VfL Bochums Sportvorstand Sebastian Schindzielorz im Exklusiv-Interview: "Ich spüre den Druck!"

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Sebastian Schindzielorz geht seine neue Aufgabe als Sportvorstand mit Optimismus an, verhehlt aber auch nicht einen gewissen Druck. Foto: Molatta
 
Trio für den sportlichen Erfolg (v.l.) Sportvorstand Sebastian Schindzielorz, Trainer Robin Dutt und Co-Trainer Heiko Butscher. Foto: Molatta
 
Tradition und Innovation - darauf setzt Sebastian Schindzielorz beim VfL Bochum. Foto: Molatta
 
Christian Hochstätter, Vorgänger von Schindzielorz als Sportvorstand. Foto: Archiv: Molatta
Bochum: Vonovia Ruhrstadion |

Mit Sebastian Schindzielorz verantwortet seit Februar ein echter Bochumer Junge das sportliche Geschehen beim VfL Bochum. Im ersten Teil des großen Exklusiv-Interviews mit dem Stadtspiegel spricht der 39-Jährige über seine neue Aufgabe, Chancen und Druck, die Bochumer Philosophie und das Bild der blau-weißen VfL-Familie. 

Im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews spricht Sebastian Schindzielorz über den Abstiegskampf, blau-weiße Perspektiven und den nächsten Gegner Eintracht Braunschweig.

Sebastian Schindzielorz, Sie sind erst einige Wochen im Amt – und gleich eine Ihrer ersten Aufgaben war die Verpflichtung eines neuen Trainers. Die Wahl von Robin Dutt hat überrascht und galt auch als mutig. Wie sind Sie gerade auf ihn gekommen?
Wenn man einen neuen Trainer sucht, muss man die Ausgangslage analysieren. Wir hatten sehr viel Unruhe im Klub. Mit Ismail Atalan und Jens Rasiejewski hatten wir zwei Trainer, die ihre Qualifikationen haben, aber im Profifußball eben doch ganz neu eingestiegen sind. Ich habe daher entschieden, dass ich für den VfL Bochum in dieser Situation gerne einen erfahrenen Trainer verpflichten möchte, der eine gewisse Ruhe und Souveränität ausstrahlt. Zugleich gibt er aber eine klare Linie vor. Nach den Gesprächen mit Robin Dutt hatte ich den Eindruck, dass er dafür genau der richtige Mann ist, was sich aus meiner Sicht bislang auch so bewahrheitet hat. Und ich hoffe, das setzt sich so in den nächsten Wochen und Monaten fort.

War es schwierig, Robin Dutt vom VfL Bochum zu überzeugen?

Wenn man sich seine Vita als Trainer anschaut, dann stehen da natürlich schon einige Erstligisten. Und zum Beispiel mit Bayer Leverkusen auch ein Klub, der international gespielt hat. Zudem hat er auch schon beim DFB in leitender Funktion gearbeitet. Ich hatte bei ihm aber schnell den Eindruck, dass er sich die Aufgabe beim VfL nicht nur zutraut, sondern auch sehr gut vorstellen kann. Unsere Gespräche waren von Beginn an sehr angenehm, positiv und zielführend.

"Teamarbeit muss eine große Rolle spielen"

Ist es ein Glückfall für den VfL, dass mit Heiko Butscher ein Co-Trainer im Team ist, der sowohl Robin Dutt als auch den Verein sehr gut kennt?
Ich habe schon vor einiger Zeit betont, dass die Teamarbeit beim VfL eine sehr große Rolle spielen muss. Dazu ist es auch entscheidend, wie man ein solches Team zusammenstellt. Mit Heiko und mir gibt es jetzt Personen, die eine Bochumer Komponente einbringen. Wir kennen den Verein und die Menschen im Umfeld über viele Jahre sehr gut. Mit Robin Dutt ist jemand von außen dazu gekommen, der schon für große Klubs gearbeitet hat und auch allein aufgrund seines Alters nochmal eine andere Sicht auf die Dinge hat. Hinzu kommt Ilja Kaenzig, der auch schon viele Jahre im internationalen Fußball unterwegs war. Ich denke, als Team bedienen wir insgesamt viele Facetten. Daraus kann etwas Gutes entstehen.

Verändert sich jetzt als Sportvorstand eigentlich Ihr Leben generell – allein zeitlich?

