Neues Einkaufszentrum, Umgestaltung Telekom-Block und Abriss des Bildungs- und Verwaltungszentrums - der zweite Anlauf

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Einkaufszentrum - moderne, offene Bauweise (links) vs. übliche, geschlossene Bauweise (rechts)
 
Neu zu bebauende bzw. zu entwickelnde Flächen in der Bochumer Innenstadt
 
Einkaufszentrum - moderne, offene Bauweise
 
Einkaufszentrum - moderne, offene Bauweise
 
Einkaufszentrum - moderne, offene Bauweise
Bochum: Rathausplatz | Im Jahr 2017 wird die Stadt voraussichtlich über wesentliche Umgestaltungen der Innenstadt entscheiden, die das Gesicht der City für die nächsten 30 Jahre prägen werden. Die Stadtpolitik stellt die Weichen dafür, in welcher Weise das neue Einkaufszentrum auf dem ehemaligen Justizgelände gebaut wird, was aus dem Telekom-Block wird und wie mit dem BVZ (Bildungs- und Verwaltungszentrum), insbesondere Stadtbücherei und VHS, weiter verfahren werden soll.

Stefan Postert, Leiter des Geschäftsbereich Stadtentwicklung der IHK hat bereits 2013 zutreffend festgestellt, dass die Entwicklung der genannten Gebäude und Areale darüber entscheidet, ob die Innenstadt in den nächsten 30 Jahren floriert oder sich der schleichende Niedergang fortsetzt. Gelingt eine attraktive Bebauung und Nutzung der zu entwickelnden Areale, kann so die Zukunft der Innenstadt als lebendiges Zentrum der Stadt gesichert werden. Entstehen neue Bausünden oder Leerstände, wird sich die Innenstadt davon jahrzehntelang nicht erholen.

Um jeden Preis müssen weitere Fehlplanungen in der Innenstadt vermieden werden, wie sie leider bei innerstädtischen Großprojekten der Vergangenheit regelmäßig vorkamen. Die Ansiedlung von Einkaufszentren ging bisher eigentlich fast immer schief: Man denke an Gerberviertel, Stadtbadgalerie, Drehscheibe, Kortumhaus und Sparkassengalerie. Auch der „Bongard-Boulevard“, unter dem jetzt die Straßenbahnen in einem teuren Tunnel fahren, während die Busse ihn weiter oberirdisch durchfahren, war nicht der große Wurf. Eine drei Etagen tiefe und überdimensionierte Stadt- und Straßenbahn-Station von der man in drei verschiedenen Tunneln zum Hauptbahnhof fahren kann und die chaotische Hans-Böckler-Straße, sind weitere Zeugen vergangener Planlosigkeit bei der Innenstadtentwicklung.

Leider machen die bisherigen Planungen wenig Hoffnung, dass es diesmal besser läuft. Die Planung eines Einkaufscenters auf dem Justiz- und Telekomgelände war allenfalls mittelmäßig. Entstehen sollte ein 08/15-Einkaufscenter ohne jede architektonische Ambitionen. Zum Glück sind diese Planungen mittlerweile zumindest im Hinblick auf das Telekomgelände gegenstandslos. Der Käufer des Telekom-Blocks Baltz konnte Schlimmeres verhindern.

Auch die Planungen zum BVZ (Bildungs- und Verwaltungszentrum) wurden wieder eingestampft. Den von der Verwaltung bisher vorgeschlagenen Abriss und Neubau im Appolonia-Pfaus-Park wird es voraussichtlich nicht geben. Auch hier waren die von der Verwaltung präsentierten Vorschläge städtebaulich wenig überzeugend.

Doch was wollen Politik und Verwaltung eigentlich? Darüber gibt es bisher keine klaren Vorstellungen. Der zuständige Strukturentwicklungsausschuss hat sich mit der Thematik seit 2014 nicht mehr beschäftigt. Der Oberbürgermeister versucht stattdessen die zukünftigen Planungen an der Politik vorbei zu manövrieren. Im Ältestenrat, der keinerlei Befugnisse in Sachfragen besitzt, sondern allein für Geschäftsordnungsfragen zuständig ist, versucht er sich diese Vorgehensweise absegnen zu lassen. Ein Affront, insbesondere für den Fraktionsvorsitzenden der SPD, Dr. Reinirkens, der zugleich dem Strukturentwicklungsausschuss vorsitzt und der bei dieser wichtigen Angelegenheit offenbar übergangen werden soll.

