„Die Spieler sind jetzt befreiter!“ - Christian Hochstätter äußert sich im Interview zum Trainerwechsel

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Im zweiten Teil des Interviews spricht VfL-Sportvorstand Christian Hochstätter auch über den Trainerwechsel von Gertjan Verbeek zu Ismail Atalan. (Foto: Andreas Molatta)
 

Am Freitag, 28. Juli, um 20.30 Uhr eröffnet der VfL Bochum gegen den FC St. Pauli die neue Saison in der 2. Bundesliga. Vor dem ersten Anpfiff spricht Sportvorstand Christian Hochstätter im großen zweiteiligen Exklusiv-Interview mit dem Stadtspiegel über die Rückkehr auf die große Fußballbühne, Härtefälle und Konkurrenzkampf im Kader und den Trainerwechsel von Gertjan Verbeek zu Ismail Atalan: „Die Spieler sind jetzt befreiter!“

Von Dietmar Nolte

Christian Hochstätter, der VfL Bochum darf sich auf die große Fußballbühne freuen: Das Eröffnungsspiel gegen St. Pauli steigt am Freitagabend exklusiv – Fußballdeutschland guckt kollektiv nach Bochum.
Christian Hochstätter
: Das ist cool, das finde ich echt gut und es freut mich auch. Es gibt doch nichts Schöneres für einen Fußballer, als zu wissen, dass du die Bühne an diesem Abend ganz alleine für dich hast. Im Sport passiert zurzeit noch nicht so vieles, da werden viele Menschen auf den Ligastart schauen. Für uns ist es eine hervorragende Möglichkeit, uns zu präsentieren. Wenn ich Spieler wäre, ich würde es mir wünschen, so ein Spiel zu haben, ganz alleine, dann noch unter Flutlicht. Das ist wie ein Finale – und das gleich am ersten Spieltag!

Mit dem FC St. Pauli trifft Bochum direkt auf einen starken Konkurrenten, anschließend stehen zwei Auswärtsspiele auf dem Plan. Wie bewerten Sie das Auftaktprogramm?
Man weiß nie, wann ein Gegner der richtige ist. Das Auftaktprogramm ist vor allem mit den beiden Auswärtsspielen sicherlich stramm. Danach kommt mit Dresden auch ein ambitionierter Gegner an die Castroper Straße. Aber wer oben mitspielen will, der muss eben jede Hürde nehmen.

Um oben mitzuspielen, haben Sie den Kader gezielt verstärkt. Er ist jetzt insgesamt sehr ausgeglichen, aber auch sehr groß. Härtefälle sind da vorprogrammiert – und auch gewollt?

Die letzte Saison hat uns nicht nur Nachteile gebracht, durch die lange Verletzungspause von gleich mehreren Leistungsträgern. In diesen Monaten haben wir auch junge Spieler einsetzen können, was diesen Spielern und dem gesamten VfL-Talentwerk gut getan hat. Sie sind alle jetzt ein Jahr weiter, erfahrener – Saglam, Leitsch, Pavlidis oder auch Janelt. Es sind einige junge Spieler ins kalte Wasser geworfen worden, bei denen man vorher nicht damit rechnen konnte, dass sie so viele Spiele bestreiten. Das hat uns damals und ihnen insgesamt geholfen. Aber am Ende der Saison hat man anhand der Platzierung auch gesehen, dass uns trotzdem eine gewisse Qualität gefehlt hat. Deswegen haben wir uns entschieden, mehr Konkurrenz in den Kader zu holen. Ist sie nicht da, wird der Stammspieler auch im Training weniger machen – das weiß ich aus eigener Erfahrung. Eine solche Situation wollen wir verhindern.

Bei starker Konkurrenz und Härtefällen ist vor allem der Trainer gefragt, dies entsprechend innerhalb des Kaders zu moderieren. War das mit ein Aspekt, warum Sie sich für Ismail Atalan als neuen Coach entschieden haben? Sie haben bei seiner Vorstellung explizit seine Art der Menschenführung gelobt.
Wir haben vor zweieinhalb Jahren damit begonnen, dem VfL Bochum eine neue, offensiv geprägte Spielphilosophie zu verpassen und klar festzulegen, wie der VfL auftreten soll. Das ist uns ganz gut gelungen, auch unter Gertjan Verbeek. Er hat gute Arbeit geleistet. Aber wir haben dann einen Punkt erreicht, an dem wir sagen: Um die nächste Stufe zu erreichen, müssen wir vielleicht etwas Neues machen. Wir haben dann geschaut, welche Trainer mit ihrer Philosophie zum VfL passen – und dieses Portfolio ist nicht allzu groß. Umso glücklicher war ich, Ismail Atalan im Januar in Gesprächen schon kennen gelernt zu haben. Ich habe ihn damals getroffen, weil ich überzeugt bin, dass es zu meinem Beruf gehört, sich mit Leuten auszutauschen, die in der Zukunft für einen Verein interessant werden könnten. Man muss sich kennen lernen, um auch ein Gefühl füreinander zu bekommen. Die Rückrunde, die er mit Lotte auch im DFB-Pokal gespielt hat, hat dann das bestätigt, was ich in der Vorrunde von ihm gesehen habe. Er ist vom Typ her sicher anders als Gertjan Verbeek. Und er ist auch kommunikativer im Gespräch.

