Bittbrief: "Geben Sie diese Kinder nicht auf, ich beschwöre Sie!"

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Dinslakens stellvertr. Bürgermeister Thomas Groß (l.) bedankte sich bei Anne Prior für ihr Engagement. Dinslakens Thalia-Chef Thomas Staudinger (2.v.l., hier bei der Vorstellung des zweiten Buches zum Thema des Jüdischen Waisenhauses Dinslaken) unterstützt seine Buchhändlerin und Autorin Anne Prior. Foto: cd
 
Anne Prior mit einem „Stolperstein“, der an jüdische Mitbürger erinnert. Foto: Jens Wagner.
 
Eine Kindergruppe circa 1940 im Bauernhof Seyre, rechts die Geschwister Inge und links der kleine Egon Berlin aus dem Dinslakener Waisenhaus, er starb 1944 mit 16 Jahren im Widerstand. Foto: Walter Reed, Chicago
Bei Museen, Archiven und Überlebenden weltweit macht es oft Eindruck, wie „die Deutschen“, wie diese Stadt ihre reichsweit wohl verwerflichste Version der sogenannten „Reichskristallnacht“ aufarbeitet: Das Dinslakener Verbrechen vom 10. und 11.11.38 an den ungeschützten Kindern des Jüdischen Waisenhauses Neustraße 43.

Doch die Wahrheit:

Es ist eine einzelne Frau in ihrer Freizeit, entgegenkommend unterstützt von ihrem Chef und einigen Lehrern sowie Helfern in aller Welt: Die hier gebürtige Buchhändlerin Anne Prior. Jetzt erschien ihr zweites Buch dazu.

Am 9. November 1938 abends erreichte die Nachricht vom Diplomaten-Attentat in Paris die zum 15jährigen Jubiläum ihres Münchner „Marschs auf die Feldherrnhalle“ dort versammelten Kreis- und Gauleiter der NSDAP.

Die erbitterten Nazi-Konkurrenten Propagandaminister Goebbels und „Sicherheits-Chef“ Himmler erkannten die Gunst der Stunde: Noch in dieser Nacht liefen erst die Telefone, dann Fernschreiber heiß, noch in der Nacht brannten in Großstädten die Synagogen. Feuerwehrmänner schützten nur angrenzende „Arier-Häuser“.

Nicht so diese Nacht in Dinslaken: Kreisleiter Friedrich Schulte war nicht nach München gereist, hatte eine Feierstunde hier veranstaltet, dann mit den befreundeten Festrednern der dritten Nazi-Garnitur schwer gezecht. Und beherbergte den einen, von ferne angereisten NSDAP-Redner anschließend in seiner Privatwohnung: Sein NSDAP-Diensttelefon im Rathaus war befehlswidrig nicht nachhause umgestellt worden, man(n) wollte wohl ungestört sein.

So ging hier Himmlers Befehlskette in der Nacht hier nicht weiter. Über Schultes Motive kann heute nur noch spekuliert werden, nur knappe vier Jahre nach der Röhm-Hinrichtung waren 1938 altverdiente Partei-Karrieristen mit SA-Hintergrund keineswegs so geachtet wie zuvor, öfters mal gar als Röhm-„Brüder“ ange­schwärzt.

Ausgerechnet Dinslaken

Der gelernte Lehrer Schulte, PG seit 1926 mit der Nr. 34873 und von Anbeginn SA-Mann, hatte sich noch 1938 am 5. Jahrestag der Machtergreifung (und im vierten Jahr nach der „Nacht der langen Messer“ gegen Röhm&Co) zum SA-Sturmbannführer der Standarte 57 / Wesel ernennen lassen.

