Die Flucht zu mir

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Castrop-Rauxel: Hanna Wiegand | Ich weiß nicht ob das eine Gabe oder ein Fluch ist. Sobald ich Menschen in die Augen schaue, sehe ich sofort wie es ihnen geht und was hinter ihrer Fassade steckt. Es herrscht viel Leid in ihnen, trotz allem lächeln sie nach außen.
Ich beobachte gerne Menschen, dies geht im Bus am besten. Meistens sitzen dort die gleichen Personen. Ich steige ein, gehe den Gang entlang. Und bleibe an dem Einzelplatz ganz vorne stehen. Ich muss die Frau die dort sitzt sehr grimmig angestarrt haben, so dass sie mich mit schnippischer Stimme anfährt.“ Ist was? Oder ist der Platz vor reserviert?“ Empört über diese unerwartete Antwort und in meiner Eitelkeit gekränkt gehe ich weiter und setze mich störrisch in die Mitte des Busses auf einen Zweierplatz. Ich hasse es wenn etwas anders ist, wenn etwas nicht so läuft wie ich es mir vorgestellt habe. Denn hier gibt es einen ganz anderen Blickwinkel, andere Menschen und natürlich auch neues Leid. Ich fand mich schnell mit der neuen Situation ab und machte mich auf die Suche. Ich schaue mich um, drehe mich einmal um meine eigene Achse. Aber diesmal bleibe ich bei einem kleinen Jungen stehen. Er sitzt da vorne rechts. Seine Mutter sitzt neben ihm. Er reißt an ihr, versucht ihr zu gefallen. Er bettelt regelrecht nach Aufmerksamkeit. Er ist nervig, aufdringlich. Er möchte doch nur ihre Liebe und ihre Geborgenheit. Er ist so zerbrechlich, seine Augen so glasig. Aber seine Mutter beachtet ihn gar nicht, sie sitzt reglos dar, starrt aus dem Fenster. Sie ist in einer völlig anderen Welt. Sie flieht vor ihm. Sie flieht vor der Realität, um dies aushalten zu können. Ach und hinter mir der Mann, ich sehe ihm doch an wie viel Angst er hat nach Hause zu fahren. Ich kann mir gut vorstellen wie er die Treppen zur Wohnung langsam Schritt für Schritt hochsteigt. Es kommt ihm wie Stunden vor. Sobald er oben ist, nimmt er den Tür Knauf in die Hand, atmet tief durch und schließt auf. Und seine Verzweifelte Miene ändert sich zu einem wiederwilligen Grinsen. Sobald die Tür einen Spalt weit geöffnet ist, hört man Kinderstimmen rufen:“ Papa ist da!“ Und ab diesem Zeitpunkt geht der Horror für ihn los… Alle die hier sitzen fliehen vor sich selbst. Ganz besonders das Mädchen, dass sich gerade neben mich gesetzt hat, noch keine 17 Jahre alt, von ihr fange ich erst gar nicht an, denn jetzt erzähle ich meine Geschichte. ♥♥♥

Ich heiße Frieda, ich bin 16 Jahre alt. Ich wohne mit meiner Mutter und meinen beiden Brüdern in einem Haus am Stadtrand von Osnabrück. Mehr Menschen gibt es nicht in meinem Leben, als dass ich sie erwähnen müsste. Ich weiß nicht wie ich es erklären soll, ihr werdet es sowieso nicht verstehen. Man muss es spüren, selbst erleben. Es ist mir so unangenehm darüber zu sprechen oder eher gesagt darüber zu schreiben. Nein, ICH bin mir unangenehm.

