VfL-Sportvorstand Christian Hochstätter im Exklusiv-Interview: "Man kann es nie allen recht machen!"

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Sportvorstand Christian Hochstätter will mit dem VfL Bochum weiter nach oben. Foto: Molatta
 
Christian Hochstätter hat gut Lachen: Die jungen Talente haben beim VfL einen guten Eindruck hinterlassen.
 
Der Erfolgsweg für den VfL Bochum ist vorgezeichnet: Christian Hochstätter an seinem Schreibtisch. Foto: Molatta
 
Von Marco Stiepermann erwartet Hochstätter in der Rückrunde noch mehr.
 
Gegen drei Erstligisten - wie hier gegen den 1. FC Köln - kassierte der VfL Bochum in den Testspielen eine Niederlage. Foto: Molatta
Bochum: Vonovia Ruhrstadion |

Am Freitag (27.1.) startet der VfL Bochum bei Union Berlin in die Rückrunde der 2. Liga. Im Vorfeld erklärt Sportvorstand Christian Hochstätter im Exklusiv-Interview mit dem Stadtspiegel, warum der VfL in die Top 5 gehört, was die Mannschaft dafür besser machen muss und warum ihn die jungen Talente beeindruckt haben.

Christian Hochstätter, zehn Punkte beträgt der Rückstand des VfL Bochum auf Rang drei, acht Punkte der Vorsprung auf Platz 16. Wohin geht Ihr Blick in der Tabelle?
Wir orientieren uns immer nach oben.

Das kann aber auch gefährlich sein, denn so weit sind die Abstiegsränge nicht entfernt.
Viel weiter sind die oberen Plätze auch nicht entfernt.

Was geht denn dann noch für den VfL in der Rückrunde?
Das ist schwer einzuschätzen. Wir hoffen natürlich, dass wichtige Stammspieler, die in der Vorrunde über einen langen Zeitraum verletzt gefehlt haben, jetzt fit sind. Wir haben kein leichtes Auftaktprogramm. Aber wenn die Mannschaft in ihrer Geschlossenheit spielen kann, gehört sie auf jeden Fall unter die ersten fünf Teams in der 2. Bundesliga.

War das größte Problem der Vorrunde, dass die Mannschaft nie zu Konstanz gefunden hat?
Ich glaube, wir haben nur zwei Mal mit der gleichen Mannschaft gespielt. Sonst mussten wir immer umstellen. Unser Plan war ursprünglich, dass Torhüter, Viererkette und Sechser unsere Konstante bilden. Zumal uns klar war, dass wir uns im Offensivbereich neu aufstellen mussten, nachdem wir insgesamt 40 Tore im Sommer verloren hatten. Daher war es umso wichtiger, dass das Kollektiv in der Rückwärtsbewegung zusammen bleibt. Und dann ist genau das eingetreten, was nicht passieren durfte: Wir haben im Defensivbereich fast jeden Spieler über einen längeren Zeitraum ersetzen müssen. Deswegen mussten junge Spieler einspringen, die noch nicht so weit sind, dass sie unsere Stammspieler eins zu eins ersetzen können. Trotzdem muss man sagen, dass sie es richtig gut gemacht haben. Man hat gesehen, was sie können, was sie nicht können und vor allem auch, was sie wollen. Wenn man sieht, dass wir im Vergleich zur vergangenen Saison derzeit nur zwei Zähler weniger auf dem Konto haben, ist das gar nicht schlecht. Allerdings hätte es aus meiner Sicht noch deutlich besser sein können.

