Einzelhandel vs. Internet: Einkaufen zum Erlebnis machen

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An der Gladbecker Straße versuchen die Kaufleute, ihren Kunden immer etwas Neues zu bieten. Dirk Helmke (l.): „Die Händler werden sich bewegen müssen, um Kunden zu begeistern.

Der schnelle Klick zum Produkt: Der Onlinehandel boomt seit Jahren ungebrochen. Leidtragende sind die Innenstädte. Dabei würde das ganze städtische Umfeld von einem starken Einzelhandel profitieren. In Bottrop gibt es hoffnungsvolle Zeichen für den Einzelhandel.

Verfügbarkeit rund um die Uhr, riesige Auswahl, Lieferung an die Haustür: Die Stärken des Einkaufs über das Internet sind bekannt und vom Einzelhandel nur schwer zu kontern. Gerade junge und berufstätige Menschen nutzen die ladenschlusslose Shoppingwelt des weltweiten Netzes.

Leidtragende sind die heimischen Läden, die wegen der spärlicher werdenden Kundschaft immer mehr Probleme haben, die teuren Innenstadtmieten zu bezahlen. Kritiker betonen daher mit bitterem Spott, die größten Umsätze in diesen Tagen machten die Hersteller von Packpapier. Mit diesem werde nicht nur die Flut von Warenpaketen umwickelt, sondern auch die leeren Schaufenster sterbender Ladenlokale verhängt.

Händler im Alarmzustand


Das seien eben die Zeichen der Zeit, betonen überzeugte Onlinekäufer, schließlich hätten die Supermärkte in den 60er und 70er Jahren ja schließlich auch die alten Kolonialwaren- und Tante-Emma-Läden aus dem Stadtbild verbannt.

Da hier aber nicht einfach ein anderes Ladenkonzept folgt, sondern sich der Einkauf direkt aus den Innenstädten zurückzuziehen beginnt, sind die Händler seit Jahren im Alarmzustand. Inhabergeführte Geschäfte haben es immer schwerer, wenn die Straße auch durch den Leerstand in der Nachbarschaft unattraktiv für einen Bummel wird - die Abwärtsspirale, im Fachjargon „trading down“-Effekt genannt, droht.

Die richtige Strategie


Nostalgie und der moralische Zeigefinger, der von den Händlern bisweilen bemüht und in Richtung des „bösen Internet“ geschwungen wird, wird den Trend kaum stoppen können. Tendenziell seien es „eher die jüngeren Kunden, die mit der digitalen Welt groß geworden und auch sonst mobil“ sind, die dem Einzelhandel verloren gingen, vermutet Claudia Zecca, Geschäftsführerin des Einzelhandelverbandes Bottrop. In der Lebenswelt der meisten jüngeren Arbeitnehmer sei eine Trennung von Wohn- und Arbeitsort ganz normal, und so würden viele Einkäufe in der Mittagspause erledigt, die sonst im Heimatort die Kassen hätten klingeln lassen.

Tatsächlich stellt der soziale Wandel den Einzelhandel vor Herausforderungen: In Zeiten, wo die klassische Rollenverteilung und das herkömmliche Familienbild nicht mehr der gesellschaftliche Standard sind, gibt es immer mehr Singles und arbeitstätige Paare, die im Berufsleben voll gefordert werden. Für einen gemütlichen Einkauf fehlt da oft die Zeit, und der abendliche Sprung in den Laden wird eher als lästiges Übel, statt als Bereicherung empfunden. Zeitoptimierung ist gerade für jüngere Menschen daher sehr wichtig - davon profitieren Discounter und Onlinehändler. „Mich nervt das Einkaufen, ich habe auch so schon genug Stress“, ist eine viel gehörte Aussage.

Einkaufen als „Feinkost“


Ein wenig erinnert die Debatte an das Thema Essen: Viele berufstätige Menschen wissen gut gemachte Gerichte zwar zu schätzen und wissen auch um ihren Wert, aber nehmen sich im Alltag kaum die Zeit zum kochen.

Wenn der Onlinehandel also die Fertigpizza ist, schnell und pragmatisch, muss dann der Einkauf zum Feinschmeckermenü werden? Im Grunde ja, findet auch Dirk Helmke. „Wir müssen das Einkaufen wieder zu einem Erlebnis machen“, betont der Geschäftsmann, der sich in der Interessensgemeinschaft Gladbecker Straße engagiert. Die Kaufleute haben sich hier zusammengetan und organisieren Straßenfeste, präsentieren Unterhaltung und Kultur, um den Kunden eine schöne Veranstaltung zu bieten und ihnen ganz nebenbei ihr Angebot näher zu bringen. Ein Konzept, das gut funktioniert: „Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht. Inzwischen kommen die Leute auch außerhalb der Aktionstage, um zu schauen, was es bei uns Neues gibt.“

Helmke versteht die Sorgen der Geschäftsleute angesichts der Konkurrenz von Discountern und aus dem Netz. Er ruft zum Handeln auf: „Man muss sich schon bewegen, sonst wird man seine Kunden über kurz oder lang verlieren.“ Das Einkaufen müsse für sich gesehen schon einen Erlebniswert haben, damit der Gang in die Innenstadt auch weiterhin attraktiv bleibt. „Natürlich ist das schwer, wenn man sich dieser Aufgabe alleine stellt“, betont Helmke. Im Verbund mit anderen Kaufleuten und vor allem der lokalen Gastronomie kann man den Kunden aber eine attraktive Einkaufsumgebung bieten, die auch zum Bummeln einlädt und man abseits des Versorgungsgedanken schöne Stunden verbringen kann. Dadurch werde auch die Innenstadt wieder belebt - ein weiterer Pluspunkt.

Einkaufen als Erlebnis, mit menschlichem Kontakt und guter Beratung - das kann der Onlinehandel bei aller Effizienz eben nicht bieten. „Wer nur online kauft“, da sind sich die meisten Experten, Gastronomen und Geschäftsleute einig, „braucht sich über eine öde Innenstadt nicht zu wundern.“
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