Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier zu Ehren von BM a.D. Dr. Guido Westerwelle im Auswärtigen Amt

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Berlin: Auswärtiges Amt | Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkfeier zu Ehren von BM a.D. Dr. Guido Westerwelle im Auswärtigen Amt

Diese Rede wurde am 04.04.2016 vom Pressereferat des AA versandt:

Lieber Michael Mronz,
liebe Familie Westerwelle,
liebe Familie Mronz!
Herr Präsident, lieber Jean-Claude!
Lieber Christian Lindner!
Exzellenzen,
Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes,
verehrte Gäste!

Ich begrüße Sie hier im Weltsaal zu einer gemeinsamen Gedenkfeier des Auswärtigen Amtes, der Freien Demokratischen Partei und der Westerwelle Stiftung. Wir sind hier, um Abschied von Guido Westerwelle zu nehmen – dem ehemaligen Bundesaußenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland, dem langjährigen Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Freien Demokraten.

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"Sie haben doch auch nur ein Leben." In Dhaka, Bangladesch, hat Guido Westerwelle das gesagt. Seine Kolonne rauscht auf dem Weg zum Flughafen vorbei an einem Abfallberg, in dem eine Familie nach Essbarem sucht. In der Kolonne sind alle in ihre Blackberrys vertieft. Nur dem Außenminister fällt die Szene auf, er stößt seinen Nachbarn an und sagt: "Die dort haben doch auch nur ein Leben."

So viel Guido Westerwelle als Außenminister in der Welt unterwegs war, so wenig verloren die Reisen ihre Wirkung auf ihn. Die Eindrücke berührten ihn – gerade die nicht-offiziellen Momente, scheinbar am Rande, die Begegnungen mit Aktivisten oder Auszubildenden, mit Künstlern oder Unternehmensgründern, und oft genug einfach mit Menschen auf der Straße. Er nahm sich Zeit für diese Begegnungen. Die Zeit musste her. Das Protokoll seufzte. Und nicht nur einmal rief er nach einer besonders berührenden Begegnung: "Die haben doch auch nur ein Leben – genau wie wir." Als Aufforderung war sein Satz gemeint! Wenn alle Menschen nur ein Leben haben – was brauchen sie, um aus diesem einen Leben etwas machen zu können? Das war der Ur-Impuls seiner politischen Arbeit: die Hinwendung zum Menschen und seiner Freiheit.

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Der öffentliche Guido Westerwelle wirkte scharfzüngig, manchmal distanziert, oft kühl. Er war ein Meister des rhetorischen Floretts. Ich saß ihm im Bundestag oft genug gegenüber – ich weiß wovon ich spreche… Er war ehrgeizig und willensstark wie kaum ein anderer. Das brachte ihn früh in politische Höhen, wo in so jungem Alter vor ihm noch niemand gewesen war. Er hat das Auf und Ab der Politik so heftig erlebt wie kaum ein anderer. Oft standen wir auf unterschiedlichen Seiten – sein Auf war mein Ab, und umgekehrt.

Doch hinter der Fassade von alledem besaß er eine außergewöhnliche Empfindsamkeit für Menschen, ihre Stimmungen, ihre Lebenslagen. Er war sensibel. Er war verletzlich. Auch wenn er das vor den allermeisten verstecken konnte.

Ich glaube: Seine menschliche Sensorik war letztlich eine seiner größten Stärken! Sie half ihm am Verhandlungstisch ebenso sehr wie als Redner vor großem Publikum. Ja, er war ein gefeierter Redner –aber nicht nur, weil er zu einem Publikum reden konnte, sondern weil er Schwingungen von einem Publikum aufnehmen und erwidern konnte. Sodass selbst der Kollege Gregor Gysi heute sagt: "Man hat ihm so gerne zugehört"…! Dieselbe Sensorik zeigte er als Chef – gerade als Chef dieses Hauses, der sich immer bewusst war, welche besonderen Belastungen ein Leben im Auswärtigen Dienst mit sich bringt. Und er zeigte sie als Partner, als Familienmensch, als treuer Freund, der -wo er nur konnte- Zeit herausschnitt für ein Telefonat, eine Begegnung oder einen Zwischenstopp – kostbare Zeit, die ihm nach Ende der politischen Karriere kaum mehr vergönnt war.

Die Hinwendung zum Menschen hat ihn ausgezeichnet. Er war, um es in den Worten seines großen Vorgängers und Vorbildes zu sagen: "ein herzensguter Mensch". Nun ist auch der große Hans-Dietrich Genscher verstorben – in gesegnetem Alter, nur Tage nach seinem 35 Jahre jüngeren Nachfolger.