Ausgerechnet Dinslaken nun war der Ort, bewusst einst von Juden Mitte der 1880er Jahre ausgesucht für eines ihrer wenigen Waisenhäuser ihres Glaubens überhaupt. Besonders geschützt glaubte man hier ein „Israelitische Waisenhaus für die Rheinprovinz“ durch Geschäftsleute wie den Warenhausbesitzer Bernhard und jüdische Vieh- und Pferdehändler vom Neutor: Im gespendeten Patrizierhaus Neustraße 43 mit großem Garten und Wiese dahinter, fast bis zum heutigen Straßen-Gegenüber am Rutenwall.

Schon lange hatte aber nach der Machtergreifung die örtliche NSDAP, seither wie die Polizei­wache im Rathaus untergebracht, ein begehrliches Auge auf das schöne Haus geworfen, zentral in der nach dem Nazi-Zuhälter-“Held“ L.A. Schlageter umbenannten Straße gelegen. Wenige Schritte entfernt Am Neutor stand der Schaukasten des Streicher-Hetzblatts „Stürmer“. Der auch schon mal Fotografien „arischer Kunden“ vor manch einem der vielen jüdischen Geschäften der Stadt zeigte, auch das hat Anne Prior erforscht. Begehrlichkeiten auf Immobilien, die zu vielfach erfolgreicher „Arisierung“ führten.

Die Kreisleitung wollte das Haus

Da „störte“ ein jüdisches Waisenhaus mittendrin. Ab 45 galt es dann, schnell den Sitz der NS-Kreisleitung in eben diesem Gebäude zu vergessen….

Anne Prior hat vor fünf Jahren genauestens recherchiert in ihrem ersten Buch zum Thema dargestellt, wie nun am 10.11.38 in Dinslaken NSDAPler versuchten, ab 8:30 Uhr früh der verpennten reichsweiten Pogromnacht nachträglich „noch eins draufzusetzen“.

Schnell brannten in nachholendem Gehorsam am Vormittag die nahe Synagoge (nach dem Krieg Standort der Dresdner Bank), sowie u.a. Viehhändler Cohens Haus Bahnstraße 15 oder das Geschäftshaus Isaacsohn Kaiser-Friedrich-Straße 56.
Uniformierte und nichtuniformierte Nazis, darunter Schüler, Lehrer und Amtsgerichts-Vollzugsbeamte drangen gegen 9 Uhr ins Waisenhaus ein, zerschlugen als erstes den Kühlschrank, warfen johlend Möbel durch geschlossene Fenster, verteilten den Inhalt von Einweckgläsern, vergossen Öl, zerschnitten wie anderswo die Federbetten. Deren Federn sonst oft als „Brandbeschleuniger“ benutzt wurden, hier sollte ja das Haus für die Partei erhalten bleiben! Trotz Plünder-Verbot wurde wenigstens der für Sponsoren-Feste im Keller bewahrte Wein „weggesoffen“.

Diebstahl der Kultgegenstände durch volltrunkene Dinslakener Gymnasiasten übrigens war Jahre zuvor genau hier schon einmal vorangegangen.
Anne Prior hat festgehalten, wie die verschreckten etwa drei Dutzend Kinder am 10.11.38 verzweifelt zur Polizei geführt, dort von NS-Polizist Friedrich Freikamp zurückgewiesen wurden: „Die müssen selber wissen, wo ihr Stall ist.!“. Und bis zum Boxkampf (als Abschluss der Martinikirmes) im Saalbau Rau dorthinein und in jüdische Wohnhäuser, auch in abgebrannte geschickt wurden: Beim Tags drauf zu Hoppeditz-Erwachen und am 15. 11. wiederholten „Judenzug“ durch höhnisch johlendes Spalier (nicht nur jugendlicher) Dinslakener Bürger in der Innenstadt mussten über zwölfjährige Waisen die viel Kleineren auf einem Leiterwagen durch die Straßen ziehen:

Für immer der schwärzeste Tag in der Geschichte dieser Stadt.

