Dinslakens älteste Partei wird 125: Als die SPD den großen Elefanten ritt ...

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Die 20 erfolgreichsten von 125 Jahren SPD in Dinslaken: Beliebt bei allen Bürgern und mit „elefantösen“ Wahlergebnissen galt Bürgermeister Karl-Heinz Klingen bis zu seinem plötzlichen Tod als „Mann des Volkes“. Heute Abend beim SPD-Jubiläum in Lohberg wird auch seiner gedacht. Zusammenfassender Rückblick in dieser Ausgabe. Foto: Stadtarchiv. 
 
Wahlkampf 1926. Foto: Stadtarchiv.
 
1946 Neugründung der SPD-Dinslaken im Hotel Latz. Foto: Stadtarchiv.
 
SPD Landrat Peter Baily (links) mit Günter Grass (Mitte). Fotos: Stadtarchiv.
 
Wilhelm Lantermann (SPD) Dinslakens erster und sehr angesehener Nachkriegsbürgermeister. Foto: Stadtarchiv
 
Thyssen Walzwerk in Dinslaken wurde nach dem Krieg demontiert und in der Sowjetunion in Magnitogorsk wieder aufgebaut. Foto: Stadtarchiv.
 
Willy Brandt im Burgtheater Dinslaken. Foto: Stadtarchiv
Lange holte sie die absolute Mehrheit:

Der populäre Bürgermeister Karl-Heinz Klingen - hier auf einem Zirkuselefanten - regierte seine Stadt zwei Jahrzehnte als beliebter Erster Bürger aller Dinslakener. Nach seinem Tode folgte ihm als letzter ehrenamtlicher Bürgermeister Kurt Altena nach.

Dann kam die Änderung der Kommunalverfassung:

Aus der ehrenamtlichen Stadtspitze und dem Stadtverwaltungschef wurde das Amt des Hauptamtlichen Bürgermeisters geformt. Und 1999 stand dieser neue Bürgermeistertyp zum ersten Mal zur Wahl: W. Fellmeth verlor für die SPD den Posten und die CDU gewann deutlich mit ihrer Bürgermeisterkandidatin Sabine Weiss. Heute Abend begeht die SPD in Lohberg mit ihrem Bürgermeister Heidinger ihr Jubiläum. Im zweiten Teil der Geschichte dieser Partei geht es um die Nachkriegsjahre.

Vor etwa einem Jahrhundert fand die politische Bewegung der Sozialdemokratie auch in Dinslaken, später mit Walsum eine Hochburg der Partei, ihre beiden Hymnen „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und „Wann wir schreiten Seit an Seit – Mit uns zieht die neue Zeit“. Die SPD selbst vor Ort bestand schon vorher und rechnete sich für heute das Datum ihres 125. Geburtstags aus. Wir berichteten.

Im Saal des einstigen Ledigenwohnheims Lohberg wird heute bei freiem Eintritt für Jedermann gefeiert. (Und eine oder beide Hymnen der Partei gesungen?). Dazu ließ der Vorstand den langjährigen Ratsherrn (und bis vor kurzem stv. Fraktionschef der SPD Dinslaken) Johannes Niggemeier als Chronist die letzten einundeinviertel Jahrhunderte würdigen. Die heute - wie der Niederrhein Anzeiger wöchentlich - im Verlag FUNKEMEDIEN werktäglich erscheinende NRZ veröffentlicht Niggemeiers Texte derzeit vollständig in loser Folge.

Im NA war bereits zusammengefasst ein erster Teil (vor diesem letzten hier) die Zeit der ältesten Dinslakener Partei bis zur Illegalität im Nazireich erschienen (nachzulesen lokalkompass.de/ 584398).