Als größeres Problem in der Hinrunde haben Sie also die Verletzungsprobleme ausgemacht, nicht so sehr den großen Umbruch, den der Verein auch vollziehen musste?
Ein Umbruch, den wir so nicht wollten, der aber nach dem Abgang fast unserer kompletten Offensive mit Terodde, Terrazzino, Bulut und Haberer nicht zu vermeiden war. Bei „Terra“ lief der Vertrag aus, er wollte unbedingt in die 1. Liga. Haberer war ausgeliehen und hat sich anders entschieden. Bei Terodde und Bulut waren wir wirtschaftlich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage, uns den Luxus zu erlauben, dass die Spieler zunächst bleiben und dann in diesem Sommer den VfL ablösefrei verlassen. Aber auch mit ihnen hätten wir keine Garantie gehabt, den Aufstieg zu schaffen.

"Der VfL hat eine gute Perspektive"

Sie haben die jungen Spieler angesprochen, die sich in der Vorrunde zeigen mussten und konnten. Wer konnte aus Ihrer Sicht am meisten überzeugen, wer hat das größte Potenzial?
Ich finde, die jungen Kerle, die aus der Jugend gekommen sind, haben es alle konzentriert und vor allem auch unaufgeregt gemacht. Da spiegelt sich wider, dass sie regelmäßig bei den Profis mittrainieren und die Berührungsängste nicht so groß sind. Das gilt etwa für Spieler wie Maxim Leitsch, der seinen Vertrag beim VfL gerade verlängert hat. Zu den jungen Spielern zähle ich zum Beispiel aber auch einen Nico Rieble, der erst 20 Jahre alt und öfter zum Einsatz gekommen ist. Er hat seine Sache sehr gut gemacht und sich sehr erfreulich entwickelt. Oder ein Jan Gyamerah – er war drei Jahre verletzt und nimmt jetzt eine tolle Entwicklung. Insgesamt haben einige unserer Talente gezeigt, dass der VfL mit ihnen eine gute Perspektive hat.

Mit Gökhan Gül hat den VfL in der Winterpause eines dieser Talente Richtung Düsseldorf verlassen. Einigen Fans hat es sehr missfallen, dass Bochum ihn abgegeben hat. Hat Sie das geärgert?
Wenn man so lange im Fußballgeschäft ist wie ich, dann weiß man, dass man es nie allen recht machen kann. Am Ende muss man so entscheiden, wie man es für den Verein am sinnvollsten hält. Gül hat mit 15 Jahren bei den Profis mittrainiert – der jüngste Spieler in der Geschichte des VfL, der das getan hat. Mit 18 Jahren meint er die Berechtigung zu haben, Stammspieler zu sein, ohne das aus unserer Sicht nachgewiesen zu haben. Schon im Sommer und jetzt wieder im Winter hat er uns gesagt, dass er weg will. In diesem Fall sind wir also nicht überzeugt davon, dass er gerne beim VfL Bochum spielen möchte. Darum haben wir dem Wechsel zugestimmt. Dass Fans kritisieren, wir würden beim VfL von Jugendarbeit reden und unsere Talente wegschicken, respektiere ich. Aber ich erwarte dann auch, dass diese Fans respektieren, dass wir dichter an der Mannschaft sind als sie und im Sinne des Vereins handeln.

Sie haben die Talente des VfL Bochum gelobt. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der externen Neuzugängen? Marco Stiepermann ist im Sommer als Führungsspieler verpflichtet worden.
Er erfüllt seine Rolle, aber ich bin mir sicher, dass bei ihm noch Luft nach oben ist. Man muss bedenken, dass die Neuzugänge sich erst einmal an die Art und Weise unseres Trainings und unseres Fußballs gewöhnen müssen. Bei dem einen geht es schneller, bei dem anderen dauert es länger. Ein Johannes Wurtz zum Beispiel profitiert von der Art unseres Fußballs, weil er gerne so spielt. Marco Stiepermann hat schon auf vielen Positionen gespielt, aber wir haben ihn ganz bewusst als zentralen Mittelfeldspieler geholt. Er ist fußballerisch, aber auch von seiner Persönlichkeit her in der Lage, diese Mannschaft zu führen. Ich habe aber bei ihm den Eindruck, dass er über seine Rolle noch zu viel nachdenkt. Das beschäftigt ihn, das merkt man. Aber in den Vorbereitungsspielen nach der Winterpause hatte ich den Eindruck, dass da schon ein anderer Marco Stiepermann auf dem Platz steht als noch in der Vorrunde.