Also hat dieser kommunikative Aspekt eine wesentliche Rolle gespielt? Haben Sie jemanden gesucht, der mehr das Gespräch und den Austausch sucht mit den Spielern?
Es ist ja nicht so, dass Gertjan Verbeek mit den Spielern nicht kommuniziert hat. Aber die Frage ist, wie man kommuniziert. Der entscheidende Punkt ist, ob ich jemanden mitnehme oder nicht. Dass Ismail Atalan jetzt auf die Spieler zugeht und viele Gespräche führt, ist doch klar. Er muss seine Mannschaft kennen lernen. Vielleicht sind die Spieler jetzt auch ein bisschen befreiter, zumindest der eine oder andere. Das sieht man auch auf dem Platz. Jeder merkt, dass er aus einer Schublade, in der er unter dem Vorgänger gesteckt hat, auch rauskommen kann. Das merkt man am Engagement, im Spiel und auch im Training. Für die Spieler ist es eine Chance, für den Trainer auch. Und vielleicht sieht die Mannschaft dann zum Saisonstart auch ganz anders aus, als wir sie kennen.

Wenn die Mannschaft insgesamt befreiter wirkt, sagt das aber durchaus auch etwas über die Situation unter dem alten Trainer aus.
Ich bin keiner, der nachkartet. Das kommt für mich nicht in Frage. Ich habe zweieinhalb Jahre zu diesem Trainer gestanden und meine Meinung über Gertjan Verbeek hat sich bis heute nicht geändert. Es hat Dinge gegeben, die uns als Vereinsführung veranlasst haben, zu sagen, jetzt geht es nicht mehr. Ob die Mannschaft insgesamt befreiter ist? Ich glaube schon. Denn natürlich ist jetzt eine gewisse Euphorie zu spüren, weil jeder wieder an seine Chance glaubt und der Trainer jeden Spieler für sich neu einschätzt. Das ist jedenfalls mein Eindruck.

Der Zeitpunkt der Trennung mitten in der Vorbereitung und kurz vor dem Saisonstart ist zum Großteil auf Erstaunen und auch Unverständnis gestoßen. Hat Sie die Entwicklung am Ende selbst überrollt? Immerhin haben Sie Verbeek vor einem halben Jahr noch als besten Trainer der 2. Liga gelobt.
Über den Zeitpunkt kann man sich immer streiten. Im Rückblick wäre es natürlich am besten gewesen, nach der letzten Saison diesen Schritt zu machen. Hätte ich da dieses Gefühl gehabt, dass es notwendig ist, hätte ich es auch getan. Aber das Gefühl hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht. Aber wie gesagt: Es bringt nichts, sich jetzt über Vergangenes zu unterhalten. Nun ist der neue Trainer da, der Blick geht nach vorn. Ismail Atalan hat immerhin drei Wochen Zeit, die Mannschaft vorzubereiten. Andere Trainer müssen manchmal nach drei Tagen ihr erstes Spiel bestreiten. Unsere Mannschaft ist intakt, sie ist gut geschult. Die Automatismen, die der neue Trainer in die Mannschaft bringen will, werden natürlich noch ein bisschen Zeit brauchen. Aber bisher setzen die Spieler es schon sehr gut um.

Wie ist bisher Ihr Eindruck von Ismail Atalan, was Auftreten, Ansprache und Trainingsarbeit betrifft?
Ismail ist jemand, der sehr wissbegierig ist und Dinge aufsaugt. Er hat aber auch eine klare Vorstellung davon, was er sich wie vorstellt. Seine Trainingseinheiten fand ich teilweise sehr interessant, weil ich sie so nicht kannte. Er hat in seiner ersten Woche auch sehr viele Einzelgespräche mit Spielern geführt. Auch mit mir hat er sich länger ausgetauscht. Ich habe ihm meine Meinung über einzelne Spieler dabei aber nicht gesagt. Er soll den Spielern unbedarft gegenübertreten und sich wirklich seine eigene Meinung bilden können. Natürlich werde ich ihm auch mal meine Sicht der Dinge erklären. Aber aktuell soll der Trainer die Charaktere der Spieler kennen lernen. Umgekehrt sollen die Spieler merken, wie der Trainer tickt und reagiert. Insgesamt kann man schon beobachten, dass die Jungs mit Freude bei der Arbeit sind. Aber am Ende zählen nicht die Ergebnisse in den Testspielen, auch nicht die Partie gegen den BVB. Zum Saisonauftakt gegen St. Pauli am Freitag, da müssen wir da sein!


Schalkes Manager Chris-tian Heidel, der auch einen neuen Trainer verpflichten musste, hat gerade die Aussage gemacht, alle guten Trainer seien kompliziert und manchmal auch anstrengend. Ismail Atalan wirkt bisher weder kompliziert noch anstrengend…
Ich glaube, dass Christian Heidel da nicht falsch liegt. Trainer, die erfolgreich sind, haben auch eine gewisse Eigenart, die sicher anstrengend sein kann. Ich habe mit vielen Trainern als Spieler und als Manager gearbeitet. Diejenigen, die eine klare Vision davon haben, wie sie Fußball spielen wollen, sind in der Tat nicht ganz einfach. Ich bin auch der Überzeugung, dass ein Trainer ein Umfeld haben muss, in dem er sich verwirklichen und seine Möglichkeiten umsetzen kann. Aber auch hier gibt es einen Rahmen, den der Verein vorgibt. Es wird sich in Bochum, solange ich hier bin, kein Trainer oder Spieler über die Interessen des Vereins stellen. Im Übrigen weiß ich, dass auch der immer sehr sympathische und freundlich lächelnde Ismail Atalan ganz anders sein kann. 
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