Dinslaken: Speed, PC und Sucht im Alter - Drogenberatung Dinslaken zeigt aktuelle Tendenzen der Abhängigkeiten auf

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(Foto: Ruth Levin)
Am Freitag, dem 26.6. ist Weltdrogentag. Der von den Vereinten Nationen initiierte Tag wird seit 1987 dazu genutzt, um die Aufmerksamkeit auf die Drogenprobleme in unserer Gesellschaft zu lenken. Die Drogenberatung im Diakonischen Werk Dinslaken nimmt diesen Tag zum Anlass, um über die aktuellen Tendenzen des Drogenkonsums in der Region zu informieren.
Regina Marx, Leiterin der Drogenberatung Dinslaken und Ralf Heyden, Berater und Suchttherapeut, sprachen mit Ruth Levin, der Beauftragten für Öffentlichkeitarbeit im Ev. Kirchenkreis Dinslaken.

Levin: Frau Marx, Sie haben den Jahresbericht der Drogenberatungsstelle für Dinslaken, Voerde und Hünxe in Händen. Was sind die auffälligsten Tendenzen des Jahres 2014?
Marx: Eindeutig die starke Zunahme an einmaligen Beratungen im Bereich Amphetaminkonsum. Während im Jahr 2013 24 Ratsuchende wegen ihres Amphetaminkonsum zu uns kamen, waren es 2014 nahezu doppelt so viele, nämlich 45. Noch krasser fällt der Anstieg bei den Angehörigen dieser Konsumenten aus. Da stieg die Zahl von 8 (2013) auf 34 (2014). Dass bei dieser Droge die Zahlen der Beratungen in die Höhe schnellen, beobachten übrigens auch die anderen Drogenberatungsstellen im Kreis Wesel.

Levin: Warum sind diese Amphetamine so gefährlich?
Heyden: Amphetamine sind illegale, chemische Drogen. Sie sind eine Zeitgeistdroge. Sie wirken stark aufputschend. Sie machen wach, euphorisch, wirken extrem leistungssteigernd, was ihnen den Namen „Speed“ oder „Pep“ eingebracht hat. Sie ermöglichen stundenlanges Tanzen oder machen fit für die immer höher werdenden Anforderungen im Beruf. Dabei unterdrücken sie das Hunger- und Durstgefühl, körperliche Grenzen wie Müdigkeit und Erschöpfung werden gar nicht mehr wahrgenommen und darum auch ignoriert. Wenn Speed als Partydroge eingesetzt wird, endet das darum nicht selten mit einem Kreislaufkollaps. Nach dem Konsum kommt der Körper extrem schwer wieder in die Gänge. Die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit ist darum groß. Außerdem kommt es infolge des Konsums häufiger zu Amphetaminpsychosen mit Verfolgungswahn, Bedrohungsgefühlen, Persönlichkeitsstörungen.

Levin: Ein hoher Preis um länger durchtanzen zu können oder besser zu funktionieren in Beruf und Familie. In welchem Alter sind die Rat Suchenden?
Heyden: Es sind Jugendliche, die oft mit ihren Angehörigen kommen, oder auch junge Erwachsene. Es gibt auch eine gute Kooperation mit der Psychiatrie im Vizenzhospital in Dinslaken. Klienten, die wegen ihrer psychischen Veränderungen nach dem Konsum selbst im Krankenhaus Hilfe suchen, kommen dann zur Beratung zu uns. Diese längerfristigen Beratungen führt Herr Heyden durch. Der dritte im Beratungsteam ist Stefan Sondermann.

Levin: Zeigen sich noch weitere besondere Tendenzen in Ihrem Jahresbericht?
Marx: Auch im Bereich PC- und Internetsucht verzeichnen wir steigende Zahlen.
Stefan Sondermann bietet donnerstags eine offene Sprechstunde für Jugendliche an, die einen problematischen Umgang mit PC und Internet zeigen. Auch Angehörige können dieses Beratungsangebot in Anspruch nehmen. Darüber hinaus wurden auf Initiative von Martina Paduch, Suchtpräventionsfachkraft in der Drogenberatung, suchtpräventive Projekte durchgeführt, wie z.B. die „Pädagogen –Lan“, wo Lehrkräfte über Inhalte und Wirkungen virtueller Spielewelten informiert wurden.
PC- und Internetsucht ist in unserer Beratungsstelle ein relativ junger Zweig. Aber die Zahlen zeigen uns, dass eine Verstetigung der Angebote perspektivisch notwendig sein werden.

Levin: Das waren schon zwei Bereiche Ihrer Arbeit, die sich durch gesellschaftliche Veränderungen neu aufdrängen. Gibt es weitere?
Heyden: Einen weiteren Bereich gibt es, den wir schon viele Jahre vorhalten und der genau darum jetzt zu einer neuen Herausforderung wird: die Begleitung Heroinabhängiger, die substituiert werden, also einen Ersatzstoff erhalten, um dem Kreislauf von Illegalität und Beschaffung zu entkommen. Früher verstarben diese Klienten sehr früh. Heute werden sie aufgrund der Substitutionsbehandlung deutlich älter. Wobei wir hier von einem Alter über 45 sprechen. Denn diese Menschen altern aufgrund Ihres jahrelangen Drogenkonsums deutlich schneller, sind oft multi-morbid, leiden neben der eigentlichen Suchterkrankung oft noch an zum Teil anderer schwerwiegenden Erkrankungen. Das wirft die Frage auf, wo diese Menschen im Alter bleiben können. Anders als bei Alkohol- oder Medikamentenabhängigen, für die es flächendeckend soziotherapeutisch begleitete Wohnmöglichkeiten gibt, werden für alternde Menschen, die illegale Drogen konsumiert haben, solche Unterbringungsmöglichkeiten nur sehr zögerlich geschaffen. Aber in unserer Beratungsstelle ist ein knappes Viertel der Substituierten inzwischen über 45 Jahre alt. Dieses Problem brennt kreisweit auf den Nägeln. Darum wird es am 1.9. auch eine Fachtagung im Kreis Wesel zum Thema „Sucht im Alter“ geben, auf der auch diese Frage zum Thema gemacht wird.
Levin: Frau Marx, Herr Heyden, vielen Dank für dieses interessante und informative Gespräch.
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