Als die Synagoge in Flammen stand

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Der 85-jährige Hans Frackowiak erinnert sich an die Geschehnisse vom 9. November 1938. (Foto: Wengorz)

Am 9. November wird der Reichspogromnacht von 1938 gedacht. Auch in Castrop-Rauxel brannte damals die Synagoge. Der heute 85-jährige Hans Frackowiak erlebte die Zeit des Nationalsozialismus als Kind mit. Auf seinem Blog schildert er seine Erinnerungen an den Morgen des 10. November 1938.

„In meiner Kindheit wohnten wir in Obercastrop, in der Breckenstraße. Wir hatten einen Nachbarn, der viel für uns Kinder gemacht hat und zu uns freundlich war. Er schnitzte uns Möhren und Kohlrabi und machte mit, wenn wir auf der Straße Fußball spielten. Er war Feuerwehrmann und nahm uns auch mal mit auf die Feuerwache, um uns dort alles zu zeigen.
Eines Tages war die Schule früher aus, weil irgendetwas in Castrop passiert sein sollte. Da wir neugierig waren, sind ein paar von uns zur Altstadt gelaufen.
Als wir am Markt ankamen, sahen wir, dass auf der Rückseite des Reiterbrunnens (da wo heute die Deutsche Bank und die Fleischerei Schmidt ihre Ladenlokale haben) zerstörte Möbel auf der Straße lagen. Man hat uns dort erzählt, dass die oben aus den Fenstern geworfen wurden.
Dann sind wir zum Kaufhaus ,EPA‘ im Mönnichbau (in der Nähe des heutigen Bahnhofs Süd; das damalige Haus steht heute nicht mehr) gegangen. Damals war dort auch die Endstelle der Straßenbahnlinien 7 und 27. Die Schaufensterscheiben waren eingeschlagen, die Ware lag auf dem Bürgersteig. Auf dem Bürgersteig lagen auch viele Klümpken (Bonbons), von denen wir uns einige in die Tasche steckten.
Weiter sind wir in den Ort (die Straße heißt heute noch ,Im Ort‘) gegangen. Da stand die Synagoge (als Kinder sagten wir ,Judenkirche‘) noch in Flammen.
Es waren viele Schaulustige da. Plötzlich sah ich unseren Nachbarn, den Feuerwehrmann. Er war aber nicht in seiner Feuerwehruniform. Er hatte eine braune Uniform an.
Als er uns sah, kam er wutentbrannt auf uns zu und jagte uns weg mit den Worten: ,Verschwindet! Macht dass ihr wegkommt, sonst mach ich euch Beine!‘ Wir rannten.
Ich war sehr erschrocken, meinen Nachbarn so böse zu sehen, und habe damals auch nicht verstanden, was da passiert war.
Danach bin ich dem Nachbarn aus Angst immer aus dem Weg gegangen, und wir haben auch nie wieder zusammen gespielt. Irgendwann später ist er dann in den Krieg gezogen und kam nicht wieder.“
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