Meine Einschulung 1961

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  Castrop-Rauxel: C. Bochynek | Meine Einschulung 1961

Wir schreiben das Jahr 1961, und ich wurde mit einem kleinen Erinnerungsbuch voller von mir gefertigter Mal-, Schreib- und Bastelarbeiten aus dem Stephanus-Kindergarten in Ickern in den sogenannten „Ernst des Lebens“ entlassen.
Das kleine grüne Büchlein (handgefertigt!) ist heute noch in meinem Besitz und hat auf der Vorderseite den Spruch:
„Man muss nicht eben zum Fenster hinausspringen, wenn die Tür offen steht!“
Ein abenteuerlicher Sprung in einen neuen Lebensabschnitt sollte jetzt beginnen.
Also wurde ich zum Frühjahr nach den Osterferien am 13. April 1961 in der Dietrich-Bonhoeffer-Schule eingeschult. Schulbeginn 8.oo Uhr in der Klasse 1.

Ich war ein sehr zierliches und kleines Mädchen, aber mit viel Energie und großer Wissbegierde.
Trotzdem wollte man mich erst gar nicht einschulen. Doch der Schuldirektor und der Schularzt „begutachteten“ mich während der Einschulungstests, die ich und auch noch andere Schüler absolvieren mussten, für schulfähig und meinten zu meinen Eltern nur:
„Die Kleine hat nicht nur das Herz am rechten Fleck, die ist auch sehr pfiffig, und das kleine Schnüsschen steht nicht still!“ Das war`s, und ich wurde ein I-Männchen.

Es war ein sehr aufregender Tag. Schon die Tage zuvor war ich ganz aus dem Häuschen und konnte es gar nicht erwarten, endlich dort mit meiner besten Freundin Regina und meinen Spielkameraden
zusammen zur Schule zu gehen.

An diesem besagten Einschulungstag wurde ich natürlich dem Anlass entsprechend ausstaffiert.
Blaues Samtkleidchen mit Stickereien, weiße Kniestrümpfe, schwarze Lackschuhe und auf dem Kopf meine Zwiebel (Dutt), den ich gar nicht gerne hatte, da ich immer Kopfweh hatte durch die vielen Nadeln, die er mit meinen Haaren halten musste. Dann kam ständig noch der schöne Satz:
„Pass auf, mach dich ja nicht schmutzig!“ „Nicht das du dich dreckig machst, dann kommst du nicht in die Schule!“ Das nervte natürlich und ich war froh, als es dann endlich losging.

Meine Eltern nahmen mich bei der Hand und gingen mit mir den kurzen Weg zur Schule. Im Handgepäck natürlich meine neue Schultüte und auf dem Rücken meinen neuen, orange-braunen Schultornister, dessen Oberfläche aussah wie Elefantenhaut. Sehr robust und auch ganz schön schwer. Dieser war bald größer als ich. Im Tornister die besagte Schiefertafel mit Abwisch-Schwämmchen und dem Kreidegriffel.

Endlich angekommen!!


