Stadtarchiv-Geschichtsstunde: Katholiken tanzten keinen Tango

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Josef Bucksteeg, Heike Biskup und Alexander Drewes (v.li.) freuen sich über Band 15 der Geschichtsstunde (Foto: Michael Kaprop)

„Das macht Lust auf mehr“, sagt Kulturamtsleiter Dieter Wollek über den neuen Band der Stadtarchiv-Schriftenreihe „Geschichtsstunde“ Die zweite Auflage von „Unruhige Zeiten. Bottrops Gründerjahre“ von Josef Bucksteeg hat er längst im Blick.

„Bottrop hat eine sehr abwechslungsreiche Geschichte. Die spiegelt sich in dem Versuch, das Geschehen in diesem Werk darzustellen“, so der Autor. Der Historiker hat die Gründerjahre unter die Lupe genommen, die wirtschaftlichen, politischen und religiösen Entwicklungen , die Arbeits- und Lebensbedingungen und auch die Kriminalität. „Wer die Geschichte der Stadt kennt, bekommt eine engere Beziehung zu ihr“, ist Bucksteeg überzeugt.
Die Gründerjahre in Bottrop, damals Dorf, nicht Stadt, begann erst 1863 mit der Inbetriebnahme der Schachtanlage Prosper I. „Die Stadtwerdung wurde vor dem I. Weltkrieg abgelehnt - damals hieß es, jeder zweite Bottroper sei Pole“, so Bucksteeg. Eine „richtige“ Stadt mit Bürgermeisterverfassung wurde Bottrop nach dem Ersten Weltkrieg. Ende des 19. Jahrhunderts boomte der Bergbau, aber die Bergarbeiter fehlten. „In Oberschlesien wurde Prosper damals ‚Zeche des Glücks‘ genannt - aus den Ostgebieten kamen viele Bergarbeiter. Die Arbeit in Bottrop war hart, aber die in Oberschlesien härter und schechter bezahlt.“ Schnapskonsum gehörte laut Buchsteegs Recherchen zur Freizeitgestaltung der Arbeitsmigranten. Konflikte waren vorprogrammiert.
„Vor dem Ersten Weltkrieg konnte man nachts um 2 Uhr nicht auf die Straße gehen. Eine Rückschau ist hilfreich gegen den Pessimismus, der sich heute zeigt, im Vergleich dazu haben wir jetzt glorreiche Zeiten. Aber die Leute waren damals nicht unglücklich.“ Auch in Sachen Gesundheit hatte Bottrop damals kaum Grund zu jubeln: „Bei zehn Todesfällen waren sechs bis sieben Kinder betroffen“, so Bucksteeg. „Es gab viele schreckliche Unfälle, Kinder sind verbrannt. Auch in den Zechen gab es Tote - in den Zeitungen wurde darüber nur mit vier, fünf Zeilen berichtet, heute wären das drei, vier Zeitungsseiten“,ist Bucksteeg überzeugt. „Depressiv waren die Leute aber damals nicht, eher fortschrittsoptimistisch.“
Sein Werk möchte auch zum Schmunzeln einladen: Sittlichkeit war damals ein großes Thema. „Was damals als unsittlich galt, ist aus heutiger Sicht Kinderkram“, ist der Historiker überzeugt. Damals wurde ein „Mäßigkeitsverein“ gegründet. Tango zum Beispiel galt als „unanständiger Tanz, der „demoralisierend wirkte“. Katholiken durften ihn nicht tanzen. Für Kinoveranstaltungen wurde eine „Kommission für die Abnahme und Überwachung“ gegründet. Auch die Bottroper Buchhändler waren im Visier der Sittenwächter.
Der 15. Band hat eine Besonderheit: Im Anhang sind Fotos der Gebäude aus der Gründerzeit, die Alexander Drewes aktuell geschossen hat, zu finden. „Das ist nur eine Auswahl. Es lohnt sich, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen. Einige dieser Gebäude habe ich nie beachtet, obwohl sie wirkliche Hingucker sind“, so Bucksteeg, der darauf hofft, dass es ihm viele Bottroper gleichtun und ebenfalls genauer hin schauen werden.
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