Kolumne: Alles hat seine Zeit.

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Am vergangenen Wochenende ist meine Tochter wieder ausgezogen. Nach einigen Monaten daheim bei den Eltern beginnt jetzt ein neuer Uniabschnitt in einer anderen Stadt. Während ich all ihre Sachen aus all ihren Kartons ausräume, habe ich so das Gefühl, als packte und sortierte ich sie aus unserem Leben in ihr neues. Viele Gedanken gehen mir dabei etwas melancholisch durch den Sinn. Wie schnell doch die Zeit vergeht, wie viel sich verändert – und dass Abschied und Neubeginn oft sehr nah beieinander liegen. Ach ja! Ursache für meine Besinnlichkeit ist, man mag es kaum glauben, die Foto-Vernissage, die ich am Vorabend des Umzuges besucht habe. Vielleicht waren Sie ja sogar auch dort – in der Kulturforum Kapelle Waltrop.

Voll war es. Und schön war es. Ein Mutter-Tochter-Projekt aus dem kleinen weißen Haus Ostermann. Begonnen hat vor zwanzig Jahren Sibylle Ostermann mit einer fotografischen Dokumentation über zwei Jahrzehnte. Seinerzeit waren die Frauen 40 Jahre alt. Alle zehn Jahre entstand ein weiteres Foto – und dieser Dreiklang wurde nunmehr für eine Ausstellung kombiniert. Tochter Lotte begann nunmehr ihre eigene Foto-Reihe mit Frauen und Männern ihres Alters. Die ersten Resultate sind aber schon jetzt in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Bei der Eröffnungsrede standen die beiden engumschlungen Schulter an Schulter und hörten der Laudatorin Uta Rotermund strahlend und gebannt zu. So wie ich. Mich hat die Rede übrigens ganz schön mitgenommen. „Alles hat seine Zeit“, ist ja nicht nur der Titel der Ausstellung, sondern ebenfalls der Anfang einer biblischen Weisheitsschrift. Sehr einfühlsam eingebunden in eine sehr emotionale Begrüßungsrede.

Augenblicke auf Augenhöhe festgehalten


Der Bogen zu den Ausstellungsfotos ist schnell gespannt: Da geht es nicht um vordergründige, vergängliche Schönheit, sondern um bleibende, altersunabhängige Ausstrahlung. Da haben Frauen, die sich mögen schöne Augenblicke abgeliefert. Da wurde Mut abfotografiert und Humor. Phasen des Lebens vom Kinderkriegen bis zum Tod, denn nicht alle Frauen konnten das Fotoprojekt bis zum Ende mitmachen. So dienen die gemachten Fotos in manchem Fall als Positionierung gegen das Vergessen. Ich war ja nicht dabei, aber ich kann mir vorstellen, dass Sibylle Ostermann völlig auf Augenhöhe geblieben ist mit ihren Probandinnen. „Komm mach einfach mal“… zumindest wirken die Bilder so auf mich. Wahrscheinlich kann ein solches Langzeitprojekt überhaupt nur klappen, wenn beide Seiten sich nah sind, sich verstehen. Da spricht viel Spaß und Freude aus den Fotos. Eine der Frauen hat sich sogar wirklich „nackig“ gemacht, nicht nur im übertragenen Sinn. Dass sie die Einzige in der Fotoreihe war, wurde ihr leider zu spät klar, wie sie humorvoll erzählte. Raten Sie mal, wer „sie“ wohl ist – oder besser noch, sie schauen sich alle Bilder einfach mal selbst an.

Bis zum 19. Februar haben Sie Gelegenheit dazu. Das nächste Foto-Projekt 'Bella Donna' startet bereits im März.
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