Partei-Geschichte vor und nach dem Krieg

Ein fast tragisch zu nennender Unterton war den SPD-Stories aus den ersten 55 Jahren seit Ende der Bismarckschen „Sozialisten“-Gesetzgebung 1890 heraus zu hören: Mühsames Zusammenfinden auch in Hiesfelder Kneipen unter Vereins-Decknamen, Richtungsstreit ab Bewilligung der kaiserlichen Kriegskredite für den I. Weltkrieg durch die „staatserhaltende“ Reichstags-Fraktion, Duisburger „Redaktionsstreit“ um die USPD / KPD-Ausgründung, die stark erwachsende Kommunisten-Hochburg in Lohberg bis hin zum fast bitteren neutralen Resümee Niggemeiers, dass nach Beginn der Machtergreifung viele eigentlich linke Arbeiter die NSDAP gewählt haben müssen. Wie berichtet, schränkten nach 1933 Verhaftungen schnell die Untergrund-Aktivitäten der SPD ein.

Ganz anders aber die Partei-Geschichte nach dem II. Weltkrieg:

Hier wohnende Arbeiter aus dem Landkreis-Nachbarn Walsum und die schnelle Negativ-Entwicklung der zwangsstalinistischen DDR ließ viele, die sich trotz Wirtschaftswunder von Adenauers CDU politisch nicht vertreten sahen, in Dinslaken das Kreuz bei der SPD machen. Noch 1947 hatte die neue Partei CDU programmatisch und einheitlich im Zechen-Ort Ahlen eine gesellschaftliche „Neuordnung von Grund auf“ gefordert: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“

Als konsequente Folge davon wurden von allen Parteien der „Stunde Null“ Nazizeit und Niederlage 1939/45 gesehen. Auch die zerstörerischen Bombardements 22.1.1945 auf Lohberg und 23. März 1945 auf Dinslaken-Stadt: Neben ungeschützt in Sklaven-Behausungen untergebrachten Zwangsarbeitern starben auch nichtevakuierte Bürger – zusammen mit allen vorherigen Angriffen über 700 Menschen, unzählige wurden schwer verletzt, vieles an Industriebau, öffentlichen Gebäuden und Wohnraum zerstört.

Unter der britischen Militäradministration (befreit hatten Dinslaken Truppen der USA am Tag nach dem „vorbereitenden“ März-Bombardement) von Major Douglas griff man im Zuge der schnell beginnenden „Re-Education“ („Rückerziehung der Deutschen zur Demokratie und Zivilisation“) zunächst auf Personen- und Parteistrukturen aus der Weimarer Zeit zurück.

Wie die spätere „Nullstellung“ der Währungsreform (mit 40 neuen DM auf die Hand) wurde zuvor im Herbst 45 ohne Wahlen eine Ratsversammlung ernannt mit dem Versuch, die „Verhältnisse kurz vor Machtergreifung 1933“ wieder herzustellen: es erhielten die dazu neu gegründete CDU acht und das katholische Zentrum drei Sitze, zusammen elf Mehrheitsstimmen (und die FDP dazu zwei), die zerstrittenen KPD acht und die SPD nur fünf, Macht also zwei „Blöcke“ zu je 13, (plus FDP) hinzu die gerade Zahl von sechs Parteilosen. Als Stadt-Bürgermeister, um Proteste ruhigzustellen, wurde zunächst KP-Mann Welk eingesetzt: Auch um die wichtigere Landrats-Position mit dem örtlichen Zentrums-Reichstags­abgeordneten Dr. Zorn besetzen zu können.

Nachkriegsgründung 1946 im Hotel Latz

Erst danach erhielt die SPD die Genehmigung zur Nachkriegs-Gründungs­ver­sammlung am 23. Februar 1946, 17 Uhr im Hotel Latz, das ist bald 70 Jahre her.
Das Protokoll nennt einige überlebende Teilnehmer aus der Vorkriegs-Parteigeschichte. Ein halbes Jahr vor dem „antikapitalistischen“ Ahlen-Programm der neuen CDU forderte diese bereits Verstaatlichungen von Teilen der Großindustrie!

Was Niggemeier zum Gemeinderats-Ergebnis vom September 1946 anführt: Die SPD unterlag mit künftig knapp elf gegenüber 12 Sitzen der CDU, KPD 3, FDP zuwenig Stimmen, kein Sitz.

Vier Wochen später wirkte sich dies kontrastverstärkend bei den Kreistagswahlen aus mit 20 CDU und 16 SPD, Zentrum 2 und KP ein Sitz. Damit schienen die Nachkriegsweichen gestellt.

