Die Mahnsteine von Alfred Grimm in Dinslaken

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Der Künstler Alfred Grimm im März 2013. Foto: jape
 
Grimm bei der Aufstellung seiner vierten Instalation, an der ev. Stadtkirche in Dinslaken. Foto: jape
 
Das Mahnmal für die Viehhändler und Vettern Julius und Josef Jacob an der ev. Stadtkirche vor dem ehemaligen Wohnhaus der jüdischen Dinslakener Bürger. Foto: jape
Dinslaken: Evangl. Stadtkirche | Ja, die wohnten einmal hier…

Die Mahnsteine von Alfred Grimm -
Erinnern und Mahnen in Dinslaken.

Von Alfred Grimm

Seit dem Mittelalter erstreckt sich die Neustraße östlich der Altstadt, seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist sie Geschäftsstraße und mit den anliegenden Straßen Zentrum der Kleinstadt. Eine Entwicklung, an der die Mitglieder der jüdischen Gemeinde einen bedeutenden Anteil hatten.

Bereits 1993, als viele deutsche Städte noch gar nicht an solch eine intensive Aufarbeitung ihrer Geschichte dachten, schuf der Beuys-Schüler Grimm (geb. 1943) für den Platz vor dem Dinslakener Rathaus ein Mahnmal im Gedenken an die Kinder des ebenfalls in der Neustraße gelegenen jüdischen Waisenhauses.
Am 11. Oktober 1938 brannte in Dinslaken, wie in fast allen Städten in Deutschland mit einer großen jüdischen Gemeinde, die Synagoge. Die Inneneinrichtung des bedeutenden, großen, jüdischen Waisenhauses auf der Schlageterstraße, der heutigen Neustraße, wurde zerstört. Die jungen Waisen wurden auf einen Leiterkarren gepfercht. Die großen Jungen mussten nun - den Dinslakener Bürgern zur Schau gestellt – diesen großen Karren durch die Stadt ziehen.

Der Hünxer Künstler Grimm entwarf eine schonungslose, ja verstörende Großplastik: Durch die ausgesparte Silhouette eines SS-Manns blickt man auf einen Leiterwagen voller Koffer, Kleidung, Schuhe und Knochenresten. Das Denkmal von Alfred Grimm erinnert direkt an diesen „Judenzug“. Das war die erste, frühe Erinnerungsstätte in Dinslaken.

Zu Enthüllung des Mahnmals 1993 wurden damals aus aller Welt viele ehemalige jüdische Bürger Dinslakens eingeladen, diesem Festakt beizuwohnen. Sie konnten so nach vielen Jahrzehnten ihre alte Heimatstadt wiedersehen. Eine Geste der Versöhnung. Die damals gewachsenen Kontakte bestehen bis heute, einige kommen nun immer wieder gerne in die Stadt ihrer Kindheit zurück.

An diesem Mahnmal wird von den Dinslakener Schulen in jedem Jahr am 8. September dem entsetzlichen Geschehen der Reichpogromnacht mit einer Gedenkfeier gedacht. Seit einigen Jahren arbeiten engagierte Dinslakener Bürger, Historikerinnen und Vereine die Zeit des Nationalsozialismus und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung systematisch wissenschaftlich auf und publizieren die Ergebnisse. Grundbesitz, Geschäftsleben und Handwerk jüdischer Bürger in Dinslaken wurden umfassend dokumentiert. Dabei wurde mehr und mehr bewusst, wie tief verwurzelt die jüdische Gemeinde und die Geschäftswelt in Dinslaken war.

Nun soll die Erinnerung an diese ehemalige, blühende jüdische Gemeinde wieder im Stadtbild mit Hilfe von Kunstwerken sichtbar werden.
Deshalb wurde Alfred Grimm ein neues Projekt angetragen. Geplant sind Erinnerungen die an die jüdischen Bürger von einst in ihrem beruflichen Kontext.

Seine Mahnsteine wollen jüdische Bürger und deren berufliche Welt sichtbar machen. Aber nicht als Ehrfurcht einflößende Denkmäler oder als dokumentierende Stolpersteine, auch nicht als unauffällige, auf einfache Texte reduzierte Gedenktafeln. Der mittlere Mahnstein aus Basalt mit den Bronzeapplikationen aus dem beruflichen Umfeld wird von jeweils zwei kniehohen Sitzsteinen flankiert. Dieses plastische Ensemble lädt zum Betrachten, Verweilen und Gedenken ein und bietet dennoch auf einer beigefügten Tafel Informationen zu Wirken, Leben und Sterben dieser jüdischen Menschen.

Rat und Verwaltung der Stadt Dinslaken sind im Rahmen des Projekts „Wider das Vergessen“ unter Leitung der ersten Beigeordneten Christa Jahnke-Horstmann in das Vorhaben eingebunden. Die beiden christlichen Kirchen, das Stadtarchiv, das Museum und die Israel-AG des Theodor-Heuss-Gymnasiums unterstützen die Mahnsteine. Der Ausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit des Kirchenkreises und die jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen beteiligen sich an dem Vorhaben. Das Projekt wird vom Kulturkreis Dinslaken mit der neuen Vorsitzenden Magdalene Schwan-Storost betreut und vertraglich abgewickelt.

