Ring-Runden: Zwischen 70 Prozent und Adrenalin pur

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Der frühere Motorsport-Champion Volker Strycek ist Geschäftsführer des Opel Performance Centers (OPC). Foto: Adam Opel AG
 
Dieser freundliche Herr nimmt nicht Fahrt auf - er gibt Gas. Mit dem Platz hinter dem Schreibtisch begnügt sich OPC-Geschäftsführer Strycek nicht. Fotos (6): Marc Keiterling
 
Die Eifel saust außen am Fahrzeug vorbei.

Im Rahmen von Touristenfahrten hat jedermann die Möglichkeit, einmal die berüchtigtste Rennstrecke der Welt zu umrunden. Es gibt auch „Taxen“, die den Rennsportfreund ambitioniert und ohne Einsatz des eigenen Materials über den Eifelkurs chauffieren. Ausgesprochen glücklich darf sich schätzen, wer einmal mit einem Vollprofi am Steuer die Nordschleife des Nürburgrings erleben darf.

Voraussetzung: Benzin im Blut und ein gelassener Magen. Gelassenheit strahlt jener Mann aus, der den Stadtspiegel-Mitarbeiter an diesem Morgen einsteigen lässt. Hautnah mit Volker Strycek, es werden aufregende Minuten. Strycek und Bochum, das ist eine lange Beziehung. „Ich habe viele Jahre meines Lebens in dieser Stadt verbracht. Meine Mutter war bis zu ihrem Lebensende in Bochum zuhause“, sagt der gebürtige Essener und Mitglied des hiesigen Motorsportclubs Ruhrblitz.

Gesamtsieger ohne Rennsieg


Volker Strycek. Dieser Mann hat Motorsportgeschichte geschrieben. Im Jahr 1984 gewann er auf einem BMW 635 CSi die Gesamtwertung der Deutschen Produktionswagen-Meisterschaft, dem Vorläufer der heutigen Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM). Dabei bewies der inzwischen 57-Jährige vor allem große Konstanz. Den Titel holte er sich, ohne ein einziges Einzelrennen gewonnen zu haben. Aus Bayern wechselte er vor 30 Jahren zu Opel, diesem Haus hält er bis heute die Treue. 1998 übernahm Strycek die Geschäftsführung des ein Jahr zuvor gegründeten Opel Performance Centers (OPC). Die Konzerntochter ist für die europaweite Planung, Entwicklung und Koordination sämtlicher Motorsport-Aktivitäten der Marke Opel zuständig. Dazu gehören auch die leistungsstärksten Fahrzeuge des Hauses. Den Corsa, das auf dem Astra basierende Sportcoupé GTC und den Insignia gibt es mit OPC-Zusatz und Extradampf unter der Haube.

Statt Fotos zu schießen, schießt das Adrenalin


Ein GTC OPC ist es, in dem ich hinten rechts Platz nehme. Die Kamera im Anschlag. Mein Plan: die vorbeifliegende Landschaft neben Stryceks Kopf ins Bild zu bekommen. Wir rollen an der Touristeneinfahrt im Streckenabschnitt „Döttinger Höhe“ auf die 20 Kilometer lange Strecke, dann gibt der Mann am Steuer den 280 Turbo-PS die Sporen. Auf der Geraden drückt es mich sofort mit Nachdruck in den Sitz, die ersten Fotos schieße ich durch. Danach schießt mir nur noch Adrenalin durch den Körper. Bilder knipsen? Vergiss´ es! Die erste Rechtskurve nach dem „Tiergarten“ macht mir deutlich, was jetzt noch zu tun ist. Nämlich die wild in Bewegung kommende Kamera an einer gefährdenden Rundum-Rotation zu hindern. Runter geht es in das Kurvengeschlängel des Abschnitts „Hatzenbach“. Knallhart wechselt Strycek zwischen Gasfuß und Bremse, räubert an den Randsteinen entlang, wirft den Wagen – bei voller Kontrolle – von rechts nach links. Selbst der straffe Gurt kann die an meinem Körper zerrenden Fliehkräfte nur mühsam bändigen. Je nach Kurvenlage verlassen entweder der rechte oder der linke Fuß den Fahrzeugboden. Gegenwehr: zwecklos. Bei Kilometer fünf preschen wir am „Schwedenkreuz“ vorbei. „Jetzt geht es runter in die Fuchsröhre“, sagt Volker Strycek, wie er überhaupt alle Streckenabschnitte vorstellt. Selten höre ich, was er sagt, der Opel entfacht einen ordentlichen Sound.

