächen geschaffen werden, die für die Industrie unattraktiv sind, lässt Markus Bradtke nicht gelten: "Dort können immer noch Betriebe angesiedelt werden, die im Zwei-Schicht-System zwischen 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends arbeiten können." Der dritte Bereich ist für Forschung und Entwicklung vorgesehen. Und laut Stadtbaurat wird es nicht lange dauern, "bis wir dort das erste Forschungsvorhaben sehen."

Problemthemen Telekomblock und Citytor Süd


Problematischer gestaltet sich der Lösungsfindungsprozess für zwei Themen in der Innenstadt. Beim "Citytor Süd" gehen die Meinungen über die gewünschte Bebauung zwischen Stadt und der Immobilen- und Standortgemeinschaft Bermuda3eck klar auseinander. Letztere will hier weiterhin Platz für Kreativwirtschaft lassen, die Stadt findet das konkrete Ansiedlungsinteresse eines Hotels durchaus spannend.
Ebenfalls auseinander gehen die Interessen bei der Entwicklung des Areals Landgericht und Telekomblock. "Das Problem ist, dass es sich um zwei Baugrundstücke mit verschiedenen Eigentümern handelt, hier die HBB, dort Andor Baltz", so Bradtke. Der Ur-Idee des städtebaulichen Wettbewerbs, hier ein offenes Einkaufcenter anzusiedeln, kann sich Baltz nicht anschließen. "Er befürchtet eine Umverteilung der Kundenströme. Aber wir sind in intensiven Gesprächen mit beiden Partnern und suchen nach einer guten Lösung für alle Beteiligten. Dazu gibt es durchaus konkrete Ideen."
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1 Kommentar
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Volker Dau aus Bochum | 19.07.2016 | 20:07  
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