Dinslaken: Exklusiver NA-Talk mit dem scheidenden Sparkassen-Chef Jürgen Stackebrandt

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Jürgen Stackebrandt geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Foto: cd
 
Das war Baby Jürgen. Foto: privat
 
Klein-Jürgen auf dem Moped. Foto: privat.
"Die Verantwortung für das Geld gefühlt"

Jürgen Stackebrandt, Vorstands-Vorsitzender der Sparkasse mit unserem Verbreitungsgebiet Dinslaken-Voerde-Hünxe im Namen übergibt Ende des Monats an Nachfolger Rolf Wagner.


Wann, wenn nicht jetzt, ist Zeit für eine sehr persönliche, exklusive Rückschau?
1967 nahm der Maschinenbauer Stackebrandt seinen 17-jährigen Sohn Jürgen an die Hand und ging mit ihm zur Gemeinde-Sparkasse Voerde: Der Junge sollte „was Ordentliches und Sicheres“ lernen. Im selben Lebensalter hatte der Vater in den Krieg ziehen müssen. Seine Kinder sollten es einmal besser haben.

Wir kannten die Kontonummern auswendig

Und so fing der Junge bei der Gemeinde-Sparkasse in Voerde an. Der Beginn einer Karriere, die ihn bis in den Vorstand und an die Spitze des nun größten Sparkassen-Verbandes der ganzen Region führen sollte. Und ihm die Liebe seines Lebens schenkte: Birgit Stackebrandt erinnert sich noch sehr gut, wie sie damals beide bei der Gemeinde- Sparkasse anfingen: „Die Jungs mussten auch schon mal im Blaumann alte Akten im Hof verbrennen oder im Keller stapeln. Wir Lehrlinge wurden auch als Geldboten losgeschickt, wenn einem Laden mal das Bare ausging. Dann hieß es mit dem Dienst-Fahrrad das Geldpaket über Land ausliefern. Das waren auch schon mal größere Summen.“

Ehemann Jürgen erinnert sich ebenfalls noch sehr gut: „Die groben Arbeiten brauchten die Mädchen nicht zu machen, die mussten höchstens mal Blumen gießen. Die schweren Akten haben wir geschleppt. Haben wir aber gern gemacht.
Überhaupt war da noch viel Handarbeit. Es gab ja noch keine Kontopflicht: Alles wurde noch über Registrierkassen abgewickelt, Zinsen noch per Hand im Sparbuch eingetragen. Auch heute fast vergessen: Einmal im Jahr wurde der gesetzliche Festzins vorgegeben. Wir kannten damals die Kontonummern unserer Kunden auswendig.

Denkt man drüber nach, ist schon bemerkenswert, wieviel sich verändert hat.
Meine Generation hat die großen Umstellungen in der Finanzwirtschaft hautnah in den Sparkassen-Filialen erlebt. Wir haben das Geld noch angefasst und so ein Gefühl für seinen praktischen Wert entwickelt. Und unsere Verantwortung im Sinne des Wortes „begriffen“: Da durften schlicht und einfach keine Fehler passieren, an den Lohntüten hingen ja ganze Familien-Existenzen. Ging es einer Firma schlecht, wir kannten immer die Menschen, deren Arbeitsplätze dranhingen.

Heute ist das wesentlich anonymer, die Einführung der EDV auf allen Ebenen war ein elementarer Umbruch. Dann die große Fusion zum heutigen Verband Dinslaken-Voerde-Hünxe. Das führte mich zu meinem ersten Job nach Dinslaken: In die Kredit-Revision. Bei aller Verschwiegenheit: Da bleibt einem nichts Menschliches fremd.“
Birgit und Jürgen Stackebrandt sind nun schon 43 Jahre verheiratet. Und auch die beiden Söhne sind kurz nacheinander in diesem Sommer unter die Haube gekommen, dieses Ehepaar muss also neben den beruflichen Herausforderungen auch privat „einiges auf die Reihe gekriegt haben“.

Der aktive Fußballer Jürgen Stackebrandt hat auch noch (frisch zum SV Spellen gewechselt) mit seinen Kumpels 1967/68 den Meistertitel holen können. Auch „beim Bund“ war er zwischendurch. Erst mit Haarnetz! Und was Vatter weder durch sanfte Drohungen noch durch gutes Zureden geschafft hatte, das Bundeswehr-Haarnetz war einfach zuviel: Jürgen ging zum Friseur und - die Matte war ab. Und blieb ab, zurück in der Spaka.