20 Kilometer, 73 Kurven, 18 Grad Gefälle


Ich bin selbst bereits einige Male auf dieser Piste gefahren. Ich habe auch einmal eine Ringtaxifahrt unternommen. Doch das war alles ein Kindergeburtstag, verglichen mit diesem Ausflug. Das knallt mir durch den Kopf, als wir erneut durch mehrere Kurven auf den Abschnitt „Wehrseifen“ zudonnern. „Das kann eigentlich nicht gutgehen“ – so empfinde ich es beim Anbremsen. Fünf Hundertstel später: „Alles bestens, der Mann hat´s einfach drauf!“ Nicht einen Wimpernschlag später wiederholt sich die Nummer. Und nochmal. Und nochmal. Die Nordschleife, vom dreimaligen Formel 1-Weltmeister Jackie Stewart einst als „Grüne Hölle“ bezeichnet, ist und bleibt das Nonplusultra unter den Rennstrecken der Welt. 73 Kurven, die meisten davon eine Herausforderung in sich, Steigungen und Abfahrten mit einem Gefälle von bis zu 18 Grad, wechselnde Fahrbahnbeläge und die schiere Länge von mehr als 20 Kilometern machen die Geschichte zu einer immer wieder neuen Herausforderung, die nur der meistert, der sie mit Respekt und gut vorbereitet in Angriff nimmt. „Auch ich muss mir diese Strecke im wahrsten Sinne des Wortes bei jeder Runde neu erfahren. Hier musst du stets hochkonzentriert sein“, wird mir Volker Strycek später verraten.

Der Schreiberling ist schweißgebadet


Kurzes Durchatmen während der Bergauf-Passage in Richtung „Karussell“, dann lassen Ring und Fahrer mich erneut im Sitz tanzen. „Eschbach“, „Brünnchen“, „Pflanzgarten“, „Schwalbenschwanz“. Opel schreibt über den GTC OPC: „Das Hochleistungs-Fahrwerk bringt die unbändige Kraft sicher auf die Straße. Seinen Feinschliff erhielt es auf der Nordschleife des Nürburgrings. Immer mit dabei – der Rennfahrer Joachim Winkelhock. Das Ergebnis kann sich sehen und vor allem extrem sportlich durch die Kurven jagen lassen: Hohe Querdynamik und überragendes Handling begeistern den ambitionierten Piloten.“ Ich will das an dieser Stelle mal deutlich unterstreichen: Diese Reklame ist zutreffend. Trotz moderater Außentemperaturen an diesem Morgen, trotz der Klimaanlage: Der Schreiberling ist schweißgebadet. Völlig begeistert ist er auch, als er dem GTC OPC entsteigt. Die anderen Wagen, die mit uns auf der Strecke waren, kommen noch für viele, viele Minuten nicht ins Bild. „Niemand kennt die Strecke wie Volker“, raunt mir ein Kenner zu. „Der ist so eng mit diesem Auto verbunden, die Kiste könnte auch ´Opel Strycek´heißen“, grinst sein Kollege. 2003 gehörte er übrigens zum Siegerteam des 24-Stunden-Rennens am Nürburgring.
„Haben sie noch Lust auf eine gemütliche Runde im Oldtimer?“, fragt Strycek. Na klar, so können wir wenigstens noch ein paar Sätze miteinander sprechen. Mit seinem privaten Opel GT Junior von 1973 fahren wir den zweiten gemeinsamen Umlauf. „Wow, das ging ab! Wieviel Prozent von dem, was maximal möglich ist, habe ich gerade erlebt?“ Strycek: „Etwa 70 Prozent. Wenn wir hier testen, würde die gerade gefahrene Runde etwa dem Tempo des Warmfahrens in einem ersten Umlauf entsprechen.“ Ah, ja...

„Motorsport dient der Verbesserung“


„Wie schnell muss der Mensch sein? Wofür ist das gut?“ Ich riskiere mal zwei Fragen, die etwas provokant daherkommen. „Nur wenn man am Limit testet, können wir hilfreiche bis hin zu lebensrettenden Komponenten für die Autos entwickeln, die schließlich dem Käufer angeboten werden. Daher darf man den Motorsport nicht als Selbstzweck betrachten. Er ist vielmehr eine Art `Forschungslabor´ für Verbesserungen in der Serienfertigung“, antwortet Strycek. Und weiter: „Die Zeiten mit den durchdrehenden Rädern an der Ampel – das ist Quatsch und Vergangenheit. Ein leistungsstarkes Auto zu fahren, heißt auch, Reserven zu haben. Reserven, die etwa zu einem sicheren Überholen beitragen.“
Abschließende Frage: Was vermisst ein „Ruhri“, der seit vielen Jahren in der Nähe von Limburg lebt? Strycek lachend: „Also, wir fühlen uns an der Lahn sehr wohl. Aber den Menschenschlag der Heimat gibt es so halt nirgendwo sonst. Direkt und kumpelhaft, manchmal rau, meist herzlich, alles zusammen – ab und an geht mir das im Alltag schon ab.“
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2 Kommentare
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Volker Dau aus Bochum | 26.10.2015 | 18:49  
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Thorsten Ottofrickenstein aus Menden (Sauerland) | 27.10.2015 | 15:34  
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