Doch: Ämter-Bewerber mussten eine spruchkammertaugliche unzweifelhafte, sprich keine Nazi- oder Mitläufer-Vergangenheit haben, das war nicht bei allen gegeben. Der „saubere“ SPD-Vorsitzende Drescher wurde als Bürgermeister-Kandidat von KP unterstützt und von CDU-Fraktion abgelehnt, es erhielt sie am 7. Oktober 1946 der ebenfalls untadelige neue SPD-Bürger­meister Lantermann. Manch alter Dinslakener schätzte damals ein, dass dieser, ob zurecht oder zu Unrecht, als zuvor jahrzehntelanger Angehöriger der Stadtverwal­tung (seit 1914 !) so kurz nach dem Zusammenbruch als einer galt, der sich demo­kratisch mit seinen nicht ganz so unbelasteten Ex-Zimmernachbarn im Rathaus im Sinne eines geordneten Wiederaufbaus der Stadt zu arrangieren wusste.

Wilhelm Lantermann
SPD-Stadtrat von 29 bis 33, war 34 von den Nazis aus städtischen Diensten entlassen worden und musste als Handels-Vertreter arbeiten. Er blieb dann ab 1946 ganze 27 Jahre lang beliebter Bürgermeister, war 1947 bis 54 und noch einmal 1962 bis 66 zudem Landtagsabgeordneter, dazwischen sogar MdB von 1957 bis 61. Mit seinen Alt-Genossen aus der Weimarer Zeit Eske und Bailly, beide nachein­ander auf dem damals Dinslakener Stuhl des Altkreis-Landrats hat dieses SPD-Trio alle wichtigen Baumaßnahmen in Stadt und Kreis angeschoben und auf den Weg gebracht. SPD-Chronist Niggemeier schätzt sie als die „Gestalter“ jener wichtigen Jahre ein. 1973 berief Lantermann eine Rats-Sondersitzung ein, da wegen der Kommu­nalreform eine mögliche Zusammenlegung von Dinslaken und Walsum diskutiert wurde: Bei diesem Aufreger erlitt Lantermann eine schweren Herzinfarkt und starb. Walsum wurde später Teil von Duisburg.

Tatsächlich war Lantermann in seinen ersten Jahren ein Hinführen zu einer funktionierenden öffentlichen Verwaltung gelungen, bedenkt man, dass nach dem Extremwinter 1946 / 47 im Folgejahr gleich zwei Hunger-Demonstrationen auf Sportplatz Wiesenstraße (5000 Menschen) und im gerade mal 13 Jahre alten Thingstätten-Nazibau des „Burgtheaters“ stattfanden.

Das Thyssen-Walzwerk lief komplett demontiert, verladen und neu zusammengesetzt in Magnitogorsk / Sowjetunion und sicherte dort die Arbeitsplätze. Bei den Metallbetrieben Meyer, heute Benteler und bei Steinhoff konnten Demontagen verhindert werden, der Bergbau nahm als Haupt-Energieträger Riesen-Aufschwung.
Die DGB-Gewerkschaften, vor Ort IG Metall und Bergbau/Energie, wurden bedeutend, gesetzliche Regelungen der Montanmitbe­stimmung und Betriebsverfassung stärkten ihre Rolle und ließen sie personell „mit dem politischen Arm der Arbeiterschaft“, der SPD, aber auch der AWO und anderen parteinahen Organisationen „zusammenwachsen“. Während die Partei erst im Godesberger Programm 1959 ihr Profil zur bürgerlichen Volkspartei hin zu erweitern versuchte.