Das Schulgebäude war sehr neu, hell, freundlich, und es roch nach Putzmittel und Holz.
Wir hatten die Aula der Schule schnell erreicht. Hier reihten wir uns in die Schar der anderen Schulanfänger mit ihren Eltern ein, und ich bekam meine Schultüte wieder in die Hände gedrückt.
Vor und neben mir sah ich einige meiner Spielkameraden aus unserer Straße. Auch sie hielten stolz ihre obligatorischen Tüten in den Armen. Alle waren sehr aufgeregt, und nach einer kurzen Ansprache von Herrn Wollmann, dem Direktor der Schule, wurde uns das Lehrpersonal vorgestellt. Danach wurden wir in unsere Klassen gebeten. Die Eltern warteten im Schulgebäude.
Ich bzw. wir bekamen eine sehr nette und liebevolle Lehrerin. Sie war klein, hatte lockige Haare und hieß Frau Lange. Eine tolle Lehrerin. Ich habe sie sofort ins Herz geschlossen und freute mich riesig, sie am nächsten Tag wieder zu sehen. Relativ schnell bekam ich von ihr meinen Spitznamen „Schnäbbelinchen“. Ich weiß gar nicht, warum ich diesen Namen bekam , aber ich hätte ihn wahrscheinlich auch heute noch. Sie erzählte uns einiges von der Schule und auch aus ihrem Leben als Mutter und Lehrerin. Sie verteilte Zettel, auf denen stand, was wir noch alles in den nächsten Tagen mitbringen mussten. In den Pausen gab es kleine Flaschen mit Milch oder Kakao zum Trinken, die man vorab bestellen konnte. Am Einschulungstag gab es diese umsonst für die Erstklässler. Das war das Highlight. Kalte frische Milchgetränke. Dann gingen wir mit Frau Lange durch das ganze Schulgebäude. Sie zeigte uns die wichtigsten Räume und den großen Schulhof.
Als wir alles besichtigt hatten und unsere Zettel verstaut hatten, wünschte sie uns noch einen schönen Tag, und wir konnten dann wieder zu unseren Eltern und nach Hause.
Alles war neu und sehr aufregend. Zum Nachmittag kamen meine Großeltern zu Besuch und ich bekam einen großen, roten Roller. Es gab selbstgebackenen Kuchen, Kaffee (für mich LINDE´S-Kaffee), und der Tag endete mit dem Verzehr zum Abendessen - mit meinem Lieblingsessen: Tomatenbutterbrot, Radieschen aus dem Garten und Wurstaufschnitt.
Alles ganz einfach, aber toll. Nicht so wie heute – Konsum wo man hinschaut. Viele Leute haben leider vergessen, wo sie überhaupt hergekommen sind. Einfach nur schade!
Nach dem Abendbrot musste ich dann in mein Bett, da ich ja am anderen Morgen frisch und ausgeschlafen wieder zur Schule musste.
Leider musste ich die Dietrich-Bonhoeffer-Schule nach den Sommerferien 1962 verlassen.
Mein Vater bekam eine Beamtenwohnung in Ickern, und wir zogen um. Für mich war das die Hölle, und ich war unsagbar traurig. Ich weinte sehr, und meine Lehrerin Frau Lange und unser Direktor Herr Wollmann versuchten mich die letzten Tage zu trösten, aber es gelang ihnen nicht. Ich wollte diese tolle Schule, meine lieben Klassenkameraden, die ja auch meine Spielkameraden waren, und meine ach so lieb gewonnene Lehrerin nicht verlassen.
Damit hatte ich lange zu kämpfen. Frau Lange habe ich dann sehr oft noch in Habinghorst getroffen. Dann haben wir uns immer in den Arm genommen und über die ach so schönen alten Zeiten geplaudert. Ich habe sie bis heute nicht vergessen, diese gute Seele.

Mein Schulweg war fortan zur Vinckeschule. Ein sehr altes, dunkles und unheimliches Gemäuer.

Das gefiel mir gar nicht, und ich fühlte mich auch dort nicht sehr wohl.
Aber das Schöne ist, dass ich mit meiner damaligen Lehrerin Frau Hoffmann/heute Frau Meininghaus auch heute nach 55 Jahren immer noch ein sehr inniges und freundschaftliches Verhältnis habe. Wir telefonieren sehr viel und besuchen uns gegenseitig. Das kommt wohl auch nicht so oft im Leben vor.
Menschliche Beziehungen haben viele "Gesichter". Liebe, Freundschaft, Lehrer-Schüler, ältere Schwester, Mutter-Kind..... alles ist möglich. Und jede Beziehung kann sich jederzeit ändern. Das ist nicht unbedingt schlechter oder besser. Das erlebt und beurteilt jeder anders. Das ist Leben. Dafür sollte man offen sein, denn es gibt nichts was man "festhalten" kann; wenn man wirklich am Anderen interessiert ist und nicht nur an sich selbst, sollte man sich Erwartungen abgewöhnen. Dann, in solcher Freiheit, unter dem Vorzeichen gegenseitigen Vertrauens und Respekts kann jede Beziehung (welcher Art auch immer) sehr beglückend sein.
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