80 Jahre Gewerkschafter

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Eine Grubenlampe erinnert Kurt Andrae an seine Zeit als Bergmann auf der Zeche Ickern 1/2. Heute ist dort das Kulturzentrum Agora.

„Früher war es so, dass man automatisch Gewerkschaftsmitglied wurde, wenn man anfing zu arbeiten.“ Früher, das ist für den 94-jährigen Kurt Andrae das Jahr 1935.


Kürzlich wurde Andrae für 80-jährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft IGBCE geehrt. Zwar hat Kurt Andrae erst im Januar 1937 auf der Zeche Ickern 1/2 angefangen, aber zuvor hatte er nach seinem Schulabschluss an der Habinghorster Bismarck-Schule (Lange Straße) das damals obligatorische Pflichtjahr in der Landwirtschaft absolviert – und wurde automatisch Gewerkschaftsmitglied.

Zuvor hatte Kurt Andrae, der mit fünfeinhalb Jahren eingeschult wurde und beim Verlassen der Schule noch keine 14 Jahre alt war, erst einmal gar keine Arbeit bekommen. „Nach der Schule waren wir froh, endlich arbeiten zu können. Aber ich konnte nirgendwo unterkommen. Das Arbeitsamt hatte mir geraten, ein Jahr zu warten. Aber das wollte ich nicht.“

Soest und Osnabrück

Ein halbes Jahr später, im November 1935, ging es dann zum Pflichtjahr in die Landwirtschaft, erst für sechs Monate nach Soest, später in die Nähe von Osnabrück.
„Irgendwann hatte ich genug. Mit dem Fahrrad bin ich von Bohmte aus nach Hause gefahren. Unterwegs habe ich mir noch für fünf Mark eine Lampe gekauft, denn ich hatte kein Licht am Fahrrad“, erinnert sich Kurt Andrae.
Danach begann seine Ära als Bergmann. Zunächst über Tage. Doch die währte zunächst nicht besonders lange. „1938 war ich die schwere Arbeit leid. Hinterm Schacht musste ich die Steinwagen drehen. Damals gab es keine Schienen, nur Metallplatten.“

Da er fürs Militär zu jung war, wurde er zunächst zum Arbeitsdienst verpflichtet. 1939 ging es dann zur Marine. Mit Stationen in Glückstadt, auf der Insel Texel zur Bewachung des Hafens und auf Amrum. Inzwischen war Krieg.

Im Winter 1941 kam dann überraschend die Wende: Für Kurt Andrae war plötzlich Schluss mit dem Militärdienst. Mit seinen Worten: „Ich wurde fristlos entlassen.“ Denn auf den Zechen im Ruhrgebiet und in den anderen Kohlerevieren wurde jeder Bergmann gebraucht, um das schwarze Gold zu fördern.

1942, inzwischen hatte er seine Frau Emma (heute 92 Jahre alt) kennen gelernt und geheiratet, ging es für Kurt Andrae wieder auf die Zeche. Dieses Mal unter Tage. „Da hab ich im Streckenausbau und Vortrieb gearbeitet.“

Es folgte eine erneute Einberufung zum Militär. Bremerhaven, Stettin und Genua. Vier Wochen in Italien in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Das sind weitere Stationen im Telegrammstil.

„Nach vier Wochen wurden wir gefragt, wer denn Bergmann sei. Ich habe mich gemeldet. Wir wurden auf Militärlaster ,verladen‘. Zuvor bekamen wir Geld und Entlassungsschein. Später stellte sich heraus, beides war falsch. Die Amerikaner wollten uns nicht freilassen, sondern nach Belgien und Holland bringen.“
Bei Münster gelang Kurt Andrae und anderen Männern des Transportes die Flucht. Sie folgten dem Rat eines US-Feldwebels, der gesagt hatte: „Haut ab, wenn ihr könnt. Möglichst nah an eurem Heimatort.“

In Castrop-Rauxel angekommen, meldete sich Kurt Andrae wieder auf „seiner“ Zeche, auf Ickern 1/2. „Die stand unter englischer Besatzung. Vor dem Zechentor hatte ein Panzer Position bezogen“, erzählt Andrae. Seine körperliche Verfassung wurde in Augenschein genommen und mit den Worten „Du bist noch gut bei Futter“ kommentiert. „Du kannst gleich morgen anfangen.“ Sein Hinweis, er habe doch gar kein Grubenzeug, half nicht. Die Engländer antworteten: „Das bekommst Du, sogar doppelt.“

Zechenschließung 1972

Bis 1972 hat Kurt Andrae auf der Zeche gearbeitet. Dann wurde Ickern 1/2 dicht gemacht. Da war er 51 Jahre alt und ging in die Anpassung. Dass die Technisierung im Bergbau die Arbeit erleichtert hat, weist Andrae zumindest für seinen Aufgabenbereich zurück. „Es wurde sogar mehr Arbeit, weil wir für die Maschinen zusätzliche Meter ausbauen mussten.“

Dass bald endgültig Schluss sein wird mit dem Bergbau in Deutschland, will Andrae nicht kommentieren. „Das nehme ich so hin.“

Großartig Kontakt mit dem Bergbau hat der 94-Jährige nach seinem Ausscheiden nicht mehr gehabt. Aber seiner Gewerkschaft ist er in all den Jahren treu geblieben – bis heute.
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