Geld-Geschichte live

Auch die Nacht vor Einführung des Euro ist beiden Stackebrandts noch lebhaft in Erinnerung: Man feierte damals der Einfachheit halber mit allen verfügbaren Mitarbeitern gleich Silvester in der Sparkasse – ohne Alkohol, versteht sich. „Mit“ zählt sich so schlecht... Riesige Paletten mit dem neuen Geld waren ja schon da und es galt, die Geldbestellungen der Geschäfte und Kunden auf den Punkt vorzubereiten und die Geldautomaten zu laden.

Das war ein spannender Moment, Geld-Geschichte live. Irgendwie war es allen in dieser Nacht auch nicht geheuer, der Abschied von der alten D-Mark, bis dahin das Lebenselixier jeder Sparkasse. Davor schon die Angst vor dem Jahrtausendwende-Computer-Crash, der nicht kam: Mit vereinten Kräften hatte auch das alles geklappt.

Übermorgen geht der Vorstandschef Jürgen Stackebrandt mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Er leugnet gar nicht erst, dass er seine Mitarbeiter vermissen wird. Auch wenn er sich freut, die Hektik des Tagesgeschäftes hinter sich lassen zu können: Er wird es auch vermissen, denn er ist „bekennender Workaholic“. Gibt zu, dass er gerne arbeitet.

Weil seine Kinder das wohl irgendwie geahnt hatten, haben sie ihm schon vor ein paar Jahren den „Ennarz“ geschenkt. Der hält ihn auf Trab und fordert als echter Charakter-Hund ganzen Einsatz von Herrchen (und auch von Frauchen).
So hat Stackebrandt denn auch den Vorsitz im Stadtmarketing Voerde aufgegeben: „Jetzt müssen die Jungen ran.“, sagt er augenzwinkernd.

Was er seinem Nachfolger rät? Jürgen Stackebrandt: „Da muss ich gar nichts raten. Das wäre heutzutage auch vermessen, jeder muss seinen eigenen Weg und Stil finden. Rolf Wagner und ich haben uns im letzten halben Jahr seiner Einarbeitungszeit gegenseitig schätzen gelernt. Und ich wünsche ihm alles, alles Gute für die verantwortungsvolle Aufgabe.“.

Er weiß ja , wovon er redet: Die Sparkassen haben eine lange und erfolgreiche Tradition im Finanzieren der heimischen Wirtschaft. Auch mit dem Geld, das ihre Kunden ihnen anvertrauen. Daher ja auch der Name SPAR-Kasse. Das ist nicht mehr so einfach: Die Europäische Zentralbank EZB hat nach der Finanzkrise 2008 „das Geld immer billiger gemacht“ und man erhält kaum noch Zinsen auf seine Spareinlagen. Banken wird inzwischen sogar ein Negativ-Zins für Einlagen bei der EZB berechnet, damit sie das Geld nicht zurückhalten.
Doch ist die Kredit- bzw. Darlehens-Vergabe den Banken-Vorgaben zufolge (Stichwort Basel III) sehr erschwert. Auch für die Sparkassen, die sich als regional Tätige in der Regel nicht international an riskanten Finanzspekulationen beteiligt hatten, gelten nun dieselben Vorgaben wie für spekulative Institute.

Das wird sicher noch spannend ...

Der scheidende Chef: „Da muss die Politik ran, um eine langfristige Kredit-Klemme dem Mittelstand gegenüber auf Dauer zu verhindern.
Es gibt vielversprechende Ansätze, u.a. Trennung zwischen eigentlichem Bankgeschäft à la Sparkasse bzw. genossenschaftlicher Volksbank auf der einen Seite und eben jenen spekulativen Risiko-Geldgeschäften anderer Institute oder Instituts-Abteilungen an den Börsen weltweit. Das wird sicher noch spannend.“.
Da kenn ich einen Ex-Banker nahe Friedrichsfeld, der das hochinteressiert und nicht ohne Engagement genau verfolgen wird. Das Verbreitungsgebiet dieser Zeitung ist das Gebiet dieser Sparkasse: Danke für das ungewöhnlich offene Gespräch im Namen aller Kunden und Leser!

Und: Vatter Stackebrandt hat damals wohl Recht behalten mit der Berufswahl für den Sohn. (Und mit dem Haarnetz auch!)
(Text: Caro Dai).
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