In den Jahren der „Stadtregierung“ an der Macht wurden SPD-Mitglieder in den Diensten der Stadtverwaltung, Stadtwerken und Sparkassen immer mehr zu einer Normalität. Und umgekehrt schien es auch für einen Berufsanfänger nicht mehr unbedingt verkehrt, der solange kommunal regierenden Partei beizutreten.
So gehörten im Ortsverein Mitte neben Metallarbeitern vor allem bald der Öffentliche Dienst zu den Mitglieds-Berufen, in allen anderen umgebenden neuen OVs waren es Bergleute. Niggemeier notiert, dass seine Partei vor 1933 zwischen 70 und 90 Mitgliedern in der Stadt zählte, nun aber zunehmend mehr Mitbürger die “neue Zeit“ (Zitat aus der Parteihymne) mitgestalten wollten. 1970 standen bereits über vierhundert neue Mitglieder den etwa 100 Alt-Mitgliedern aus der Weimarer Zeit zur Seite und gegenüber. Dies sollte sich - begleitet durch Ortsverein-Umstrukturierungen - zu den kommenden Hoch-Zeiten der Partei in Dinslaken noch einmal fast verdoppeln auf den Mitgliederstand knapp nahe tausend.

Diese Zeiten eines geradezu elefantösen Popularitäts-Zuwachses und großer Hoffnungen auf die zukünftige Rolle der Partei sind verbunden mit zwei Namen: mit Willy Brandt im Bund und Karl-Heinz Klingen in Dinslaken. Ein gemeinsamer Freund war der aus der Emigration zurückgekehrte „linke Sozi“ Jakob Moneta, die gar nicht so graue Eminenz der IG Metall im Bund.

Roter Willy - Schwarze Heide

Im Wahlkampf 1961 begleitete ein SPD-Autokorso den „roten Willy“ vom Flugplatz „Schwarze Heide“ in „sein Dinslaken“.
Noch erfolgreicher lief der Wahlkampf 1965, der zunächst erst in der Großen Koalition 1966 mit Kiesinger als Kanzler und Brandt als Außenminister / Vizekanzler mündete. Aber in der folgenden SPD / FDP-Koalition mit „Mehr Demokratie wagen“ sowie der Neuen Ostpolitik kulminierte.

Diese Jahre sind verbunden mit den allergrößten Wahlerfolgen der SPD in Dinslaken:

Schon im Jahr der Bundeswehr-Einführung erreichte die SPD nach zuvor 44% (1952) mit 57 % (1956) ab da absolute kommunale Mehrheiten und verwies die CDU bis 1956 auf 26 bis 30 Prozent, ab Mauerbau 1961 bis 1984 örtlich auf jeweils ca. 35 %. Der Bundestagswahlkreis aber ging bis zur Wahl 1965 stets per Direktmandat an einen CDU-Mann, es hieß; „Die hätten einen Besen aufstellen können“… Es war aber stattdessen zum Beispiel 1953 und 1957 der Sauerländer Christdemokrat Heinrich Lübke, der das sichere „schwarze Mandat“ nach Bonn erhielt, später immerhin Bundespräsident. Erst 1969 trug erstmals ein „direkter“ SPD-MdB aus Dinslaken zum Brandt-Sieg im Bund bei.

Absolute SPD-Mehrheit von 1956 bis 1994

Das Bild des sozialen Demokraten Klingen bleibt nicht nur symbolisch mit dem berühmten kolossalen Reit-Tier verbunden, sondern steht auch für vorher wie nachher nie wieder erreichte Sattel-Höhen seiner Partei und ihrer öffentlichen Glaubwürdigkeit wie Zustimmung. Er führte die Serien-Siege mit absoluter Mehrheit seit 1956 fort, die erst 1994 abbrach. 1975 beteiligten sich (heute unglaubliche) 85,39 Prozent aller Dinslakener Wahlberechtigten bei der Kommunalwahl und über 57 Prozent wählten SPD. Dies war die Folge eines noch größeren Rekordes bei der Bundestagswahl 1972 (Brandt: „Mehr Demokratie wagen!“) zuvor: Unglaubliche 62,9 %, fast eine (gar nicht vorgesehene) Zweidrittel-Mehrheit wählten SPD bei der Rekord-Wahlbeteiligung von ca. 90 Prozent. Diese Zahlen dürften nie wieder, von keiner Partei je erreicht werden.

