Hajra Dorow flüchtete 1992 vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Bottrop

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Einmal im Jahr steht für Hajra mit ihrem Mann Uwe der Besuch bei der Familie auf dem Programm. Das Foto entstand auf dem Basar in Sarajewo.
 

„Man kann nicht beschreiben was es heißt, wenn dein Leben bedroht ist, dein Schicksal in den Händen eines anderen liegt. Diesen Teil meines Lebens würde ich gerne auslöschen.“


Hajra Dorow kommt aus Bosnien, aus der kleinen Stadt Kakanj, rund 50 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Sarajewo. Viel Industrie, Bergbau - irgendwie gar nicht so sehr anders als Bottrop. „Hier fühle ich mich wie zuhause“, sagt Hajra.

Die heute 49-Jährige ist im Jahr 1992 vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen. Ihre Mutter und ihr Bruder blieben zurück. „Mein Bruder konnte das Land nicht verlassen und meine Mutter wollte ihn nicht allein lassen“, sagt sie. „Aber sie hat gesagt: Wenigstens einer von uns soll dem Krieg entkommen“. Noch heute steigen Hajra die Tränen in die Augen, wenn sie darüber spricht. Zu sprechen versucht, denn trotz all der Jahre, trotz des guten Endes ihrer Geschichte, ist die Erinnerung zu schmerzhaft. Wie muss es sein, wenn man die Familie zurück lassen muss und nicht weiß, ob man sich je wiedersehen wird?

Doch wie flüchtet man aus einem Land, einer Stadt, wenn ringsherum jeder gegen jeden kämpft? „An den Namen kann man bei uns erkennen, ob man Moslem oder Christ ist“, erklärt Hajra Dorow. „Es wäre also sehr gefährlich gewesen, in einen Bus zu steigen, in dem lauter Christen sitzen.“ Der Hass saß tief im ehemaligen Jugoslawien.

Die Flucht war dementsprechend abenteuerlich. Gemeinsam mit zwei jungen Frauen und deren vier Kindern verließ Hajra in einem kleinen Auto ihre Heimat, am Steuer ein Verwandter einer der Frauen. „Wir hatten keine Durchreisepapiere, sind irgendwie auf Schleichwegen gefahren.“ 18 nervenzermürbende Stunden, dann waren sie in Sicherheit. „Wie er das geschafft hat weiß ich bis heute nicht.“

Hajras beste Freundin lebte zu dieser Zeit schon in Rüdesheim, die 27-jährige Bosnierin hatte Deutschland so schon bei Besuchen kennen gelernt. Doch Hajra landete nicht, wie erhofft, in der Nähe ihrer Freundin, sondern in einem Aufnahmelager in Münster. Nach drei Tagen ging es nach Bottrop. „Ich habe fast drei Jahre in einer Wohnung an der Horster Straße gelebt“, erzählt sie. „Ich wollte unbedingt zurück, ich fand es hier schrecklich.“

Der Balkankrieg vertrieb immer mehr Menschen aus ihrer Heimat, viele von ihnen kamen ins Ruhrgebiet. Hajras Dienste als Übersetzerin wurden immer häufiger gebraucht. Irgendwann landete die gelernte Bürokauffrau bei der VHS, aus Platzgründen wurde sie im Büro von Uwe Dorow untergebracht. Aus Kollegen wurden Freunde, aus Freunden ein Paar. Inzwischen sind Hajra und Uwe schon viele Jahre verheiratet, die beiden Kindersind fast erwachsen.

„Er hat mich in dieser ersten Zeit ganz viel unterstützt und wieder ins Leben geholt“, erzählt die Bottroperin. „Er war für mich nicht nur mein Freund, mein Mann, sondern meine Familie.“

Doch Hajra ist nicht der Typ Frau, der auf dem Sofa sitzt und mit dem Schicksal hadert. „Ich kann mich doch nicht nur in der Vergangenheit vergraben, ich muss etwas tun.“ Und so hat sie sich immer wieder neue Betätigungsfelder gesucht, hat Kontakte geknüpft. „Stillgruppe, Miniclub, Elternrat im Kindergarten, Elternpflegschaft“, zählt sie auf. Aktuell ist sie an der Fichteschule bei der Hausaufgabenhilfe aktiv. „Es ist schön, mit Kindern zu arbeiten.“

„Ich habe Freunde gewonnen“, freut sie sich, den Balanceakt zwischen den beiden Welten, die ihr Leben ausmachen, beherrscht Hajra inzwischen perfekt. „Wenn ich mit gutem Willen an den Tag heran gehe, gibt er mir Gutes zurück.“

Einmal im Jahr fahren Uwe und Hajra ihre Familie in Bosnien besuchen. Wehe Hajra schlägt einen anderen Urlaubsort vor - Uwes Protest kommt sofort. „Das ist immer ein großes Fest.“ Ihre Mutter hat den deutschen Schwiegersohn schon lange ins Herz geschlossen, die Sprache stellt für beide kein wirkliches Hinderniss dar. Doch: „Heute habe ich zwei Heimaten“, sagt Hajra. „und hier ist meine Zukunft.“
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