Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 1)

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Rentiermops Murphy wünscht schöne Weihnachten. (Foto: jape)

Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Teilen. Bis zum Heiligen Abend werde ich an dieser Stelle täglich einen Text hochladen, der wie die Schokolade aus dem Adventskalender zu begreifen ist. Glücklich machend, aber dafür kalorienarm.

23.12.2013
Norman kontrolliert seinen Bart. Dieser sitzt perfekt, genau wie die rot beplüschte Mütze. Die letzten Tage waren lang, und Norman kann das nicht verstecken. Er arbeitet als Weihnachtsmanndarsteller in einem Einkaufszentrum, welches von der Größe nahezu an Liechtenstein erinnert. Norman muss stets den gutmütigen und herzlichen Charakter mimen, den man aus Film, Fernsehen und Coca-Cola-Werbung kennt. Ein undankbarer Job; vor allem, wenn man sich schlecht bezahlt und vom Winterblues geplättet, Beleidigungen und Verhöhnungen aller Art gefallen lassen muss. Zum Beispiel Sprüche, die einen „dicken Sack“ und eine „harte Rute“ beinhalten, und die man dann höchstens mit einem „Warst wohl nicht artig, hm?“ abstrafen kann. Nein, Weihnachtsmann sein ist nicht leicht.
Oft versteckt er sich in einer der Herrentoiletten und schaut minutenlang regungslos in den Spiegel über dem Waschbecken. Seine Augenringe gefallen ihm gar nicht und irgendein Scherzbold hat einen schwarzen Balken mittig drauf geschmiert. Norman verliert sich in wirren Gedanken. Weihnachtshitler. Wollt ihr die totale Weihnacht. Norman bremst sich selbst und atmet tief durch.
Das Einkaufszentrum ist bunt, grell, laut. Norman ist ohne Maske genau das Gegenteil von bunt, grell und laut. Er ist unauffällig und ein ruhiger Typ. In seiner Aufmachung ist das jedoch nahezu unmöglich, nicht aufzufallen. Am liebsten würde er sich tot stellen, doch alle paar Sekunden huschen größere oder kleinere Familien an ihm vorbei, die mit einem toten Weihnachtsmann nur recht wenig anfangen könnten. Außerdem würde das der Geschäftsführung nicht gefallen. Das wäre schlecht für das Geschäft.
Norman schaut auf die Uhr. Er überlegt, wieder die Toilette aufzusuchen. Doch er hat diese erst vor 10 Minuten verlassen. Es würde auffallen und er könnte für inkontinent gehalten werden. Oder für drogensüchtig. Norman wird durch den Dress manchmal leicht paranoid und spürt die angeblichen Blicke sogar, wenn er nach dem Job den Bart und die Klamotten ablegt und nach Hause geht. Doch das ist noch lange hin. Jedoch freut er sich auf morgen. Morgen ist Heilig Abend und sein letzter Arbeitstag. Nach den Feiertagen will zum Glück keiner mehr was vom Weihnachtsmann wissen, für mindestens ein Jahr.

Norman hat die Auszeit auch bitter nötig. Manchmal gehen ihm Bilder durch den Kopf, die Sorge bereiten. Vielleicht sind es die langen Tage. Vielleicht die vielen Menschen, die etwas von ihm erwarten. Vielleicht die Jahreszeit. Vielleicht aber auch nur falscher Alarm. Doch manche Gewaltphantasie, die Norman schnell wieder verscheucht, sollte wohl besser niemand erfahren. Sie wirken wie aus einem schlechten Horrorfilm, mit lauter Blut und einem axtschwingenden Weihnachtsmann, der Schaufenster einschlägt und Rentiere köpft.
Eine Familie nähert sich. Ein kleiner Junge zeigt auf Norman und brabbelt etwas unverständliches.
Norman wünscht sich in diesem Moment eine Axt.

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Fortsetzung folgt
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