Schon 1962 war der spätere Bürgermeister und Erste IGM-Bevollmächtigte Karl-Heinz Klingen zum Vorsitzenden des Unterbezirks gewählt worden, sein Tandem-Partner Jupp Schmitz aus Hiesfeld war schon Ortsvereins-Chef Stadt Dinslaken. Und längst Stadtdirektor bei Lantermann. Und einer von denen, die 1945 sowohl der Stadtverwaltung als auch dem ersten Gemeinderat beitreten durften. Parteichronist Niggemeier nennt ihn einen „mit allen Wassern gewaschenen Verwaltungs-Experten“, zusammen mit dem Ex-Ratsfraktionschef und Betriebsrat Klingen von Thyssen-Bausysteme Dinslaken “ein starkes Team“.

Das war auch wichtig für die neuen AGs in der SPD, besonders für die AfA, die für Arbeitnehmerfragen, Mitglieder-Truppen von Zeche Lohberg, Benteler und den Stadtwerken für das innerparteiliche Stimmverhalten. „Mann des Volkes“ Klingen schien aber nach außen wie innen identisch: Seine „politische Ziehtochter“, Ratsfrau und bis vor kurzem Vizebürger­meisterin Margarethe Humpert zitiert seine Marschroute für die Nachgeborenen: „Wir sind für den Bürger gewählt! Und nicht für uns selbst. So habe ich immer versucht zu handeln. Und zu entscheiden.“. (lokalkompass.de/423679).

Nach genau 20 Jahren im Amt des Bürgermeisters starb „Elefanten-Reiter“ Klingen 1993 im Alter von nur 64 Jahren. Sein erster Stellvertreter und Nach­folger im Amt Kurt Altena: „Er hatte sich vom Heißsporn zum ruhigen und gelassenen Bürgermeister entwickelt.“ Beides wohl zum Wohle seiner Stadt. Es scheinen die Persönlichkeiten zu sein, die Partei-Erfolge ausmach(t)en, auch und gerade bei der ältesten Partei der Deutschen. Und besonders hier.

„Liebe Genossinen und Genossen, ich möchte zum Schluss kommen.“
Und die letzten zwei Jahrzehnte der 125jährigen alten Tante SPD Dinslaken?
Steinkohle- und Stahlkrise hatten auch Dinslaken erreicht, eine kommunale Nonsense-Neuordnung, zerfasernde Organisations-Strukturänderungen der Partei begannen sich gleichermaßen Jahre später auszuwirken.

Nach dem Hype der Wiedervereinigung und mit Aufkommen digitaler Nutzung in der Globalisierung sank die Bereitschaft, sich auf Kommunalpolitik einzulassen. Es heißt, die Zeit der großen Politiker-Persönlichkeiten sei vorbei, immer komplexere Probleme wären immer schwerer zu vermitteln. Die Parteichronik selbst spricht bereits bezgl. 1993 von „zwei Lagern“, die sich nach Klingens Tod bildeten. Im Jahr danach noch konnte das Dinslakener Kommunalwahl-Ergebnis erst einmal auf 55,6 wieder gesteigert werden, auch nach einem CDU-Interregnum mit Bürgermeisterin Sabine Weiss (heute CDU-MdB für Voerde/ Wesel II) sind nicht die Zahlen, mehr die Sinnfrage das Problem.

Das mit dem Interregnum kam laut Chronik so: Im Vorlauf der Doppelspitzen-Abschaffung und Einführung des künftig direkt gewählten Bürgermeisters wurde ein einziges Mal dieser Job vom Rat bestimmt (soll heißen, ob das anders sonst so ausgegangen wäre): die „absolute“ SPD im Rat statt der Bürger bestimmte siegessicher den bisherigen Stadtdirektor W. Fellmeth zum Hauptamtlichen bis zur nächsten reguläre Wahl 1999, der werde sich dann seinen Amtsbonus schon erarbeiten.