Denn das ist er: Das alliierte Bombardement der Stadt im Frühjahr 45 sehen Historiker als „Antwort der Geschichte“ auf den vorangegangenen Zivilisations-Bruch hier an den Waisenkindern. Beschwerden über „mangelnde Pogrom-Aktivität“ blieben NSDAP-innerparteilich dann offenbar aus, nach diesen nachgeholten Übergriffen, welche die weltentsetzende allgemeine „Reichskristall­nacht“ noch an Widerlichkeit übertrafen, an hilflosen Kindern und ihren Bewahrern. Ob dadurch die telefonische Nichterreichbarkeit für Schulte nun ohne Folgen blieb?
Besonders als Hetzer hervor tat sich Berufsschuldirektor Erich Hildebrand, dessen Täter-Name und dann formaljuristischer und beschämender Nachkriegs-Freispruch tief in die Annalen dieser furchtbarsten Geschichte einer Stadt eingegraben sind.

Diese Namen nie vergessen

Die Namen der minderjährigen Schüler, denen er für den Anschlag offiziell schulfrei gab, die sich am Pogrom beteiligten, waren nach dem Kriege manchem noch bekannt. Teils aus den Akten zu entnehmen, heute sind sie - außer ihnen selbst - kaum noch erinnerlich. Wie diese Zeitung am 13. Oktober 2010 schrieb: „Einige werden heute noch in Dinslaken leben.“. Von den Waisenkindern hier aber niemand mehr. (Nachzulesen lokalkompass.de/19396)

Als sich seitens Dinslaken in den 80ern keiner forschend bemühte, hat das Amtsgericht Duisburg die Akten geschreddert, sozusagen zum Vierzigsten.
Anne Priors erstes Waisenhaus-Buch ist nach wie vor erhältlich „Wo die Juden geblieben sind, ist nicht bekannt“ heißt es und ist im Klartext-Verlag Essen erschienen, der wie Niederrhein-Anzeiger und die Neue Ruhr Zeitung zur FUNKE-Mediengruppe gehört.

Im selben Klartext-Verlag erschienen ist nun auch Anne Priors nächste „Freizeit-Arbeit“ des nun zurückliegenden halben Jahrzehnts: „Geben Sie diese Kinder nicht auf!“ (Buchtitel II). Nach dem Amts-Zitat des ersten Buches stammt der Titel des zweiten aus einem Helfer Bitt-Brief vom „Komitee zur Unterstützung jüdischer Kinder“ nach USA.

Anne Prior hat es sich mithilfe von (teils überlebenden) Briefpartnern, Museen und Archiven aus ganz Deutsch­land, Belgien, Frankreich und der ganzen Welt zur Herzenssache gemacht, soweit es ihr finanziell und zeitlich möglich war, wieder fast im Alleingang die weiteren Schicksale der jüdischen Dinslakener Waisenhaus-Kinder nach der Vertreibung zu verfolgen und zu dokumentieren.

Eine muss es ja machen, „with a little help from my friends“. Anne Prior selbst betont die folgende, nachdenklich stimmenden Tatsache nicht etwa: Im umfangreichen Quellenmaterial (neben einigen örtlichen Broschüren und Zeitungs-Artikeln) des ersten Bandes taucht Dins­lakens Stadtarchiv mit nur ganzen 3 Zeilen auf : 1. Ratsprotokolle der Nazi-Jahre, 2. Verwaltungs-Berichte Alt-Kreis DIN bis 1948 und 3. Briefwechsel in der dem Stadtarchiv in dieser Sache anvertrauten „Sammlung Grafen“ – das ist alles.).

Und: Im jetzt erschienen zweiten Band erscheint das hiesige Stadtarchiv mit keiner Zeile als Quellenangabe. Dafür aber z.B. gleich drei Archive aus Brüssel, zwei aus der Schweiz, das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (und die der Städte Koblenz, Duisburg, Essen) sowie Landesarchive, gar das US Holocaust Museum in Washington … Dinslaken?

Teil 2 folgt in Kürze im Niederrhein Anzeiger, ausgabe 4. November 2015.
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