Gefangen: Wegen eines defekten Aufzugs kann Mieterin das Haus nicht verlassen

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Seit sieben Wochen ist Yurdgül Özkan an ihre Wohnung in der vierten Etage gefesselt. Der Aufzug des Mietshauses ist defekt, so dass die 43-jährige Rollstuhlfahrerin das Haus nicht selbständig verlassen kann. (Foto: Thiele)
 
Yurdgül Özkan und ihr Mann Yasar mit dem Treppensteiger, mit dem die 43-Jährige nur mühsam das Haus verlassen kann, seitdem der Aufzug defekt ist. (Foto: Thiele)

„Das bedeutet Gefangenschaft. Ich kann nicht raus, wann ich möchte und Lust dazu habe“, berichtet Yurdgül Özkan, die wegen einer Muskelkrankheit im Rollstuhl sitzt. Seit dem 16. Juni ist der Aufzug in dem Mietshaus, in dem sie in der vierten Etage wohnt, defekt, so dass sie das Haus kaum verlassen kann.

Nicht zum ersten Mal sitzt Yurdgül Özkan in der barrierefreien Wohnung an der Bahnhofstraße fest, in der sie seit 2005 mit ihrem Mann Yasar und ihren beiden Kindern wohnt. Bereits 2011 und 2013 sei der Aufzug für etwa acht beziehungsweise dreieinhalb Monate ausgefallen.
Für die 43-Jährige bedeutet der erneute Defekt den Verlust ihrer Selbständigkeit. Denn auch in ihrer Wohnung schränkt sie der kaputte Aufzug ein. „Meine einzige Mobilität war mein elektrischer Rollstuhl“, erklärt Özkan. Er hat einen Lifter, mit dem sie allein aufstehen kann, um sich zum Beispiel auch mal aufs Sofa zu setzen. Doch der Elektrorollstuhl steht zurzeit ungenutzt im Erdgeschoss im Hausflur. „Er wiegt circa 150 Kilo. Ohne Aufzug kann er nicht in die Wohnung gebracht werden“, erläutert sie.

Verlorene Selbständigkeit

„Es nimmt mich sehr mit, dass ich diese eine Sache jetzt nicht selbständig machen kann“, schildert die 43-Jährige die Auswirkungen, die der Verlust des elektrischen Rollstuhls für sie mit sich bringt.
Zudem kann Yurdgül Özkan nur mit dem Elektrorollstuhl allein den Schrebergarten in der Nähe ihrer Wohnung erreichen. Den hat sie sich angeschafft, nachdem der Aufzug 2013 zum zweiten Mal defekt war. „Er ist meine einzige Freude.“
Auch zur Krankengymnastik kann sie nicht gehen. „2011 und 2013 hat sich mein Gesundheitszustand dadurch verschlechtert“, berichtet die 43-Jährige. Darüber hinaus kann sie ihre beiden Geschwister nicht empfangen, solange der Aufzug nicht funktioniert, denn sie leiden an derselben Krankheit wie Yurdgül Özkan.

Treppensteiger einzige Möglichkeit

Die einzige Möglichkeit für sie, das Haus zu verlassen, besteht zurzeit in einem Treppensteiger. Diesen habe ihr der Vermieter wie schon 2013 aufgrund ihres eigenen Bemühens seit dem 27. Juni zur Verfügung gestellt. Doch das akkubetriebene Gerät ist keine wirkliche Lösung, und sie nutzt es nur sehr selten – nämlich dann, wenn sie es gar nicht in der Wohnung aushält.
„Es dauert 15 Minuten, damit die Treppe hinunter zu kommen“, erläutert sie. Zunächst müsse ihr Mann sie in den Treppensteiger heben, dann bedient er das Gerät, um sie ins Erdgeschoss zu transportieren. Anschließend holt ihr Mann den Rollstuhl aus der Wohnung, hebt sie hinein und verstaut zuletzt den Treppensteiger im Keller. „Das ist auch für meinen Mann eine große Belastung“, weiß Özkan. „Mittlerweile hat er Rückenprobleme.“
Für die 43-Jährige ist der defekte Aufzug längst nicht nur zu einer physischen Einschränkung, sondern auch zu einer psychischen Belastung geworden. Yurdgül Özkans großer Wunsch ist es daher, dass der Aufzug repariert wird, denn sie möchte mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern gern in ihrer vertrauten Wohnung bleiben. Doch sie hat kaum Hoffnung, dass eine schnelle Reparatur möglich ist.

Streit zwischen Vermieter und Aufzugsfirma

Denn wie sich herausgestellt habe, befänden sich der Vermieter und die Aufzugsfirma in einem Rechtsstreit. Deshalb weigere sich die Firma, die Reparatur zu erledigen. „Wegen dieses Rechtsstreits glaube ich, dass es diesmal noch länger dauern wird als 2011 und 2013“, befürchtet Özkan. Eine andere Firma kann den Aufzug anscheinend nicht reparieren, da dazu ein Code notwendig ist, über den nur die Herstellerfirma verfügt.
„Der Defekt ist uns bekannt. Eine Reparatur erfolgte bislang nicht, weil der Betreiber sich mit erheblichen Zahlungen für Leistungen, die bereits in 2014 erbracht wurden, im Zahlungsverzug befindet. Außerdem hat der Betreiber die Serviceverträge zwischenzeitlich gekündigt“, heißt es von Seiten der Aufzugsfirma auf Stadtanzeiger-Nachfrage. „Warum bislang keine Reparatur über ein anderes Fachunternehmen erfolgte, ist uns nicht bekannt.“
In die Bemühungen des Vermieters um eine Instandsetzung des Aufzuges sei man nicht eingeweiht, erklärt die Aufzugsfirma. „Uns liegt auch kein entsprechender Auftrag des Betreibers vor.“ Zusammenfassend sei festzustellen, dass die Verantwortung für die stehende Aufzugsanlage beim Betreiber liege.

Auf der Suche nach einer Ersatzwohnung

Aufgrund ihrer Befürchtungen hat sich Yurdgül Özkan auf die Suche nach einer Ersatzwohnung gemacht, „obwohl ich gar nicht ausziehen möchte“: 4,5 Zimmer groß und barrierefrei muss die neue Wohnung sein. Außerdem möchte Özkan auf jeden Fall in Castrop-Rauxel und am liebsten im Bereich Bahnhofstraße wohnen bleiben, um weiterhin zu ihrem Schrebergarten zu gelangen. „Die Barrierefreiheit ist das größte Problem“, hat sie festgestellt. Bei mehreren Wohnungsgesellschaften hat sie sich angemeldet, ist bis jetzt aber noch nicht fündig geworden.
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5 Kommentare
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Gisela Joswig aus Castrop-Rauxel | 06.08.2015 | 16:07  
Nina Möhlmeier aus Castrop-Rauxel | 06.08.2015 | 17:03  
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Gisela Joswig aus Castrop-Rauxel | 08.08.2015 | 20:42  
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Vera Demuth aus Castrop-Rauxel | 10.08.2015 | 10:41  
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Gisela Joswig aus Castrop-Rauxel | 11.08.2015 | 09:55  
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