Ganz ehrlich? Nein, das verändert sich nicht. Ich war vorher auch eingebunden in viele Dinge, war viel unterwegs. Natürlich kommen jetzt noch Termine hinzu, die ich vorher so nicht wahrgenommen habe, sei es mit dem Aufsichtsrat, dem Wirtschaftsrat oder gewissen Sponsoren. Aber zeitlich und inhaltlich ändert sich nicht so vieles für mich. Der große Unterschied ist, dass man die Entscheidungen am Ende alleine trifft, während man vorher eher der „Zuarbeiter“ war. (lacht)

Empfinden Sie die neue Aufgabe und die neue Verantwortung auch als Drucksituation?
Ja, ich spüre den Druck durchaus. Zum einen ist es tabellarisch natürlich eine Drucksituation. Zum anderen entsteht ein gewisser Druck für mich auch durch meine Vorgeschichte. Ich bin Bochumer, ich habe hier 15 Jahre gespielt, meine Familie lebt hier. Ich habe viele Freunde, die zum VfL gehen. Ich kenne die Mitarbeiter teilweise seit 20, 25 Jahren. Da ergibt sich natürlich auch nochmal ein gewisser Druck. Aber ich bin sicher, dass wir als Team in der Lage sind, unsere Ziele zu erreichen. Ich kann auch spüren, dass sich jeder einbringt, sei es in der Geschäftsstelle oder im Umfeld.

Sie haben vorher mit Christian Hochstätter zusammengearbeitet. Haben Sie sich von ihm vieles abgeschaut für Ihre jetzige Aufgabe als Sportvorstand?

Zunächst bin ich Christian sehr dankbar, dass er mir damals die Möglichkeit gegeben hat, in seinem nächsten Umfeld mitzuarbeiten. Aber es geht jetzt nicht darum, gewisse Dinge zu kopieren. Natürlich muss ich jetzt meinen eigenen Weg finden und dabei nach bestem Gewissen die Entscheidungen treffen, von denen ich denke, dass sie für den gesamten Verein und die Mannschaft am besten sind. Da ich lange im Fußballbereich aktiv bin, haben sich auch viele Kontakte aufgebaut. Da kann man mal den einen oder anderen anrufen und sich bei Personen in ähnlichen Positionen auch mal einen Rat einholen. Aber die Entscheidungen musst du dann am Ende selbst treffen, und die musst du aus Überzeugung treffen.

Jeder macht mal Fehler, gerade in einem neuen Job. Kann man sich das als Sportvorstand in diesem knallharten Bundesligageschäft überhaupt noch leisten?

(lacht) Den Fehler bekommt man dann von den Medien am Tag später direkt aufs Brot geschmiert. Nein, im Ernst: Man versucht bei allen Entscheidungen, sie bestmöglich abzuwägen. Dass es im Nachhinein immer mal die eine oder andere Geschichte geben wird, die man mit seiner späteren Erfahrung anders hätte lösen können, ist doch auch klar. Aber das liegt in der Natur der Sache und ist kein exklusives Problem, das ich habe.

"Hinbekommen, dass es vorrangig um Fußball geht"

Christian Hochstätter hat als Sportvorstand zusätzlich den Bereich Kommunikation verantwortet, den jetzt Ilja Kaenzig übernommen hat. Sind Sie froh, sich komplett auf das Sportliche konzentrieren zu können?
Zunächst glaube ich, dass es einem Fußballverein grundsätzlich gut tut, wenn man sich in erster Linie um das Sportliche kümmert. Wir mussten in Bochum leider die Erfahrung machen, dass es daneben viele Themen gab, die uns auf dem Platz nicht gerade geholfen haben. Aber auch in diesen Themen stimmen Ilja Kaenzig und ich uns natürlich ab. Er verantwortet den Bereich Kommunikation, das ist richtig. Aber wir versuchen beide, es mit unserer Art gemeinsam so hinzubekommen, dass es beim VfL in unserer jetzigen Situation vorrangig um Fußball geht und nicht um andere Geschichten.

Lassen Sie uns über die sportlichen Inhalte sprechen. Christian Hochstätter hat eine sogenannte VfL-DNA propagiert – mutiger Offensivfußball, der vom Jugend- bis zum Profibereich trainiert und gespielt wird. Entspricht das auch Ihrer Philosophie?
Christian und ich hatten in vielen sportlichen Dingen einen ähnlichen Ansatz. Es sind beim VfL viele Neuerungen auf den Weg gebracht worden, von denen ich glaube, dass sie sehr gut sind. Trotzdem geht es jetzt nicht mehr um die Vergangenheit, wir können jetzt die Gegenwart und Zukunft gestalten. Natürlich braucht man eine Philosophie für den Gesamtverein. Und man benötigt gerade auch im Talentwerk gewisse Leitplanken, die in den Spielen auch erkennbar sein müssen. Perspektivisch werden wir an dieser Philosophie weiter arbeiten. Ob dies im Ergebnis dann von der bisherigen Linie abweicht, vermag ich jetzt noch nicht zu beurteilen.

Gibt es neben der sportlichen DNA eine Leitlinie, die Sie für Ihre Arbeit in Bochum sehen?