Ehe weitere Planungen angestoßen und wieder verworfen werden, müssen insbesondere im Strukturentwicklungsausschuss Leitlinien für die zukünftige Bebauung und Umgestaltung der Flächen intensiv diskutiert und vom Rat beschlossen werden. Folgende Grundfragen sind dabei von der Politik hinsichtlich der verschiedenen Areale (siehe Karte) grundlegend zu klären:

BVZ und Appolonia-Pfaus-Park

Soll das BVZ (Bildungs- und Verwaltungszentrum) saniert oder abgerissen werden? – Endlich muss insbesondere geklärt werden, was aus Kosten- und Nutzenabwägungen sinnvoller ist.

Wie kann der Platz des BVZ bzw. der Appolonia-Pfaus-Park weiter entwickelt werden? – Soll der Park sich zukünftig auch über die Fläche eines abgerissenen BVZ bis zum Rathaus und der Hans-Böckler-Straße erstrecken? Soll es eher eine Platz- oder eine Parkgestaltung geben?

Soll im Appolonia-Pfaus-Park weitere Wohnbebauung entstehen? – Sollen im Randbereich des Appolonia-Pfaus-Park Wohgebäude für innerstädtsches Wohnen errichtet werden?

Soll die Turnhalle am Appolonia-Pfaus-Park abgerissen werden oder erhalten bleiben? – Soll die Turnhalle oder als solche weiter genutzt werden? Ist eine andere Nutzung z.B. zur Aktenlagerung möglich und sinnvoll? Oder soll ein Abriss und eine Bebauung mit anderer Funktion erfolgen?

Wie soll ein neues Konzept für Stadtbüchere aussehen? Mit dem bisherigen Konzept hat die Stadtbücherei aufgrund der Digitalisierung der Medien keine Zukunft. Bevor neue Räumlichkeiten gesucht oder gebaut werden, muss ein zukunftsfähiges Konzept für die Stadtbücherei aufgestellt werden (Stadtbücherei - Schließung oder Neuausrichtung? vom 17.01.15). Erst aus diesem kann der erforderliche Raumbedarf abgeleitet werden.

Diverse Ämter, die aktuell im BVZ untergebracht sind, bzw. eigentlich im Rathaus untergebracht werden sollen, arbeiten aktuell leider weder optimal noch effizient. Daher ist eine Um- bzw. Neuorganisation erforderlich. Erst wenn hierfür Konzepte beschlossen wurden, können daraus der erforderliche Raumbedarf abgeleitet werden. Insbesondere hinsichtlich Sozial- und Jugendamt, Ausländeramt und Sozialamt sowie in Bezug auf die Zentralen Dienste fragt sich also, wie sollen diese um- bzw. neuorganisiert werden? Welche Raumbedarfe lassen sich danach ableiten?

Musikschule und Gesundheitsamt

Sollen Gesundheitsamt und Musikschule saniert werden? – Beide Gebäude sind sanierungsbedürftig, doch soll die Sanierung zusammen mit der Sanierung- oder dem Abriss des BVZ erfolgen? Oder sollte dieser Bereich erst in einem Schritt angefasst werden?

Sollte die VHS mit der Musikschule organisatorisch bzw. räumlich verzahnt werde? – Welche Synergieffekte könnten bei einer Zusammenlegung erzielt werden? In welcher Weise ließen sich bauliche Erweiterungen der Musikschule für die VHS umsetzen?

Soll das Gesundheitsamt an seinem Platz verbleiben? – Sind die Räumlichkeiten für das Gesundheitsamt optimal oder wäre eine anderweitige Nutzung der Gebäude sinnvoll.

Gebäude Willy-Brandt-Platz 8

Soll das Gebäude Willy-Brandt-Straße 8 saniert oder neu bebaut werden? Wie soll es zukünftg genutzt werden? Das Gebäude befindet sich direkt benachbart zum Rathaus. Es steht derzeit zu großen Teilen leer und ist wohl abbruchreif. Angedacht wurde bereits an diesme Ort zukünftig die Stadtbücherei in einem neuen Gebäude unterzubringen. Wie könnte die Fläche, das aktuelle oder ein neues Gebäude noch genutzt werden? Hierfür gilt es konkrete Vorschläge zu erarbeiten.

Rathausplatz/ Willy-Brandt-Platz

Welche Funktionen soll der Willy-Brandt-Platz zukünftig in der Stadt übernehmen? – Der Rathausvorplatz wird als Marktplatz zu eng. Auch erweist sich der Verkehr am Rand des Platzes als hinderlich. Wie kann der Platz besser gestaltet und besser an die Fußgängerzone angebunden werden. Wie kann er zu einem belebten Bindeglied zwischen City und Telekom-Block werden?