Vier konkrete Orte für die Aufstellung hat Alfred Grimm gemeinsam mit Jürgen Grafen von der Stadt Dinslaken erarbeitet. Sie wurden der Feuerwehr, der Polizei und dem Planungsamt der Stadt vorgelegt und auf ihre Machbarkeit geprüft. Alle vier Mahnsteine im Bereich Neustraße und Altstadt sind durch Sponsoren finanziert worden.

Der erste Mahnstein erinnert an Elly Eichengrün, geboren 1888. Sie war Putzmacherin und stattete die Damen Dinslakens mit eleganten Hüten aus. Mit ihrem Mann floh sie 1941 in die USA. Sohn Erwin wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Tochter Thea überlebte. Alfred Grimm formte - zunächst in Wachs - einen Damenhut mit Blumen und strukturiertem Schmuckband, gab einen Schal und Handschuhe als notwendige Accessoires hinzu und verband alles mit einer Trägerplatte, die den mittleren Stein hutförmig bedeckt.

Der zweite Mahnstein gibt über den Klempner und Installateur Julius Isaacson Auskunft. Er wurde 1875 geboren und war verheiratet mit Selma Luhs. Beide flohen nach Buenos Aires und starben dort in den 1940er Jahren. Sie hatten neun Kinder. Fünf überlebten den Holocaust. Alfred Grimm hat hier mit einer Durchformung von alten Abflussrohren, von dicken Leitungen, einem Wasserkran und einer Rohrzange eine spannende plastische Anlage gestaltet. Eine in einem Rohr sitzende dicke Kröte soll auf leise Unkenrufe hinweisen, die ungehört verhallten.

Diese zwei Mahnsteine wurden bereits von der Gießerei Butzon und Bercker in Kevelaer in Bronze gegossen und am 23. Oktober 2012 in einer ergreifenden Feierstunde der Öffentlichkeit übergeben. Auch die ersten Stolpersteine von Günter Demnig wurden schon Anfang des Jahres 2012 in einer parallelen Aktion auf den Straßen von Dinslaken verlegt.

Im Jahre 2013 nähern sich nun traurige Gedenktage: 1933 vor 80 Jahren: Machtergreifung Hitlers und die Bücherverbrennung. 1938 vor 75 Jahren: Reichspogromnacht . 1993 vor 20 Jahren Einweihung des großen Dinslakener Mahnmals.



Zunächst aus Wachs geformt, dann in Bronze gegossen, wird plastisch vor Augen geführt, was man bei Siegfried Bernhard, der das größte Kaufhaus in Dinslaken vor dem zweiten Weltkrieg betrieb, erwerben konnte: Schränke, Tücher, Betten und Geschirr, also vollständige Haushaltseinrichtungen. Nach mehreren Deportationsorten wurden beide 1944 in Auschwitz ermordet. Ihre Kinder Heinz und Ingeborg überlebten in Frankreich und der Schweiz Die Aufstellung dieses Ensembles erfolgt genau neben dem ehemaligen Kaufhaus auf der Friedrich-Ebert-Straße, in der heute die Filiale einer spanischen Bank residiert.

Auch die vierte Mahnsteingruppe, die neu enthüllt werden wird, steht neben der Ev. Stadtkirche auf der Brückstraße genau gegenüber dem Haus, aus dem die beiden Viehhändler in der Pogromnacht vertrieben wurden. Julius und Josef Jacob waren Vettern. Sie hatten sich das Gebiet des Niederrheins aufgeteilt: Der eine handelte im rechten, der andere im linken Niederrhein. Julius Jacob, geb. 1878, verheiratet mit Frieda Coppel, geb. 1889. Sohn Fritz, geb. 1913 floh 1937 nach Uruguay, Tochter Trude, geb. 1919, folgte ihm 1938. Die Eltern und Tochter Elisabeth, geb.1911, wurden in Riga und Stutthoff ermordet Josef Jacob, geb. 1883, verheiratet mit Amanda Gompertz, geb.1896. Alle Familienmitglieder wurden 1941 nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert und ermordet.

Plastisch-sinnlich kann der große und der kleine Betrachter sehen, worum es ging: Ein abgetrennter Kalbskopf, ein Viehstrick und ein Messer weisen auf das Tier hin, “das zur Schlachtbank geführt wurde“. Auf den Viehhandel der beiden Vettern Jacob deutet eine Geldbörse und entsprechendes Zahlungsmittel hin.
In diesen Kunstwerken wird zu vier wichtigen jüdischen Familien, die lange Jahrzehnte in Dinslaken an der Grenze zwischen dem Niederrhein und dem Ruhrgebiet lebten und arbeiteten, bis sie von den Machthabern des Dritten Reiches vertrieben oder ermordet wurden, ein plastisches, lebendiges Zeugnis der Erinnerung und der Anteilnahme erhalten.


Alfred Grimm

Email Alfredgrimmkunst@t-online.de
www. Alfred-Grimm.com
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