Welchen Eindruck hatten Sie generell in den Testspielen?
Die Testspiele fand ich durchweg ordentlich, bis auf die zweite Halbzeit gegen Greuther Fürth, über die sich auch der Trainer aufgeregt hat. Allerdings habe ich das Spiel in Münster nicht live im Stadion verfolgen können, da ich anderweitige Verpflichtungen beim „Hallenzauber“, dem VfL-Fanclubturnier, in Bochum hatte. Und das, was mir berichtet worden ist, war nicht gut. In diesen beiden Fällen hat die Mannschaft unseren Fußball nicht so umgesetzt, wie wir es gewohnt sind. Ansonsten sind wir in den Spielen gegen die Erstligisten als Kollektiv gut aufgetreten. In Darmstadt hätten wir nie verlieren dürfen. Gerade dieses Spiel war aber ein wichtiger Test, weil ich glaube, dass viele Spiele in der Rückrunde genauso ablaufen werden. Mit viel Ballbesitz für uns und einem Gegner, der an der Mittellinie wartet und auf Konter spielt. Auch das Spiel gegen Leverkusen war ein guter Test. Da haben die jungen Spieler von Bayer unseren jungen Leuten gezeigt, dass es auch noch einmal eine Stufe höher geht. Trotzdem haben sie sich nicht versteckt und haben versucht, aktiv Fußball zu spielen. Das ist es, was bei uns momentan im Vordergrund steht. Insgesamt gab es in den Testspielen aber etwas, was mir nicht gefallen hat…

Woran entzündet sich Ihre Kritik?
Wir haben aus meiner Sicht zu viele Torchancen für den Gegner zugelassen. Wir selbst haben genügend Möglichkeiten kreiert, aber für meinen Geschmack haben wir dem Gegner eben auch deutlich zu viel ermöglicht. Daran müssen wir in jedem Fall arbeiten.

Am grundsätzlichen Offensivstil, den Sie als VfL-DNA beschrieben haben, wird sich aber nichts ändern?
Das ist unsere Philosophie. Und an der werden wir mit Sicherheit nicht schrauben.

Hat die jetzige Mannschaft diese Philosophie schon ähnlich gut verinnerlicht wie das Team in der vergangenen Saison? Oder braucht das nach dem Umbruch noch Zeit?

Ich glaube, wir wären schon weiter, wenn wir in den letzten Monaten nicht so viele Verletzte gehabt hätten. Auf der anderen Seite finde ich es positiv, dass auch die Spieler aus der zweiten Reihe das problemlos umsetzen können. Sie sind in der Lage, positionsgetreu einzuspringen und es auf den Platz zu bringen. Aber die Automatismen sind natürlich anders, wenn ich sechs, sieben Mal in Folge mit der gleichen Formation spielen kann. Gerade für junge Spieler ist es einfacher, in ein homogenes, erfolgreiches Team hinein zu kommen. Aber das gehört alles zum Fußball dazu. Das letzte halbe Jahr war für uns interessant, weil wir alle daraus lernen können.

"Wir müssen noch aggressiver gegen den Ball arbeiten"

Sie haben gesagt, wenn man den jungen Spielern keine Fehler zugesteht, wäre das heuchlerisch. Haben Sie den Eindruck, das ist bei jedem im Verein und im Umfeld so angekommen?
Ich kann es nicht wirklich beurteilen, das sage ich ganz offen. Ich denke schon, dass es im Verein angekommen ist. Zu großen Teilen vielleicht auch im Umfeld, denn gerade in den Heimspielen ist es uns gelungen, attraktiv zu spielen. Die Vorrunde hat gezeigt, dass wir auswärts unsere Probleme hatten. Wir sind zwar oft in Führung gegangen, haben dann aber noch verloren oder nur unentschieden gespielt. Das sind natürlich auch Punkte, die wir in der Winterpause diskutiert haben. Da müssen wir ansetzen, müssen stabiler stehen und als Mannschaft noch mehr und noch aggressiver gegen den Ball arbeiten. Das ist der Schlüssel für Auswärtserfolge.