20. Januar 2013 5:15 Uhr
Und nun stand ich da, vor dem schrecklichsten Objekt was es in meinem Leben gab, der Spiegel. Er ist immer ehrlich, zu ehrlich. Er tut mir immer weh und ich lasse es auch immer zu. Ich betrachte mich kritisch von oben bis unten. Ich starre einfach in den Spiegel hinein wie jeden Morgen. Ich mag meine blasse Haut nicht. Ich sehe so unlebendig aus. Meine Kastanien braunen Haare und meine dunkel roten Lippen, lassen mich so zerbrechlich aussehen, was ich aber nicht bin. Dann stehe ich da und frage mich, wer da überhaupt vor mir steht. Ich fühle mich merkwürdig und fremd, dieses Gefühl begleitet mich schon seit langer Zeit. Ich erkenne diese Person nicht wieder. Ich bleibe einfach stehen und blinzele in mein Spiegelbild. Ich sehe nicht viel, sehe alles verschwommen. Die Tränen überschütten mich. Es ist ein schreckliches Gefühl die Kontrolle zu verlieren.
Wie in Trance, hüpfe ich schnell in mein noch warmes Bett zurück und verkrieche mich unter meine Daunendecke. Ich ziehe die Knie so nah an meine Brust wie es geht und umklammere sie. Ich merke wie der Hass und die Wut in mir hoch kriechen und die Kälte meinen ganzen Körper einnimmt. Ich bin müde, will hier weg, in eine bessere Welt, einfach nur weg! Bevor ich meine Gedankengänge noch vertiefen kann, klingelt auch schon mein Wecker. Schnell stelle ich ihn aus, mit der Hoffnung noch weiter dahin vegetieren zu können. Aber im nächsten Moment schreit auch schon meine Mutter zu mir hoch:„ Frieda aufstehen, mach dich fertig. Du musst…“ „Ja ich weiß, ich muss zur Schule.“ Schreie ich zurück. Genervt klettere ich aus meinem Bett und ziehe mich schnell an. Als ich endlich fertig bin, schleiche ich mich aus dem Haus. Ich habe keine Lust auf Verabschiedungszeremonien. Auf dem Weg zur Schule gehe ich immer schneller, habe keine Lust auf Menschen, ich will meine Ruhe haben. Ich fühle mich wie ein Verbrecher auf der Flucht. Bei diesem Gedanke muss ich ein wenig geschmunzelt haben, es sah fast aus wie ein Lächeln. Das habe ich zu mindestens so in Erinnerung. Trotz allem gucke ich mich um und werde immer schneller. Es ist dunkel. Die Laternen werfen auf mich einen kleinen Schatten. Und ich kann von Haus zu Haus vorbei huschen. Die Schule kommt immer näher und somit wachsen auch die Bauchschmerzen. Irgendwas schreit in mir: Nein Frieda renn schnell weg. Aber dann steht „ES“ schneller hinter mir, als ich mich umdrehen kann. Und „ES“ lässt mich ersticken.

7:30 Uhr
Ich stehe vor dem Schultor meine Füße sind wie fest geklebt. Sie wollen nicht gehen, sie wollen diese Grenze zu meinem anderen Leben nicht übertreten oder eher gesagt betreten. Ich bleibe einen Moment einfach stehen bis ich zwei Hände vor meinen Augen spüre: „Kommst du mit rein oder willst du hier stehen bleiben.“ Ich erkenne diese Stimme sofort. Es war ein Mädchen aus meiner Klasse. Und zack werde ich vom hässlichen Entlein zum Paradiesvogel. Ich setze mir meine perfekt modellierte Maske auf. Ich lache sie an, und gleichzeitig weine ich innerlich. Ich spiele diese Rolle perfekt. Es ist das einzige was mir Sicherheit gibt. Der Rest knabbert nur daran und lässt die letzten sicheren Seile reißen.

11:15 Uhr
Immer schön lächeln ist das Motto für heute. Eigentlich wie jeden Tag. Es ist so verdammt anstrengend, sich in den Pausen mit den anderen über Lappalien zu unterhalten. Ich sehe ihnen doch an, wie unsicher sie sind, dass sie keine Fehler machen wollen. Es ist ein einziges Spielchen. Sie wollen mir gefallen und ich ihnen. Und keiner wird daraus fliehen können.