Es wurde ein Amts-„Malus“! Vor dem „Hintergrund der politischen Großwetterlage“ sei es schon ein Jahr nach Gerhard Schröders Wahl zum Bundeskanzler zu einer Art „Katerstimmung“ im Land gekommen? – ein wenig wird da von der Chronik schon die, jedoch viel später publizierte Agenda 2010 verantwortlich gemacht.
Denn: In Dinslaken schlossen sich unwahrscheinlicherweise und aus offensichtlich ganz lokal personellen Gründen CDU, Grüne und FDP zu einem „Anti-Fellmeth-Bündnis“ zusammen: Die SPD hatte offensichtlich aufs falsche Pferd statt auf einen Elefanten gesetzt, wie ein erfahrener „Clown des örtlichen Politik-Zirkus“ gern witzelt:

Fellmeth erreichte am Ende des „sozialdemokra­tischen 20. Jahrhunderts“ als Amtsin­haber blamabelste 35%, seine Partei immerhin fünf Prozent mehr. Die gegnerische Gemeinschaftskandidatin mit einem laut SPD-Chronik „attraktiven Profil“, in allen Punkten (u.a. „politisch unverbraucht“ und „kommunikativ“) der Gegensatz zum eigenen Kandidaten:

Sabine Weiss (CDU) erreichte aus dem Stand sen­sationelle 58%, auch bei der nach „traumatischer SPD-Niederlage 1999“ folgenden Wahl 2004 erneut 55,8% und besiegte absolut einen eigens einge­bürgerten neuen SPD-Kandidaten.
Dieser Dr. Michael Heidinger erreichte erst im zweiten Anlauf 2009, in dem zwischendurch mal keine absolute Stimmenmehrheit für direkt gewählte Kandidaten nötig war, mit gerade 38,5 % vor 34,7% für den gegen-kandidierenden CDU-Fraktionschef Heinz Wansing, einem Dinslakener.

Sabine Weiss war lieber MdB und lokal nicht mehr angetreten, sonst… Wieder im ersten Wahlgang ging die identische Paarung auch 2014 für die beiden wie üblich „kontrastverschärfend“ aus:

Wansing blieb mit knapp 31,7% in der Nähe seines vorigen Ergebnisses, der Amtsinhaber erhielt nun die absolute Mehrheit mit 60,8%, weit vor dem Parteiergebnis mit 43,6%. Durch Spaltungen und Grüppchen war der Rat zuvor bunter, schwerer „koalierbar“ geworden. Und SPD wie CDU hatten schon 2004 bis 09 die Zusammenarbeit und gemeinsame Mehrheit bemüht.
Was immer der stärkeren Fraktion und vor allem dem Amtsinhaber nutzt.

Auch für die Zeit nach 2014 prognostiziert der 125jährige SPD-Kalender:

„An die frühere absolute Mehrheit ist allerdings nicht zu denken.“ Die Mitglieder­zahlen sind mit (positiv formuliert) „ca. 500“ bereits unter den Stand gefallen, der 1970 nach 25 Jahren Nachkriegszeit erreicht war. Bevor sie dann beim „Elefanten-Ritt“ der 20 tollen Klingen-Jahre rapide auf fast das Doppelte wuchsen. Sie fallen aber heute bei allen „etablierten Parteien“ ins Bergfreie. Nicht durch Austritt sondern durch „Aussterben“…

Einschätzungen von ihrer Partei sehr verbundenen Mitglieder haben heute am Jubiläumstag ein breites Spektrum. Vom: „Wir haben unsere historische Funktion erfüllt, all unsere historischen Ziele aus der Gründungszeit sind nach vielen Kämpfen erreicht.“ bis zum unerschütterlichen Optimismus alter „Parteisoldaten“ und - finanziell abhängiger Berufspolitiker: „Wir müssen die Struktur aus übergeordnetem Stadtverband mit drei Ortsvereinen aus den 70er Jahren wieder auflösen, auch um direkte Wechselwirkung zwischen Partei und Ratsfraktion wieder herzustellen.“.
Von der Lösung solcher inner­parteilichen „Problemfelder“ werde die Zukunft der in Dinslaken nun 125 Jahre lang in Höhen und Tiefen aktiven SPD abhängen, schließt ihre eigene Chronik.

Also: Vielleicht bis zum 150. mal wieder „Mehr Demokratie wagen“?
Dunkel aus hellem Vergangenem leuchtet die Zukunft hervor.
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