Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 11)

Anzeige
Rentiermops Murphy wünscht schöne Weihnachten. (Foto: jape)

Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Teilen. Fast so glücklich machend wie Schokolade, aber dafür kalorienarm.

24.12.2013 | 00:00 Uhr
Thorsten schnarcht. Er schnarcht, als ob innerhalb einer einzigen Nacht der gesamte Regenwald abgeholzt wird. Er schnarcht so verstörend, dass sich die NASA über unbekannte Signale wundert und diese als extraterrestrisch einstuft. Er schnarcht so überzeugend, dass diverse Nilpferde eine Art Brunftschrei zu erkennen glauben, und sich direkt auf den Weg machen. Lilly dankt in solchen Momenten dem Erfinder des Ohropax und wünscht sich insgeheim ein Verhältnis mit ihm.
Auch wenn die Ohrstöpsel den nasalen Lärmterror auf ein Minimum reduzieren, findet Lilly nicht zur Ruhe. Sie überlegt rauf und runter, ob sie auch ja an alles gedacht hat; ob Weihnachten nun endlich über die Bühne gehen kann, oder noch etwas Wichtiges fehlt. Abgesehen von ihrem Geschenk für Thorsten. Das holt sie nämlich erst später ab.
Sie macht sich viele Gedanken, ob der Abend einigermaßen glimpflich abläuft. Betty wird mit ihrem Freund Elias vorbeischauen. Das wird quasi eine Premiere, denn bisher hat Betty es bis zuletzt vermieden, dass ihr Freund auf Thorsten trifft. Bettina schämt sich ein wenig für ihren Vater, wobei das weniger am Schnarchen liegt. Kommt im Wachzustand eh seltener vor.
Thorsten hat ein Händchen dafür, Jahr für Jahr die Bescherung zu sprengen. Meist sucht er sich irgendeine Banalität, an der er sich hochziehen und profilieren kann. Im letzten Jahr war Betty sein Ziel. Er warf ihr vor, dass sie viel zu früh ausgezogen sei. Sie sei der Grund für die „beschissene Stimmung zu Weihnachten“. Betty konterte, dass er bloß seine nicht gekauften Geschenke vertuschen wollte. Die beiden Streithähne zankten so lange, bis Betty unter Tränen das Wohnzimmer verließ und sich im Bad einschloss. Lilly wusste sich nicht zu helfen und drehte die Weihnachtsmusik etwas lauter.
Thorsten war noch lauter. Erst ein Bier beruhigte ihn. Betty verließ die Szene nach dem kurzen Aufenthalt im Bad und ging nach Hause. Die Stimmung zwischen Liane und ihrer Tochter war mehr als angespannt. Betty warf ihr in der Nacht vor, dass sie ihn ihr vorziehen würde.
„Ich möchte nur das Beste für alle“, sagte Lilly verzweifelt.
„Und das ist für Dich Weihnachten, Mama? Das ist ein großer Witz!“ sagte Betty und ließ ihre Mutter stehen.

Es muss an den Osterfeiertagen gewesen sein, als Betty sich nach einer längeren Pause wieder meldete. Lilly war so unendlich froh, wieder von ihr zu hören. Sie sprachen lange und näherten sich wieder einander an. Betty erwähnte ihren Vater mit keinem Wort.

Lilly geht noch nochmals den Ablauf nach dem Frühstück durch. Zuerst muss das noch fehlende Geschenk abgeholt werden. Sie ist aufgeregt, wie das Geschenk für ihren Mann geworden ist. Sie hat sich gewagt, mal etwas ganz anderes auszuprobieren. Sie hat bei einem Fotografen ein paar erotisch-sinnliche Aufnahmen von sich machen lassen. Sie nahm für diese Fotoreihe all ihren Mut zusammen und ließ sich wie noch nie zuvor in Szene setzen. Die ersten Eindrücke waren überraschend gut, sie erkannte sich im ersten Moment kaum wieder. Ein wenig stolz war sie schon, als sie sich in diesem neuen Licht wiederfand.
Ihre Freundinnen würden sie aufgrund dieser Aktion für vollkommen verrückt erklären. Nicht nur, dass sie sich schon viel zu lange mit diesem Ekel herumschlägt, nein, nun schenkt sie ihm auch noch Nacktbilder. Betty würde es noch viel weniger verstehen und Lilly eine unfassbare Szene machen.
Dabei ist die Erklärung für Lilly glasklar. Sie will doch nur wieder etwas die Liebe in ihm wachkitzeln. Wissen, ob da überhaupt noch was zu holen ist. Oder ob da überhaupt je was war. Für die Familie. Alles muss gut werden. Lilly spricht anscheinend nicht Thorstens Sprache, drum wählt sie einen anderen Weg, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Und gibt es einen besseren Zeitpunkt dafür als das Fest der Liebe?

Trotz aller Liebe. Lilly vernimmt das Geschnarche sogar durch ihr Ohropax. Sie überlegt, ihm das Kissen ins Gesicht zu drücken. Funktioniert bestimmt besser als Bier. Sie entscheidet sich dagegen und dreht ihm den Rücken zu.

Fortsetzung folgt.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.