"Alle hatten schreckliche Angst": Die Geschichte eines syrischen Flüchtlings (26)

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Bevor Wasim nach Castrop-Rauxel kam, war er in mehreren Auffanglagern in Deutschland untergebracht. „Das machte das Leben nicht einfacher“, sagt er und berichtet von „Enge und Aggressivität“. Foto: Dubbert

„In der ersten Stunde war es ganz still. Dann kamen hohe Wellen. Wasser lief ins Schlauchboot. Alle hatten schreckliche Angst. “ Die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland endete gut. 47 Flüchtlinge, die in dem für zehn Leute gedachten Schlauchboot saßen, erreichten das griechische Ufer. Unter ihnen Wasim aus Syrien. „Ich kann nicht in Worte fassen, was ich während der Fahrt fühlte. Als wir den Strand erreichten, dachte ich: ‚Geschafft!‘“, sagt der 26-Jährige. Seit drei Monaten lebt er in Castrop-Rauxel. Im Stadtanzeiger erzählt er seine Geschichte.




Wir treffen Wasim in der Wohnung eines Bekannten, ebenfalls aus Syrien.Wir verständigen uns auf Englisch, Wasims Bekannte übersetzen.

Die Menschen hätten angefangen, friedlich zu protestieren, weil sie sich Freiheit, Demokratie und ein besseres Leben erhofften. Auch er habe protestiert – ebenso wie ein Freund. „Er wurde verhaftet, als er jemandem in einem anderen Stadtteil einen Erste-Hilfe-Kasten bringen wollte. Er saß sieben Tage lang im Gefängnis. Dort starb er.“ Wasim stockt die Stimme. Er bricht ab. „Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Es sei immer unsicherer und gefährlicher geworden. Auch der Moment, „als der Krieg das erste Mal vor der Tür war“, hat sich fest ins Gedächtnis gebrannt. „Das Geräusch von Maschinenpistolen kam näher. Viele versuchten zu fliehen. Unter ihnen Kinder, Frauen und alte Menschen. Manchmal hatten sie ihre Sachen bei sich, manchmal nur das, was sie am Leib trugen. Manchmal flohen sie ohne Schuhe.“

Trügerische Hoffnung


Wasims Familie – Eltern, Bruder, Schwester – entschied, noch einige Tage abzuwarten. Schließlich sei man umgezogen. Ins Zentrum von Damaskus. „Das war sicherer“, sagt Wasim, denn die Angst, als „Protestler“ entdeckt und verraten zu werden, war groß.

Die Hoffnung auf mehr Sicherheit war jedoch trügerisch. „Das erste, was wir im Zentrum erlebt haben, war eine verheerende Explosion. Wir spürten die Druckwelle und hatten Glück, dass uns nichts passiert ist.“

Auch der Weg zur Arbeit sei voller Gefahren gewesen. Man habe viele Kontrollpunkte passieren müssen. „Wenn den Soldaten dein Gesicht nicht gefallen hat, konntest du inhaftiert werden. Ich hatte keine Hoffnung mehr auf eine gute Zukunft. In Syrien zu leben war nicht mehr möglich“, erklärt Wasim.

Nächtelang gelaufen


Und schließlich machte er sich auf den Weg. Ohne seine Familie. Zu Fuß, per Boot, per Bus und mit anderen Fortbewegungsmitteln. Er trug eine kleine Tasche mit sich. „Mehr durfte man im Schlauchboot nicht mitnehmen. In meiner Tasche waren der Pass, Dokumente, Handy und Geld.“

Wasim lief über Grenzen, übernachtete in Wäldern, marschierte nächtelang, ohne zu schlafen. „In einer Nacht versuchten Räuber, uns zu bestehlen. Sie schafften es nicht. Wir waren zu fünft, sie zu dritt.“

Er sah Familien, die in Wäldern ihr Quartier aufgeschlagen hatten, um den passenden Moment abzuwarten, die Grenze ungesehen überqueren zu können. Wasim schaffte es.

Von Syrien ging es für ihn über den Libanon in die Türkei, nach Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und schließlich nach Deutschland. Zweieinhalb Monate war Wasim unterwegs. „Als ich schließlich ankam, war ich so müde.“

Was folgte, war die Unterbringung in mehreren Auffanglagern. „Das hat das Leben nicht einfacher gemacht“, blickt Wasim zurück. In Castrop-Rauxel versuche man, es besser zu machen.

In wenigen Tagen wird Wasim seine eigenen vier Wände beziehen. „Darauf freue ich mich“, lächelt er. Zuvor habe er „mit zu vielen Menschen auf engem Raum“ gelebt.
Er sei dabei, sich selbst Deutsch beizubringen. Eine Aufenthaltsgenehmigung hat er noch nicht. Er hofft, sie bald zu erhalten.

„Mehr als die Sprache“


Um sich in die Gesellschaft zu integrieren, sei die Sprache das Wichtigste, weiß Wasim. Doch es ist „mehr als die Sprache“, die ihn und andere vom Leben in Castrop-Rauxel trennt. „Wir wissen nicht, wie die Leute hier denken, wissen nichts über die Geschichte der Stadt.“ Dabei möchten er und seine Bekannte gerne teilhaben. „Es wäre gut, wenn es regelmäßige Treffen zwischen Deutschen und Flüchtlingen geben würde“, wünscht sich Wasim.

Und was erhofft er sich für seine Zukunft? „Ich hoffe, meine Familie nach. Deutschland holen zu können. Und ich möchte gerne weiter studieren. Am liebsten Philosophie“, lächelt er.
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