Mittendrin in der Heldenstadt

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Heute als Judotrainer des JC 66 Bottrop
Seit 1985 besuchte ich in Leipzig als Leistungssportler die Kinder- und Jugendsportschule. Davor absolvierte ich die Klassen 1 bis 7 im Thüringischen Lucka ca. 40 km von Leipzig entfernt. Dort begann ich 1979 im Alter von 6 Jahren mit der Sportart Judo und wollte unbedingt einmal Weltmeister und dann Trainer werden. Dementsprechend gab es für DDR Leistungssportler nur den Weg über die zentralen Sportschulen, welche in Frankfurt/O., Berlin und eben Leipzig beheimatet waren. Für mich gab es damals fast ausschließlich Training, Schule und Wettkampf. Es gab Jahre, in denen ich ganze dreimal nach Hause zu meinen Eltern kam, doch habe ich mich stets auf jedes Wochenende und jeden Wettkampf gefreut. Für uns ging es manchmal sogar ins Ausland, wenn auch „nur“ ins sozialistische. Die Zeit vor der Wende 1989 habe ich, obwohl bereits 17-jährig politisch nicht gerade aktiv erlebt. Natürlich wurden wir vom Sport beschäftigt und politische Aktivitäten hätten auch immer ihre Konsequenzen gehabt. So wurden wir beispielsweise deutlich angewiesen, an den Montagsdemonstrationen auf keinen Fall teilzunehmen. Hätten Video- und/oder Fotoaufzeichnungen, welche ständig bei den Demonstrationen gemacht wurden einen Sportler ausgemacht, so drohte natürlich der Rausschmiss aus der Eliteschule. Ich weiß noch, wir mussten montags nach dem Training von der Judohalle zur Schule zum Abendessen laufen, da keine Straßenbahn durch die Menschenmengen der Stadt fuhr. Es war gar nicht so einfach, nicht in die Demos zu geraten. Die Gerüchte um bewaffnete Einsatzkräfte in den Nebenstraßen beunruhigten uns ebenfalls. Ich glaube, dass damals nicht ein Schuss gefallen ist, ist das größte Wunder gewesen. Hätte nur ein Entscheidungsträger unbedachter gehandelt, wäre die Geschichte wohl anders geschrieben worden. Die Tragweite der Ereignisse war mir damals jedenfalls noch nicht vollends bewusst.

Zu jung, um alle Konsequenzen zu begreifen

Genau ein Jahr vor dem Mauerfall saßen wir mit unseren Klassenkameraden im Gemeinschaftsraum unseres Internats, als einer unserer Sportler sagte:- Mein Vater hat gesagt, dass wir in einem Jahr hinfahren können, wo wir wollen. Dann gibt es keine Einschränkungen mehr.- Niemand konnte das natürlich glauben, war für uns doch Normalität, dass nur ein elitärer Kreis ins nichtsozialistische Ausland reisen konnte. Durch unsere eingeschlagene Sportkariere hatten wir schließlich eventuell einmal die Möglichkeit dazu. Ich muss sagen, bis dahin hat mir das auch nicht gefehlt. So wie mir auch in meiner Kindheit wenig gefehlt hat. Genug zu essen gab es immer. Ein Brötchen kostete damals 5 Pfennig, Ost- Pfennig. Ich konnte mit 50 Pfennig in den Konsum gehen und mich sattessen. Ja, Bananen gab es selten, aber die sind ja nicht das einzige Obst. Für mich gab es als Kind riesige Möglichkeiten und da man politisch noch völlig unbelastet war, war man dementsprechend auch glücklich. Das man das System und die darin schieflaufenden Sachen erst später begreift, ist selbstverständlich. Ich bin sehr froh, als Kind in der DDR aufgewachsen zu sein, noch von den Gegebenheiten erzählen zu können und 1989 so alt gewesen zu sein, um dieses historische Ereignis halbwegs bewusst miterlebt zu haben.

Traum realisiert

Nach 1989 entwickelte sich dann alles sehr schnell weiter. Mit Licht und Schatten. Die zwei Sportverbände wuchsen langsam zusammen, einige unserer Judokollegen verabschiedeten sich in den Westen und konnten dort schon Geld in der Bundesliga verdienen. Mein Traum, einmal Trainer zu werden geriet in Gefahr, als die Sportfakultät der DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport) in Leipzig abgewickelt werden sollte und ich dann mein geplantes Sportstudium nicht mehr hätte aufnehmen können. So begann ich vorerst ein Studium der Umwelttechnik im benachbarten Merseburg, welches heute Partnerstadt Bottrops ist. Zum Glück wurde entschieden, dass neben der Sporthochschule Köln auch in Leipzig ein Studium der Sportwissenschaften angeboten werden sollte und so konnte ich noch im selben Semester mein Wunschstudium beginnen. Inzwischen bin ich nach einem viereinhalbjährigen Ausflug als Trainer nach Salzburg/Österreich Judolehrer in Bottrop und habe so meinen Traumberuf realisiert, in dem ich an der Werteerziehung junger Menschen teilhaben darf. Ich weiß, dass viele nicht so viel Glück hatten wie ich und bin dementsprechend dankbar dafür. Aus meiner Sicht hätte man aus der Chance, welche Deutschland 1989 erhalten hat, durchaus mehr machen können, man hätte mehr positive Ansätze aus der DDR übernehmen und nutzen können anstatt erstmal alles zu negieren. Eine Mischung aus positiven bundesdeutschen Sachen und durchaus vorhandenen ostdeutschen wäre das Optimum gewesen. Rein geschichtlich betrachte ich mich schon als Glückspilz, da ich in einer historisch hochinteressanten Zeit lebe. Ich habe zwei Systeme erleben dürfen, eine Jahrtausendwende, hatte Großeltern, die noch von ihren persönlichen Erfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg berichten konnten und was das Wichtigste ist, bisher musste ich noch keinen Krieg hautnah erleben.
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