„Hinter der Fassade“ – Teil 2: Besetzer retteten Bürgermeistervilla

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1913 wurde die Bürgermeistervilla an der Viktoriastraße errichtet.

„Wir haben es den Besetzern zu verdanken, dass es das Gebäude noch gibt“, sagt Architekt Klaus Jarzina über die ehemalige Bürgermeistervilla an der Viktoriastraße 6. Seit 1991 ist das Haus im Besitz des Architekturbüros, das er und Klaus Winkelmann betreiben. Zuvor habe ein Abriss gedroht.

Nachdem einige Jahre lang Castrop-Rauxels erste private Kita in der 1913 errichteten Villa beheimatet war, habe die damalige städtische Wohnungsgesellschaft GeWo, der das Haus gehörte, Sozialwohnungen darin einrichten wollen, weiß Jarzina. Wegen der hohen Umbaukosten sei es aber nicht dazu gekommen, so dass das Haus leer stand, bevor es während der Fußball-EM 1990 von sogenannten Instandbesetzern besetzt worden sei.
„Die Situation eskalierte, als die sozialistische Fahne aus dem Fenster hing, während sich draußen die rechtsextreme Szene sammelte“, erzählt Jarzina. Daraufhin habe der frühere Stadtdirektor Walter Stach das Haus räumen lassen, und Jarzina und Winkelmann konnten es 1991 erwerben.
Die Villa wurde unter Denkmalschutz gestellt, „und wir haben sie in diesem Sinne instandgesetzt“, so Jarzina. Dazu gehörte es, die Türen zu renovieren, die bei der Räumung zerstört worden waren, und eine Deckenbemalung freizulegen, die sie zu ihrer Überraschung im Treppenhaus des Hauses entdeckt hatten. Aktuell befinden sich in dem Haus neben dem Architekturbüro eine Arztpraxis, eine Wohnung und Räumlichkeiten der Caritas.

Wohn- und Empfangshaus

Ursprünglich wurde es 1913 als repräsentatives Wohn-, Arbeits- und Empfangshaus für den Castroper Bürgermeister gebaut. Denn die Stadt Castrop hatte im Gegensatz zum Amt Rauxel mit seinem Amtshaus an der Ringstraße, dem heutigen alten Rathaus, kein Rathaus, und für Sitzungen und Empfänge wich man in Gaststätten aus.
Leonhard Wynen war der erste Bürgermeister, der in die Villa an der Viktoriastraße zog. 1924 folgte Oberbürgermeister Dr. Georg Mende, 1933 der NSDAP-Oberbürgermeister Dr. Richard Anton. Sie wohnten jeweils im ersten Obergeschoss, während im Erdgeschoss die Repräsentationsräume und unter dem Dach die Wohnräume des Hauspersonals untergebracht waren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bezog die britische Militärkommandantur das Gebäude. Mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 fiel das Haus wieder an die Stadt Castrop-Rauxel zurück, wurde aber nicht mehr als Wohn- oder Dienstsitz des Oberbürgermeisters – seit 1948 war dies Wilhelm Kauermann – genutzt.
Stattdessen hatte nun das städtische Gesundheitsamt hier seinen Sitz. Als es etwa Mitte der 1970er Jahre zur Bahnhofstraße umzog, entstand in der ehemaligen Bürgermeistervilla die private Kindertageseinrichtung.


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