Telekom-Block

Soll der Telekom-Block ganz- oder teilweise abgerissen werden oder soll er erhalten bleiben? – Der aktuelle Eigentümer, Andor Baltz möchte den Telekom-Block gerne erhalten. Bisher sehen die Planungen einen Abriss vor. Welches Vorgehen macht für eine zukünftige Nutzung mehr Sinn?

Sollen im Telekom-Block städtische Ämter unterkommen? – Idealer Weise könnten die Ämter aus dem BVZ ganz oder teilweise gegenüber dem Rathaus untergebracht werden. Welche Anforderungen muss dafür die Bebauung auf dem Telekomgelände erfüllen?

Ist die Umsetzung eines Markthallenkonzeptes möglich? Ließe sich eine Markthalle in den Telekom-Block integrieren? – Die STADTGESTALTER hatten vorgeschlagen in die Bebauung auf dem Telekomgelände eine Markthalle zu integrieren (Wann kommt die Bochumer Markthalle? vom 06.03.2015). Eine Markthalle wünschen sich fast alle Fraktionen. Also ist ernsthaft zu prüfen, wie es gelingen könnte, die Stadt um eine Markthalle zu bereichern.

Sollte es am Rathausplatz bzw. entlang der Viktoriastraße im Telekom-Block offene Rathausbüros geben? Oder andere Ladenokale? Zur Belebung des Rathausplatzes wären Ladenlokale oder offene Verwaltungsbüros entlang des Platzes förderlich. Wie ließe sich so etwas ggf. realisieren?

Welche Planungen hat der Eigentümer Baltz? Wie bzw. in wieweit können die Planungen mit der Stadt abgestimmt werden? Der Eigentümer des Telekom-Blocks, hat für die Entwicklung feste Vorstellungen, diese müssen bei allen weiteren Planungen festgeschrieben und berücksichtigt werden.

Kann bzw. sollte die Stadt den Telekom-Block kaufen? Um das städtische Interesse an der städtbaulichen Gestaltung des Telekom-Blocks möglichst umfassend umzusetzen, müsste die Stadt den Telekom-Block ganz oder teilweise kaufen. Würde sich der jetzige Eigentümer darauf einlassen, wenn die Stadt im Gegenzug vertraglich zusichert, seine Anforderungen an die Entwicklungen zu erfüllen?

Schlegelturm und Sudhaus

Welche Nutzung und bauliche Gestaltung wäre für den Schlegelturm möglich? - Der Schlegelturm und das Sudhaus sind von besonderem städtischem Interesse. Eine neue, attraktive Nutzung und bauliche Gestaltung bietet viele Chancen, die unbedingt genutzt werden sollten. Lassen sich für Turm und Sudhaus Investoren finden? Welche Nutzungsideen schlagen diese vor? Wie kann die Stadt solche Investoren gewinnen?

Husemannplatz

Wie soll der Husemannplatz umgestaltet werden? – Der Platz erfüllt bisher leider nicht die Anforderungen an einen modern gestalteten, lebhaften Platz. Insbesondere fristen die meisten Geschäftslokale rund um den Platz ein trostloses Dasein. Auch behindert das Glascafé den Besucherfluss auf der Kortumstraße.

Ehemaliges Justizzentrum/ zukünftiges Einkaufszentrum

Welche Verkaufsfläche sollte realisiert werden? – 15.000 qm groß soll bisher die Verkaufsfläche sein. Kann ein Einkaufszentrum mit dieser Fläche dauerhaft überleben? Welches Sortiment kann auf dieser Fläche angeboten werden?

Wie soll das Einkaufszentrum städtebaulich gestaltet werden? Einkaufszentren werden in ganz unterschiedlichen Qualitäten gebaut, in üblicher Dutzendware (Beispiel 1) oder architektonisch und städtebaulich deutlich anspruchsvoller (Beispiel 2). Bisher war in Bochum leider nur ein 08/15-Einkaufszentrum geplant (Die Pläne zum Bochumer City-Einkaufsviertel - eine kritische Betrachtung vom 08.02.2014), dass kaum in der Lage sein würde neue Kunden nach Bochum zu ziehen. Wie kann die Stadt sicher stellen, dass auf dem Justizgelände ein besonderer, städtebaulich anspruchsvoller Gebäudekomplex entsteht (z.B. eine Freitreppe über die ganze Breite des Husemannplatzes), der sich in die Stadt einpasst. Es darf kein gesichtsloses Einkaufszentrum entstehen, dass bloß Kunden aus anderen Teilen der Fußgängerzone abzieht, die dann veröden.

