Ich war gerade 16 Jahr´..

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  Ich wurde gerade 16 Jahre alt, als ich ins zweite Lehrjahr ging. Mein Ausbildungsbetrieb: Steuerbüro E. Lange.

Des öfteren blätterte ich in der Mittagspause Urlaubsprospekte durch und kam aus dem Schwärmen über die herrliche Landschaft in Bayern nicht heraus. Da muss ich hin, da kann kommen was will – sagte ich mir immer wieder. Und ich hielt dran fest. Mein Plan bestand darin, die Kampenwand zu „erklimmen“, Aschau zu besichtigen, an den Chiemsee zu fahren, Frauen- und Herren-Insel zu besuchen - und Schloss Herrenchiemsee natürlich.

Gesagt getan – neee, so einfach war das nicht. Von-wegen gesagt getan. Meine Eltern waren von meiner Urlaubs-Idee, mit dem jungen Mann, den ich quasi gerade erst kennengelernt hatte, zu verreisen, nicht einmal annähernd so begeistert wie ich. Als befreundetes Pärchen wollten sie uns nicht auf Reise gehen sehen und bestanden darauf, dass wir uns vor der Reservierung des Doppel-Zimmers erst einmal verloben. Und zwar mit allen Zipp und Zapp.
Gehorsam wie wir waren, folgten wir natürlich der Anordnung der Eltern. Wir feierten also Verlobung. Bei den Schwiegereltern. Im Beisein der versammelten buckeligen Verwandtschaft steckten wir uns nach dem Kaffeetrinken die Ringe an, stießen mit Sekt an .. und waren verlobt.

Mein damaliger Chef, ein bergbegeisterter Hüttenwanderer, wusste mir so manchen brauchbaren Rat mit auf den Wander-Weg zu geben. Niemals eine Wanderung antreten ohne Toilettenpapier im Rucksack, legte er mir nahe, außerdem riet mir zur Anschaffung von Wanderschuhen mit festen Sohlen - und verwies dabei auf meine Plateau-Sohlen.

Mit dem Reisebus fuhren wir nach Bayern. Frisch verlobt und frisch verliebt. In Frasdorf angekommen, an einem wunderschönen warmen Frühsommertag, holte uns Herr Schweinsteiger mit einer Handkarre, für die Koffer, ab. Von einem winzig-kleinen Bahnhof ging es zu Fuß in eine hübsche Wohnsiedlung, wo Frau Schweinsteiger uns offensichtlich freudig erwartete - mit Kaffee und Kuchen. Frau und Herr Schweinsteiger, Eigentümer eines kleinen gepflegten Einfamilienhauses, stellten sich uns überaus höflich als frischgebackene Haus-Besitzer vor und führten uns in unser Zimmer mit Doppelbett – und ohne Bad. Wie groß meine Enttäuschung war, über das Waschbecken im Zimmer, daran kann ich mich heute noch genau erinnern. Immerhin hatte ich ein Doppel-Zimmer mit Bad und WC gebucht und nicht ein Zimmer mit Doppel-Bett und Waschbecken.
Nun gut – dafür durften wir morgens auf der kleinen Terrasse frühstücken, zusammen mit Familie Schweinsteiger. Irgendwie doch wie zuhause, so familiär, so kam es mir damals vor.

Herr Schweinsteiger war ein wirklich Netter. Nicht nur, dass er ständig nach dem Rechten schaute, wenn wir mal alleine zu Zweit zu frühstücken gedachten – auch am Abend schaute er kurz vorbei. Da konnte es noch so spät sein, Herr Schweinsteiger schaute noch mal rein. Selbstverständlich wurde vorher anständig an die Tür geklopft, sicherheitshalber hatte mein geläuterter Verlobter Toilettenpapier (aus dem Rucksack) in das Schlüsselloch gestopft.

Ja – so war das damals. Dennoch – es war schön, landschaftlich überwältigend schön. Fit wie wir waren sind wir von Frasdorf nach Aschau gelaufen, um von da aus die Kampenwand hochzusteigen. Mit einem unbeschreiblichen Panorama-Blick wurden wir belohnt, alle Anstrengung hatte sie auf jeden Fall gelohnt. Mehr als gelohnt hatte sich für uns die Fahrt zum Königssee mit dem Leih-Auto, ein hellblauer VW-Käfer. Was für ein Abenteuer, ich konnte es kaum erwarten, meinen Eltern davon zu berichten und der Mama von unseren Erlebnissen bei den Nonnen auf der Fraueninsel und dem Trompetenbläser auf dem Königssee zu erzählen. Oh je, Mama. Ich erinnere mich, dass ich einmal, quasi von einer Sekunde zur anderen fürchterliches Heimweh bekam. Nicht etwa Sehnsucht nach der Heimat, nein, Sehnsucht nach der Mama. Mamaaaaaaaa .. ich will .. ich wollte nach meine Mamaaaaaaa. Na ja, ich war ja auch schließlich erst sechzehn Jahr´, das erste Mal von zuhause fort – und die Mama in keiner Form erreichbar. Mit Papa hatte sie zeitgleich ein paar Tage Urlaub im Schwarzwald gemacht .. und auch ständig an mich gedacht. Von Papa erfuhr ich später, na ja durch Blume, ..sie hätte auch nicht immer gelacht.

Zwei Wochen vergingen dann doch recht schnell. Genau an dem Tag, wo Herr Schweinsteiger dann endlich begriff, dass er nicht alleweil nach dem Rechten schauen muss, mussten wir abreisen.
Mit der Sackkarre begleitete er uns noch zum Bahnhof, wo der Reise-Bus auf uns wartete. Ganz ganz liab winkte er uns noch bis seinem Taschentuch hinterher ....
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20 Kommentare
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 25.07.2017 | 18:05  
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Armin von Preetzmann aus Castrop-Rauxel | 25.07.2017 | 18:30  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 25.07.2017 | 19:10  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 25.07.2017 | 19:15  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 25.07.2017 | 20:00  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 25.07.2017 | 23:25  
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Peter van Rens aus Oberhausen | 25.07.2017 | 23:54  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 26.07.2017 | 08:08  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 26.07.2017 | 08:42  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 26.07.2017 | 09:22  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 26.07.2017 | 10:53  
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Peter van Rens aus Oberhausen | 26.07.2017 | 19:33  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 26.07.2017 | 19:36  
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Peter van Rens aus Oberhausen | 26.07.2017 | 19:43  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 26.07.2017 | 19:57  
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Peter van Rens aus Oberhausen | 26.07.2017 | 20:05  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 27.07.2017 | 08:38  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 27.07.2017 | 09:15  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 27.07.2017 | 21:17  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 28.07.2017 | 13:25  
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