Den VfL Bochum haben traditionell immer der Zusammenhalt und der gute Umgang miteinander ausgezeichnet. Darauf berufen wir uns und das wollen wir auch zukünftig bestmöglich leben. Wir müssen natürlich auch innovativ sein und rechts und links gucken, wie sich der Fußball entwickelt. Input von außen ist auch wichtig. Es wird eine Mischung aus Tradition und Innovation sein, die wir hier beim VfL praktizieren wollen.

Bei Neuverpflichtungen galt in den letzten Jahres das Anforderungsprofil deutschsprachig, flexibel einsetzbar, entwicklungsfähig – und günstig. Halten Sie daran fest?
Ich glaube, dass es für den VfL wichtig ist, auf junge Spieler zu setzen, die wir entwickeln können und mit denen man sich dann als Verein sportlich weiterentwickelt. Natürlich besteht dann auch immer die Möglichkeit, mit diesen Spielern Transfererlöse zu erzielen, das darf man nicht ausblenden. Ich halte es aber für schwierig, diese Frage so grundsätzlich zu beantworten. Wir sind auf dem Transfermarkt auch nicht alleine unterwegs. Ich will nicht ausschließen, dass wir hier und da auch mal einen älteren, erfahrenen Spieler holen oder auch mal eine Leihe hinzukommt. Da sollte man nichts ausschließen, sondern offen sein für verschiedene Lösungen.

"Thema Leihspieler nicht so kritisch sehen"

Das Thema Leihspieler wird im Umfeld eher kritisch gesehen, weil sich so kaum dauerhaft eine Mannschaft entwickeln lässt.

Das kann ich durchaus verstehen. Aber schauen wir doch mal nach Kiel oder nach Düsseldorf. In deren Kader stehen jeweils vier, fünf Leihspieler, die für beide Klubs vielleicht den Unterschied Richtung Aufstieg ausmachen werden. Ich denke nicht, dass man das Thema Leihspieler grundsätzlich so kritisch sehen muss. Es spricht doch nichts dagegen, einen Spieler mit einer gewissen Qualität von einem anderen Klub zu leihen, der einem kurzfristig hilft, auf ein anderes sportliches Niveau zu kommen. Natürlich hätte ich auch am liebsten alle jungen, talentierten Spieler langfristig unter Vertrag. Aber das ist eben nicht immer möglich und auch da sollte man offen für andere Lösungen sein.

Sie haben vorhin die Jugendarbeit im Talentwerk angesprochen. Sie selbst kommen auch aus der Bochumer Jugend – erkennen Sie die Arbeit heutzutage überhaupt noch wieder?

Das kann man überhaupt nicht mehr miteinander vergleichen. Wenn ich an die Infrastruktur oder die personelle Ausstattung zu meiner Zeit zurückdenke, dann war das eine ganz andere Nummer. Wir hatten damals natürlich auch Trainer, die mit viel Herzblut mit uns zusammen gearbeitet haben. Aber das ist heute wirklich eine ganz andere Größenordnung als noch zu meiner Zeit, von der medizinischen Betreuung bis zum Fahrdienst. Unser Talentwerk wurde gerade wieder mit dem höchsten Level ausgezeichnet, das spricht für eine sehr gute Qualität. So eine Auszeichnung macht uns stolz. Damit können wir uns als Zweitligist mehr als sehen lassen.

In der Jugendarbeit hat sich über die Jahre vieles verändert. Gilt das auch für den VfL Bochum an sich? Sie müssten das gut beurteilen können.

Viele Dinge um uns herum haben sich geändert. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als wir nach Mainz gefahren sind und dort am Bruchweg vor 6000 Zuschauern gespielt haben. Heute hat das alles eine andere Dimension. Der Fernsehvertrag ist heute ein ganz anderer. Die Verteilung ist für kleinere Klubs in der 2. Liga schwieriger geworden, weil andere, größere Klubs zusehends enteilen. An unserer Hauptaufgabe hat sich grundsätzlich nicht viel verändert. Wenn wir uns zwischen den Großen behaupten wollen, müssen wir vor allem die eigenen Reihen schließen und zusammenrücken. Vernünftige Kommunikation, vernünftiger Umgang – das müssen wir praktizieren. Und wir müssen wie erwähnt den Blick für Dinge um uns herum öffnen und positive Dinge aufgreifen, heruntergebrochen auf die Möglichkeiten und Voraussetzungen, die wir hier in Bochum haben. Das wird die Herausforderung für die Zukunft sein – die Tradition zu wahren und trotzdem offen sein für neue Sachen.

"Eine große blau-weiße Familie"

Gilt das Bild von der großen VfL-Familie noch? Ist das heute überhaupt noch machbar?

Meiner Meinung nach: ja! Die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Bochumer in einer so schwierigen Situation dennoch ins Stadion kommen und uns grandios unterstützen. Wir spüren den Zusammenhalt, auf der Geschäftsstelle und unter den Mitarbeitern sowieso. Eine große blau-weiße Familie – warum sollte es das nicht geben?
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