Welche Planungen hat der Investor? Wie bzw. in wieweit können diese mit der Stadt abgestimmt werden? – Vorab ist zu klären, welche Zielsetzungen der Investor an das Einkaufszentrum stellt und wie diese mit den städtischen Vorstellungen idealer Weise verbunden werden können.

Verkehrs- und Wegbeziehungen

Welchen Verkehr soll die Achse Hans-Böckler-Staße/ Viktoriastraße zukünftig aufnehmen? Wie sollen Fußgänger diese Achse zukünftig bequem und sicher überqueren können? Muss diese Achse von privatem Verkehr genutzt werden oder sollte sie gänzlich verkehrsberuhigt werden?

Welche Wegbeziehungen sollen zwischen Rathaus, PeV, Willy-Brandt-Platz, Musikschule/ Gesundheitsamt und Hans-Böcklerstraße bestehen? - Kurze Wege zwischen allen Ämtern- und anderen städtischen Einrichtungen sind anzustreben. Ziel muss eine klare Wegführung sein, die eine durchgängige intensive Nutzung zur Folge hat und „dunkle Ecken“ vermeidet.

Wie soll eine Anbindung von Rathausplatz und Einkaufszentrum auf dem Justizgelände erreicht werden? Was für eine Funktion soll die Junggesellenstraße erhalten? - Vom Rathausplatz sollte es eine komfortable und attraktive Wegebeziehung durch den Telekom-Block zum Einkaufszentrum und zum Husemannplatz mit dem Ziel geben, dass die Bebauungen von Telekom- und Justizgelände (Einkaufszentrum) optimal in die Innenstadt integriert werden können.

Soll ein entsprechender Weg durch eine öffentliche Baulast sichergestellt werden? - Einkaufszentrum, Geschäfte, Markthalle oder gastronomische Angebote können nur erfolgreich sein, wenn die Menschen angeregt werden, die neu erschlossenen Flächen zu Fuß zu durchqueren und sich dort an ansprechenden Plätzen länger aufzuhalten.

Die Politik muss jetzt die Leitlinien festlegen

Eine ganzheitliche Entwicklung und Gestaltung über alle zu entwickelnden Flächen kann nur erfolgen, wenn die genannten Fragen zunächst von der Politik diskutiert und beantwortet werden. Auf diese Weise gibt die Politik Leitlinien vor, an denen sich die zukünftigen Planungen orientieren.

Bei der bisherigen Vorgehensweise ist zu befürchten, dass erneut viele unterschiedliche Planungen am Ende zusammenhanglos aneinander gestückelt werden. Wäre eine solche ganzheitliche Planung bei der Straßen- und Stadtbahn verfolgt worden, gäbe es heute statt drei nur einen Tunnel zum Hauptbahnhof und nur eine statt drei Tunnel-Haltestellen am Rathaus.

Auch ist der städtebauliche und architektonische Anspruch an die Bebauungen und die städtebauliche Gestaltung hoch zu halten. Noch mehr Bausünden und missglückte Einkaufszentren kann sich die Stadt nicht leisten. Bei der Gestaltung muss die Politik sicherstellen, dass sich die Stadt, anders als z.B. bei der Vonovia-Zentrale, nicht erneut über den Tisch ziehen lässt. Selbst mit Mittelmaß darf sich die Stadt nicht zufrieden geben.

SPD und Grüne müssen sich entscheiden, ob sie aktiv die Entwicklungen steuern wollen oder weiter der Verwaltung und dem Oberbürgermeister die Planungen überlassen. Die bisher vorgestellten, von der Verwaltung voran getriebenen Planungen waren leider wenig überzeugend. Es besteht also dringender politischer Handlungsbedarf.

Grundsätzlich zu überlegen ist dabei auch wie die Bürger in den Entwicklungsprozess einzubeziehen sind, an diesen gehen sämtliche Planungen bisher völlig vorbei.

Volker Steude
Die STADTGESTALTER - politisch aber parteilos
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9 Kommentare
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Volker Dau aus Bochum | 08.01.2017 | 17:30  
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Dr. Volker Steude aus Bochum | 08.01.2017 | 18:36  
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Volker Dau aus Bochum | 08.01.2017 | 18:48  
3.951
Dr. Volker Steude aus Bochum | 08.01.2017 | 19:38  
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Horst Schmidt aus Bochum | 08.01.2017 | 21:44  
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Dr. Volker Steude aus Bochum | 08.01.2017 | 23:42  
2.089
Marion Kamerau aus Bochum | 09.01.2017 | 10:05  
15.368
Volker Dau aus Bochum | 09.01.2017 | 12:26  
32.582
Hildegard Grygierek aus Bochum | 09.01.2017 | 20:19  
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