Was macht es aus, dass Spieler wie Patrick Fabian jetzt wieder mit dabei sind, die neben der sportlichen Klasse auch als Führungsspieler eine wichtige Rolle spielen?

Patrick Fabian ist unser Kapitän. Wenn der Kapitän mal vier, fünf Monate nicht in der Kabine ist, macht das schon einen Unterschied. Jetzt ist er wieder da, jetzt organisiert er – in der Kabine, auf dem Platz und außerhalb. Auch ein Stefano Celozzi, der seit Oktober für uns kein Spiel mehr gemacht hat, ist ein wichtiger Spieler. Ich hoffe sehr, dass er zum Rückrundenstart richtig fit ist. Und dabei geht es nicht darum, dass ich Jan Gyamerah diese Rolle in der Viererkette nicht zutraue. Aber er ist ein junger Spieler, der eine funktionierende Mannschaft braucht. Daher hoffe ich sehr, dass die Korsettstangen unseres Teams gesund werden und gesund bleiben.

Sie haben in der Winterpause ein wenig an den personellen Stellschrauben gedreht. Novikovas hat den Verein verlassen, mit Vitaly Janelt ist ein hochtalentierter Spieler aus Leipzig gekommen. Trauen Sie ihm auf Anhieb eine gute Rolle zu beim VfL?

Vitaly kann aktuell noch in der A-Jugend spielen. Für uns ist es ein Leihgeschäft mit Option, das wir quasi vorgezogen haben. So hat der Spieler jetzt ein halbes Jahr die Möglichkeit, sich in Ruhe beim VfL zu integrieren, sich an unsere Art des Trainings zu gewöhnen und über Training und Spiele weiter dazu zu lernen. Vitaly ist eher jemand, den wir perspektivisch verpflichtet haben. Wir erwarten von ihm nicht, dass er uns morgen direkt weiterhilft.

Dass Janelt in Leipzig im disziplinarischen Bereich einige Probleme hatte, hat Sie bei der Verpflichtung nicht abgeschreckt?
Gerade junge Leute dürfen mal Fehler machen – nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb. Wichtig ist, dass sie den gleichen Fehler nicht öfter machen, sondern dazu lernen. Wenn ich den Jungen Fußball spielen sehe, dann kann ich mir gut vorstellen, dass der VfL an ihm noch viel Freude haben wird. Außerdem möchte ich einen Spieler nicht einfach in eine Schublade stecken, sondern mir mein eigenes Bild machen. Generell ist es doch so: Wenn es gut läuft, spricht kein Mensch von Dingen, die außerhalb des Platzes passieren. Wenn es schlecht läuft, dann wird plötzlich nach echten Typen gerufen. In meinen Augen kann ein 18-Jähriger auch mal eine Shisha rauchen, ohne dass er dafür büßen muss. Er hat ja nichts gemacht, dass unbedingt gegen seine Verpflichtung gesprochen hätte.

Und wenn Sie an Ihre eigene Karriere zurückdenken, könnten Sie wahrscheinlich noch von ganz anderen Dingen erzählen, die man damals als Profi so angestellt hat?

(lacht) Dagegen ist das, was Vitaly gemacht hat, wirklich noch harmlos. Darüber möchte ich besser nicht reden. Sonst bekomme ich jetzt im Nachhinein noch eine Strafe.

Hier geht es zu Teil 2 des großen Exklusiv-Interviews: Wie Christian Hochstätter mehr Fans ins Stadion locken will, was er zu seinem Flirt mit dem HSV sagt und warum Gertjan Verbeek der beste Trainer der 2. Liga ist!
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