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Guido Westerwelle war Optimist, er wollte Menschen Mut machen zum Leben. Bis hin zu seinem letzten Buch, einem "Lebensbuch", wie er sagte, das schon vielen Krebspatienten und ihren Angehörigen Mut gespendet hat.

Das Leben ausschöpfen – so war sein privater und sein politischer Antrieb. Er wollte eine Gesellschaft, in der Menschen etwas aus sich machen können und sich nicht verstecken müssen. Er wollte eine Politik, die den Menschen diese Freiheit ermöglicht. Das, im Kern, war sein Liberalismus. Damit hat er nicht nur seine Partei, die FDP, geprägt. Sondern der liberale Impuls bleibt wichtig auch für meine eigene Partei, die Sozialdemokratie, und für die offene Gesellschaft überhaupt. Für diesen liberalen Impuls steht am Ende Guido Westerwelle selbst – seine Biographie, mit all ihren Höhen und Tiefen. Guido Westerwelle hat die Freiheit gelebt. Er war und er bleibt in unserer Erinnerung ein Symbol für ein liberales und weltoffenes Deutschland.

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Für mich persönlich war Guido Westerwelle Nachfolger und Vorgänger im Auswärtigen Amt. Das ist, wenn ich recht informiert bin, einmalig in der deutschen Politik.

Zwei Übergabegespräche haben wir geführt – eines von mir an ihn, eines von ihm an mich. Ich erinnere mich gut an beide Gespräche und ich habe mich in den letzten Tagen gefragt: Hat er sich eigentlich verändert über diese vier Jahre von der einen Amtsübergabe zur nächsten? Oder – um einen weiteren Amtsvorgänger zu zitieren: Hat der Mensch das Amt verändert oder das Amt den Menschen?

Ich glaube, beides ist der Fall. Es war gewiss keine einfache Amtszeit. Euro-Krise, arabischer Frühling – er hat sich reingestürzt in Themen –"Druckbetankung" nannte er das. Die Krisen und Konflikte haben in ihm sowohl Begeisterung für die Diplomatie wie auch Demut für die Grenzen des Handelns geweckt.

Guido Westerwelle hat als Außenminister wichtige Entscheidungen getroffen. Viele davon stehen in der Kontinuität deutscher Außenpolitik:

Allem voran seine Leidenschaft und seine Prinzipientreue für Europa. Jean-Claude, Du wirst davon gleich berichten. Seine Antrittsreise führte ihn, in Absprache mit Paris, nach Polen. Früh in seiner Amtszeit war er mit der Eurokrise konfrontiert. Er hat sich im Mai 2010 gegen die Instinkte des Wahlkämpfers klar zum Zusammenhalt Europas bekannt. Er hat -ganz in der Tradition seiner liberalen Vorgänger- Verantwortung übernommen für Europa und er hat als Außenminister seine Partei unbeirrt auf Europa-Kurs gehalten.

Mit anderen Entscheidungen ging er neue Wege. Er hat auf die neuen Kraftzentren der Welt gesetzt – von der Eröffnung neuer Generalkonsulate, etwa in Shenyang im Nordosten Chinas, bis zur für ihn auch persönlich prägenden Vietnam-Reise 2011.

Er ging für neue Wege Risiken ein. Das größte davon war wohl die Iranreise im Februar 2011 zur Befreiung der beiden festgehaltenen deutschen Journalisten. Eine geheime Kommandosache, diskret vorbereitet. Gegen vielfachen Rat und in letzter Minute vor Ablauf der Flugfristen gelang es ihm, die beiden rauszuholen, indem er sie buchstäblich bei der Hand nahm auf dem Weg ins Flugzeug. Am Ende war es da wieder seine Hinwendung zu zwei Menschen und ihrer Freiheit – zwei Menschen, die ihm bis heute dankbar sind für seinen Einsatz.

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Mit alledem hat er im Auswärtigen Amt Spuren hinterlassen –wie auch das Auswärtige Amt in ihm. Das habe ich persönlich nie so deutlich gespürt wie vor gut zwei Jahren, bei der Amtsübergabe hier in diesem selben Saal. So freundlich, wie ich damals zurückempfangen wurde, so herzlich war der Abschied von Guido Westerwelle. Er hielt hier im Weltsaal eine freie, sehr persönliche Abschiedsrede an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, nachdenklich, herzlich und voller Dankbarkeit.

Da war viel geschehen! Denn den Vertrauensvorschuss, den ich hier im Auswärtigen Amt zu Beginn meiner zweiten Amtszeit erhalten und von dem ich profitiert habe – diesen Vertrauensvorschuss hatte er nicht. Das hatte meist weniger politische Gründe. Deshalb hat ihn persönliche, unfaire Kritik auch sehr getroffen. Guido Westerwelle hat sich Vertrauen und Respekt als Außenminister hart erarbeitet müssen - aber er hat es geschafft.

