Aus dem Iran in die Notaufnahme - Dr. Ofik Vartaniaz kam als junge Frau nach Deutschland und arbeitet heute im Marienhospital

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Dr. Ofik Vartaniaz arbeitet als Aufnahmeärztin im Marienhospital. (Foto: Michael Kaprol)
 
Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Dr. Ahyltene Zariqi-Ajeti (li). und der Krankenschwester Silvia Knieriem bespricht Ofik Vartaniaz in der Ambulanz die Fallakten. (Foto: Michael Kaprol)

„Wenn man als Flüchtling hier lebt weiß man nie, ob man bleiben darf. Das ist sehr belastend. Man kann nur versuchen, von Tag zu Tag zu leben und das Beste daraus zu machen.“


Diese Sorgen muss sich Ofik Vartaniaz schon längst nicht mehr machen. Sie kam 1989 aus ihrer Heimat Iran nach Deutschland. Heute ist sie eine der Ärztinnen am Bottroper Marienhospital. Der Weg aus ihrer Heimatstadt Ramsar im Nordiran bis ins Ruhrgebiet aber war lang – nicht nur in Kilometern gemessen.

Ofik Vartaniaz kommt aus einer wohlhabenden iranischen Familie, der Vater Autohändler, die Mutter Hausfrau, zwei Geschwister. Die Eltern wollten, dass aus ihren Kindern etwas wird, ein Medizinstudium schien erstrebenswert. „Im Iran Ärztin zu sein, ist etwas tolles. Ich dachte, Krankenschwester reicht aus“, erinnert sich die heute 47-Jährige. „Ich wollte immer schon anderen Menschen helfen.“

Dann ging alles sehr schnell. „Meine Geschwister und ich haben uns im Iran auch politisch eingemischt und unsere Eltern hatten Angst, dass wir verhaftet werden könnten“, erzählt die Ärztin. Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Maryam ging sie erst für ein Jahr in die Schweiz, anschließend kamen die beiden jungen Frauen in eine Flüchtlingsunterkunft in Deutschland. „Das war hart“, erinnert sich Ofik Vartaniaz, „ich habe viel geweint. Unser Zimmer war schmutzig, auch die Matratzen.“

Zur Vorbereitung auf das Studium besuchte die junge Iranerin ein Jahr lang ein Studiencollege. „Das ging sehr gut, aber die deutsche Sprache war sehr, sehr schwer.“ Ein unerwarteter, harter Schlag trifft sie in ihrem zweiten Jahr in Deutschland. Der geliebte Vater stirbt ganz überraschend, und sie kann nicht nach Hause fahren.

Doch Ofik Vartaniaz schafft es, sie absolviert ihr Medizinstudium, arbeitet unter anderem nebenbei in einem Altenheim, für 2 Mark in der Stunde. „Dort habe ich von einer alten Dame mein erstes Weihnachtsgeschenk bekommen“, erinnert sie sich, „ein Handtuch.“

Seit fast fünf Jahren ist Ofik Vartaniaz nun als Aufnahmeärztin im Bottroper Marienhospital tätig, mit ihrer 20 Jahre alten Tochter Fiona wohnt sie in Essen. Trotz der vielen Jahre, die sie nun schon in Deutschland lebt, ist der Kontakt in ihre iranische Heimat eng geblieben. „Ich bin immer wieder dort, um meine Familie zu besuchen“, erzählt die Medizinerin. Ihre Geschwister allerdings sind ebenfalls nicht mehr im Iran, der Bruder lebt in den USA, die Schwester in Dubai.

Ihre Freunde hier in Deutschland stammen wie sie aus dem ehemaligen Persien. Immer wieder stellt Ofik Vartaniaz fest, dass sich ihre Mentalität von der der Deutschen unterscheidet. „Bei uns im Iran ist es zum Beispiel normal, dass man sich bei jeder Begegnung fragt: ,Wie geht es dir?‘ Hier ist mir schon mal gesagt worden, dass ich das nicht immer tun soll, weil diese tägliche Frage nerve“, beschreibt sie einen Unterschied. „Das habe ich dann akzeptiert.“

Feindseligkeit, offener Abneigung gegen Fremde oder gar Angriffen ist Ofik Vartaniaz zwar noch nie unmittelbar begegnet „aber ich bin eben doch die mit den schwarzen Haaren“, bringt die Ärztin ihre Gefühle auf den Punkt. Sie hat sich in beiden Kulturen eingerichtet. Sie liest viel, gerne persische Gedichte. „Aber in letzter Zeit habe ich auch viele Bücher auf deutsch gelesen“, erzählt Ofik Vartaniaz, „zuletzt ,Momo‘ von Michael Ende. Ein sehr schönes Buch.“

Sie besitzt zwei Pässe und Deutschland ist ihr zur zweiten Heimat geworden. Mit großer Dankbarkeit erfüllt sie zum Beispiel, dass sie während des Studiums Bafög bekommen hat. Was schätzt Ofik Vartaniaz an ihrer Wahlheimat Deutschland? „Dass hier Frieden ist“, antwortet sie. „Und dass hier alles so gut geregelt ist. Ich bin dankbar, dass ich mich in diesem Land entwickeln durfte, dass ich hier arbeiten darf.“

Die Nachrichten über Aufmärsche gegen Asylsuchende, die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte machen Ofik Vartaniaz Angst. „Diese Menschen sehen nur, dass die Anderen eine dunklere Hautfarbe haben und schwarze Haare“, beschreibt sie ihre Gedanken. „Und ich frage mich: Wenn man doch an Gott glaubt, und sagt ,Gott ist Liebe‘, woher kommt dann so viel Hass?“
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