Wo Alkoholiker nicht „trocken“ sein müssen

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Das Team der Suchthilfe Bochum freut sich über das zehnjährige Bestehen des Wohnheims. (Foto: Felix Ehlert / Diakonie Ruhr)
Die Suchthilfe in Bochum forderte von alkoholkranken Menschen lange Zeit strikte Abstinenz als Bedingung für weiter gehende Unterstützung. Doch die Diakonie Ruhr sah und sieht darin eine zu hohe Hürde. „Die vergessene Mehrheit wird dadurch nicht erreicht“, erklärt Fachbereichsleiter Eckhard Sundermann. Mit der Eröffnung des Wohnheims Hustadtring vor genau zehn Jahren verfolgte er einen anderen Ansatz.

Widerstände und Kritik waren spür- und hörbar, als der Träger das Haus in Querenburg in Betrieb nahm. 34 Menschen, die nicht nur süchtig nach Alkohol, sondern auch körperlich und seelisch schwer von den Folgen dieser Sucht geschädigt waren, zogen dort ein. Die Prinzipien: Kein harter Alkohol, keine Drogen. Moderates Trinken nur auf den Zimmern, mehrmals tägliche Atemalkohol-Kontrolle.
„Zunächst einmal geht es darum, das Überleben der Menschen zu sichern“, erklärte Eckhard Sundermann beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen. „Dann darum, die Gesundheit zu verbessern. Wenn wir erreichen, dass die Abstände zwischen den Trinkphasen größer werden, steht am Ende als Ziel vielleicht die Abstinenz.“ Das Haus am Hustadtring ist Selbstversorger, das heißt, die 32 Bewohner und zwei Bewohnerinnen kümmern sich mit ums Kochen, Putzen, Aufräumen. Eine eigene Ergotherapie strukturiert den Tag. Regelmäßig regt Hündin „Bamboo“ die Menschen zum Toben im Garten oder zu Spaziergängen an.
Die zunächst fremde Einrichtung integrierte sich und die Bewohner bald in Querenburg. „Vielleicht war es genau der richtige Stadtteil, in dem man viel kämpfen muss, in dem man viel arbeiten muss, mit diesen vielen verschiedenen Menschen“, bilanzierte die Bochumer Bürgermeisterin Gabriela Schäfer, die sich damals für die Ansiedlung am Hustadtring stark gemacht und manchen Kontakt hergestellt hatte. „Die Bewohner bereichern uns. Wir empfinden sie nicht als Last, sondern als Nachbarn.“ Ein Stück Normalität im Zusammenleben – heute unter dem Stichwort Inklusion zusammengefasst – sei geschaffen worden.
Einige der ersten Suchtkranken wohnen auch heute noch in ihren Einzelzimmern im vierstöckigen Gebäude nahe des Uni-Centers, andere sind so stabil, dass sie wieder in eine eigene Wohnung ziehen konnten. Alle haben sie durch das Wohnheim menschliche Nähe und eine starke Verbesserung ihrer Situation erfahren.
Dr. Hans-Christoph Schimansky, der das Haus als Psychiater betreut, hob auf der Zehn-Jahr-Feier noch einmal den Wert jedes Einzelnen hervor: „Es steht über die Menschen nie in den Akten, was sie Gutes gemacht haben, wenn sie mal ein Jahr lang nicht getrunken haben. Aber genau da müssen wir ansetzen.“
Eine Kostprobe der in der Einrichtung sprießenden Kreativität gab die Theatergruppe „Die Überlebenskünstler“, die mit Witz und einer großen Portion Selbstironie in Vergangenheit und Zukunft blickte.
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