Sein Tod ist ein Moment der Trauer und des Innehaltens für uns alle im Auswärtigen Amt. Vielleicht ist es auch ein Moment des Nachdenkens über uns selbst in einer sich rapide wandelnden Welt. Guido Westerwelle hatte immer ein optimistisches Bild von Deutschland. Ein Land, das sich ändern muss, aber auch ein Land, an dessen Veränderungsfähigkeit er glaubte.

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Später an jenem Tag der Amtsübergabe standen wir beide zusammen in seinem bzw. meinem Büro oben im zweiten Stock und er sagte: "Sehen Sie, Herr Steinmeier: alles so geblieben!" In der Tat waren Schreibtisch, Regale und so weiter dieselben wie in meiner ersten Zeit geblieben. Doch unser Blick fiel auf die vielen zeitgenössischen Kunstwerke, die er privat gesammelt hatte und auf die er zu Recht stolz war. Und da sagte er: "Meinen Kunstkram nehme ich mit – dann passt da auch Ihre Willy-Brandt-Statue wieder hin..."

Seit Willy Brandt ist Guido Westerwelle der erste deutsche Außenminister, um den dieses Amt zu trauern hat. Und in dieser langen Linie erkennen wir ein Leitmotiv, das sich von Willy Brandt zu Guido Westerwelle und weiter zieht. Es heißt: Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik. Das war von Anfang an seine Richtschnur und es bleibt unsere Richtschnur! Friedliche Lösungen suchen, mit aller Beharrlichkeit. Politische und zivile Lösungen haben Vorrang. Militärische dürfen immer nur Ultima Ratio sein. Dazu gehörte auch Westerwelles Skepsis gegenüber den Luftschlägen in Libyen 2011 – eine Skepsis, die schon damals gute Gründe hatte und nicht erst heute im Licht der anhaltenden Instabilität in Libyen.

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Ich will noch ein letztes Mal zurückkommen auf den Moment der Amtsübergabe dort oben im Büro. Da fiel mir ein Gegenstand ins Auge, der einen Ehrenplatz auf Westerwelles Tisch hatte und der irgendwie herausstach zwischen den Immendorf-Gemälden und den Kunstmagazinen: eine kleine, quietschgelbe Micky-Maus-Uhr aus Plastik.

Sie stammt aus dem Gaza-Streifen. Eine seine ersten Außenminister-Reisen führte ihn dorthin. Nach schwierigen politischen Terminen gab es einen kurzen Besuch an einer Mädchenschule. Doch er blieb länger als nur fürs Foto. Er kam in ein lebhaftes Gespräch mit den 7- und 8-jährigen, fein rausgeputzten Mädchen, dort mitten im Kriegsgebiet. Irgendwann trauten sich die Mädchen, zogen eine Plastiktüte hervor und gaben ihm das Geschenk, für das sie zusammengelegt hatten: diese Uhr.

Später beim Sicherheitscheck am Flughafen fragten die israelischen Soldaten, ob die Delegation etwas aus dem Gazastreifen mitgebracht hätte, und Guido Westerwelle antwortete ganz offenherzig: "Ja, man hat uns eine tickende Uhr geschenkt."… Nach mehrfachem Durchleuchten der Micky Maus hat er sie schließlich und ausdrücklich auf eigenes Risiko an Bord mitnehmen dürfen.

Gern hat Guido Westerwelle diese Geschichte erzählt, mit leuchtenden Augen, weil die Mädchen ihn begeistert hatten. Da hatte die Hinwendung zu den Menschen wieder einen Funken in ihm entfacht. Und dieser Funke hat sicher auch beigetragen zu der Vision von Bildung und Zukunftschancen einer Stiftung, die er später gründete.

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"Sie haben doch auch nur ein Leben." Auch auf Guido Westerwelle trifft der Satz zu. Sein letztes Buch heißt „Zwischen zwei Leben“. Doch das zweite Leben nach der Politik war ihm nicht vergönnt. In dem Buch schreibt er: "Ich will Michael und meine Freunde nicht verlieren. Ich will wieder zurück in unser Haus auf Mallorca, meinen Kopf in den Rosmarinstrauch an der Mauer vor dem Eingangstor stecken."

Es ist ihm nicht vergönnt gewesen.

Viel zu früh ist er verstorben.

Das ist traurig. Das ist ungerecht. Das ist für viele von uns noch immer unbegreiflich. Doch wir, die wir weiterleben, werden sein allzu kurzes Leben in ehrendem Angedenken halten.

Danke, lieber Guido Westerwelle, sage ich im Namen aller Angehörigen dieses Auswärtigen Amtes, und Farewell!
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