Vorlesebücher für Menschen mit Demenz

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Mit Zeitzeugenerinnerungen gelingt es besonders gut, ältere, pflegebedürftige Menschen in ihre Kindheit und Jugend zurückzuführen. Hier knüpfen die „Vorlesebücher für die Altenpflege“ an. Der vierte Band der Reihe„Momente des Erinnerns. Zeitzeugen erzählen von früher“ liegt nun vor. Die Zeitzeugen, die hier zu Wort kommen, entstammen den Geburtsjahrgängen 1919 bis 1947 – sie gehören also zur selben Generation wie viele der Pflegebedürftigen, die in speziellen Einrichtungen oder zu Hause betreut werden. Ziel ist es, Gespräche der Senioren untereinander, aber auch mit Betreuern und Angehörigen in Gang zu setzen. Dabei ist auch an Menschen mit fortgeschrittener Demenz gedacht, deren Kurzzeitgedächtnis stark beeinträchtigt ist, die aber durchaus auf Geschichten aus der Zeit ihrer Kindheit und Jugend reagieren.
Die Reihe „Momente des Erinnerns“ im Zeitgut Verlag wird von der Psychologin und Altenpflegerin Bettina Rath mitbetreut. Der Zeitgut Verlag ist auf Zeitzeugen-Erinnerungen aus dem Deutschland des 20. Jahrhunderts spezialisiert. So steht Rath ein großer Fundus an Texten zur Verfügung. Bei der Auswahl geht es auch darum, denjenigen Unterhaltung und vielleicht auch Erkenntnisgewinn zu verschaffen, die die Geschichten vorlesen – Pflegekräften oder Angehörigen, die auf diesem Weg etwas über die Lebenswelt ihrer Eltern oder Großeltern erfahren.
Der vierte Band der „Momente des Erinnerns“ unterscheidet sich von seinen Vorgängern durch kürzere Sätze und großzügigere Illustrationen. Das erleichtert auch ungeübten Vorlesern die Präsentation der Texte und bietet den älteren Menschen auch visuelle Anknüpfungspunkte. Die meisten Texte sind auf eine Vorlesedauer von etwa einer Viertelstunde angelegt; länger als eine halbe Stunde dauert es auch bei den etwas längeren Texten nicht, sie vorzutragen.
Die Erzählungen sind vier Rubriken zugeordnet: „Immer mit der Mode“, „Unsere Haustiere“, „Aus der Nachkriegszeit“ und „Reiseträume“. Es geht um Modeerscheinungen wie den Bubikopf in den dreißiger Jahren und die Dauerwellen der Nachkriegszeit. Jüngere Vorleser wird es vermutlich erstaunen, welche Sensation es war, als die erste Frau im Kreis Coesfeld 1927 den Führerschein erwarb. Hühner und Ziegen verbesserten in den vierziger Jahren die oft prekäre Versorgungssituation. In den fünfziger Jahren war dann für manche auch eine Reise nach Italien drin. Diese Geschichten sollen Mut machen und Freude bereiten.
Ernster geht es naturgemäß in der Rubrik „Aus der Nachkriegszeit“ zu. Die Not dieses Zeitabschnitts war vielerorts Ausgangspunkt für erstaunliche Improvisationen, was heute durchaus zum Schmunzeln bringen kann. Aber auch die Folgen der rassistischen NS-Politik werden nicht unterschlagen. Auch hier steht aber der Neuanfang im Mittelpunkt: Eine 1932 geborene Frau berichtet, wie sie nach der Indoktrination in den nationalsozialistischen Jugendorganisationen durch ihre erste Begegnung mit einem Afroamerikaner von ihren Vorurteilen kuriert wurde.
Abgerundet wird der Band durch Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff und Wilhelm Busch. Die Zeitzeugen-Berichte, die verschiedene Regionen abdecken, sind lebendig erzählt und warten oft am Ende noch mit einer Pointe auf. Bei aller Individualität der Erfahrung sind sie repräsentativ genug, um bei Gleichaltrigen Erinnerungen an Selbsterlebtes wachzurufen. Bettina Rath will auf diese Weise einem schleichenden Identitätsverlust entgegenwirken: „Gelingt es, die durchaus noch vorhandenen positiven Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis wachzurufen, kann ein ungeahnt breites Spektrum von lebensgeschichtlichen Erfahrungen aktiviert werden. Es können Gefühle von Glück und Zufriedenheit, ja sogar Stolz auf die eigene Lebensleistung auftauchen, die längst verloren schienen.“ So kann auch ein Beitrag zum Dialog zwischen den Generationen geleistet werden.

Momente des Erinnerns. Zeitzeugen erzählen von früher. Auswahl. Band 4. Hg. v. Jürgen Kleindienst. Zeitgut Verlag. ISBN 978-3-86614-186-5
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