Geschichten aus Bosnien: Ibro Dzananovic floh 1992 nach Deutschland

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Hobbyautor Ibro Dzananovic schreibt am liebsten in der ruhigen Atmosphäre seines Schrebergartens. Mittlerweile sind drei Bücher mit seinen Gedichten und Prosatexten in bosnischer Sprache erschienen.

Seit einigen Tagen ist der Zaun an der Grenze Ungarns zu Serbien fertig. Er soll Flüchtlinge davon abhalten, die „Balkan-Route“ zu nutzen. Dieselbe Grenze hat auch Ibro Dzananovic überquert – vor 23 Jahren. Seit 1992 lebt der Bosnier in Deutschland.

„Man hat uns an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn gestoppt“, erinnert sich der heute 54-Jährige. Zusammen mit seiner Frau, dem sechsjährigen Sohn und der zweijährigen Tochter wollte er damals aus seinem Heimatland fliehen. An der Grenze zu Ungarn sollte er Papiere der jugoslawischen Armee beibringen. Papiere, die mit einer Ausreise gar nichts zu tun hatten. „Wir haben eine Nacht im Bahnhof geschlafen.“ Am nächsten Tag wurden wieder die Papiere verlangt.
Letztlich hat es die Familie aber trotzdem über die Grenze geschafft, von Ungarn nach Österreich und von dort weiter nach Deutschland und Castrop-Rauxel. In Dortmund-Mengede wohnte bereits ein Bruder von Ibro Dzananovic, in Castrop-Rauxel zwei Schwestern.
Dzananovic wurde 1960 in der bosnischen Stadt Srebrenica geboren und lebte in einem Gebiet nahe der Grenze zu Serbien. Gleich zu Beginn des Bosnienkrieges hatte er sich zur Flucht entschieden. „Ich habe den Krieg nicht erlebt, ich war nie in einem Lager. Aber ich wusste, dass etwas in meiner Heimat nicht stimmt“, hatte er eine Ahnung, was passieren würde.“ Er habe Angst um sein Leben und das seiner Familie gehabt, denn „paramilitärische Soldaten aus Serbien führten ethnische Säuberungen in Bosnien durch“, blickt er zurück.

Keine Rückkehr ins geteilte Bosnien

Viele Landsleute seien nach dem Ende des Krieges nach Bosnien zurückgekehrt. Für Ibro Dzananovic war das keine Option. „Bosnien ist geteilt, nicht de iure, aber de facto.“ In der Region, aus der er stammt, habe die serbische Regierung die Kontrolle, erläutert er. So sei es etwa den Kindern verboten, in der Schule Bosnisch zu sprechen.
Der sprachliche Ausdruck ist für Ibro Dzananovic etwas ganz Wesentliches. „Ich hatte immer eine poetische Ader.“ Seit seiner Jugend verfasst er Texte; seit seiner Flucht 1992 nach Deutschland betreibt er sein Hobby intensiver. Neben Artikeln über die Vorgänge in seiner Heimat, die er für bosnische Zeitungen, die in Deutschland erscheinen, schrieb, widmet er sich vor allem der Lyrik und der Prosa. „Schreiben ist Nahrung für meine Seele“, beschreibt er seine Passion.
Liebes- und Naturlyrik haben es Ibro Dzananovic angetan. Mit seinen Naturgedichten über Äpfel oder Birnen, Holunder oder Pfefferminze hofft er, besonders Kinder zu erreichen.
Bei seinem schriftstellerischen Hobby lässt er sich auch von seiner Heimat Bosnien beeinflussen. So verfasst er auch patriotische Gedichte. „Aber ohne Hass“, wie er betont. Für seine Prosatexte lässt er sich oft von Sprichwörtern, Rätseln und Volksmärchen inspirieren, die er aus seiner Kindheit und Jugend kennt.

Texte werden in Bosnien gedruckt

Seine Texte veröffentlicht Dzananovic im Internet. So sind bosnische Verlage auf ihn aufmerksam geworden, so dass es die Gedichte und Geschichten des 54-Jährigen nun in Bosnien auch in gedruckter Form gibt.
„Ich habe gesagt, dass ich 20, 30 Belegexemplare für meine Freunden, Familie und Schriftstellerkollegen möchte“, erklärt Dzananovic. Verdienen tut er an seinem Hobby nichts. „Ich möchte meine Gedanken nicht auf Geld fixieren.“ Denn nur ein falsches Wort könne ein Gedicht zerstören.
Mittlerweile gibt es drei Bücher mit seinen Gedichten und Prosatexten. Jeweils ein Exemplar hat er an die Stadtbibliothek übergeben.
Zudem trägt Ibro Dzananovic seine Werke bei Lesungen vor. „Ich werde zu bosnischen Festen in Deutschland und Europa eingeladen.“ So hat er beispielsweise vor 500 Zuhörern in Amsterdam gelesen. Auch bei Treffen bosnischer Künstler ist er auf Einladung zu Gast, denn seine Landsleute kennen ihn und seine literarischen Texte. „Ich bin in Sarajevo bekannter als in Castrop-Rauxel“, sagt der 54-Jährige lachend.
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