13:30 Uhr
Renn Frieda, renn! Du hast es gleich geschafft. Schneller, Schneller. Du bist fast da.
Mir schmerzen die Beine, ich fühle mich wackelig, so schwindelig. Nein ich darf nicht aufgeben, noch ein Stückchen.
Nein Frieda du darfst deine Maske fallen lassen. Genieße es wenn sie auf dem Boden zerschmettert und du endlich frei bist. Hier musst du nicht fliehen. Bleibe stehen, lass dich fallen…
Doch durch irgendetwas wird meine Welt gestört:„ Ist alles gut Frieda, hörst du mich?“ Ich öffne die Augen. Ich muss eingeschlafen sein. Sie schauen mich alle so erwartungsvoll an. Am liebsten will ich heraus schreien, wie schlecht es mir geht, dass alle mich ankotzen, dass sie nur die Maske sehen. Und dass ich gefangen bin, in mir selbst. Stattdessen bringe ich ein Lachen heraus, ein verlogenes Lachen und es ging weiter.

16:00 Uhr
Irgendwas will dieser Tag mir sagen. Zwar ist jeder Tag wie der andere aber dieser Tag ist anders, so lehrend. Ich weiß noch nicht genau was, aber das werde ich noch herausfinden. Nach Schulschluss steige ich in den Bus hinein. Ich bleibe im Eingang stehen und suche sehnsüchtig nach einem freien Platz. Heute ist mir das irgendwie egal, welcher Platz, Hauptsache sitzen. Also gehe ich weiter und bleibe zu meiner Überraschung am Einzelplatz stehen, der sogar frei ist. Schnell setze ich mich auf meinen Lieblingsplatz. Ich lege meine schwere Schultasche ab, sodass ich mich für einen Moment entspannen kann. Im nächsten Moment spannen sich alle meine Muskeln im Körper an und die Spannung fließt. Ich gucke mich um, sah wie jeden Tag die gleichen Personen und dazu die passenden Probleme. Ich erwische mich selber, wie ich nach dem Mädchen Ausschau halte. Panisch suche ich sie in den vielen Menschengesichtern. Und da sitzt sie auf einmal plötzlich einen Platz neben mir. Ich freue mich sie zu sehen, sie gibt mir Sicherheit, irgendwie ein bisschen Wärme, obwohl ich sie doch gar nicht kenne oder doch?
Und da passierte es. Unsere Blicken kreuzten sich. Sie guckte mir in die Augen und ich ihr. Es ist ein fester energischer Blick. Einen Moment passierte nichts. Doch dann wurde mir alles klar. Ich verlor die Fassung. Es war zu viel. Die ganzen Eindrücke und Gedanken überfluten mich. Denn ICH bin das Mädchen. Ich fliehe vor mir selbst, will nur die Hülle sehen und erkenne mich dabei nicht wieder. NEIN, alle diese Personen mit ihren Sorgen. Es sind meine Sorgen und mein Leid. Es macht es oft erträglicher in schwierigen Zeiten einfach weg zu rennen und niemals stehen zu bleiben. Denn das was hinter einem ist, könnte dir Angst machen. Und du müsstest dich mit dir selbst auseinandersetzen. Entweder ich renne immer weiter und fliehe vor meinem ich und komme niemals zu meiner Heimat zurück oder ich…
„ Hallo junge Dame wollen sie aussteigen oder noch weiter fahren?“ Es riss mich aus meinen Gedanken. Ich fühle mich gut, in Sicherheit. Also gucke ich den Mann an, lächele, stehe auf und nehme das Mädchen neben mir an die Hand. Ich stieg aus und ging mit Ihr nach Hause.

Ach jetzt weiß ich auch was dieser Tag mir sagen will: Wer seinen Rücken zeigt in der Schlacht, kann nachher sein Gesicht nicht mehr zeigen;
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3 Kommentare
5.023
Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 18.10.2015 | 00:44  
14
Hanna Wiegand aus Castrop-Rauxel | 18.10.2015 | 12:04  
1.575
Martina Janßen aus Hattingen | 20.10.2015 | 15:52  
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