Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 22)

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Rentiermops Murphy wünscht frohe Weihnachten (Foto: jape)

Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Teilen. Fast so glücklich machend wie Schokolade, aber dafür kalorienarm.

24.12.2013 | 11:00 Uhr
Daniel schaut nervös auf seine Uhr. Viel Zeit bleibt nicht mehr, das passende Geschenk für die Mutter seiner Freundin zu finden. Die Geschäfte haben Heiligabend ja nicht ewig auf. Marie hat ihren noch fehlenden Kram bereits in einigen Einkaufstüten verstaut. Er nimmt sie zur Seite.
„Ich muss dich was fragen, Marie.“
„Solange du mich nicht fragst, wie du warst … nur zu!“
„Wegen dem Geschenk für Deine Mutter. Ich weiß nicht, was ich kaufen soll.“
„Das wissen wir doch schon.“ Marie lacht.
„Ist das so offensichtlich?“
„Du wirkst total verkrampft und als ob ich dich beim Onanieren erwischt hätte. Genau so nervös wie an dem Tag, an dem ich dich meinen Eltern vorstellte.“
„Wie kann man das vergleichen? Außerdem recherchierte ich nur im Netz!“
„Mit heruntergelassenen Hosen und einer Küchenrolle?“
Marie lacht Daniel an. Ihm ist zwar gar nicht nach Lachen zumute, aber ihre strahlenden Augen beruhigen ihn. Auch wenn sie ihn in vielen peinlichen Momenten ertappte, ist er froh, sie zu haben.
„Weißt du, ich habe einfach das Gefühl, dass Ruth mich nicht leiden kann.“
„Daniel! Das ist nicht dein Ernst.“
„In ihrer Gegenwart habe ich das Gefühl, dass jedes Wort und jede Handlung bewertet wird. Dass sie mich für den totalen Hampelmann hält.“
„Soll ich dir was verraten? Sie rief mich gestern an und fragte mich, was sie dir schenken soll. Rate mal, was ich hier in der Tasche habe. Sie war genauso ahnungslos und wollte dir auch das perfekte Geschenk geben.“
Daniel staunt. Marie muss einen der Momente genutzt haben, als er alleine in einer Chocolaterie nach der perfekten Opfergabe für Ruth Ausschau hielt. Als er gefühlte Stunden vor einem unfassbar hässlichen Schokoladenengel stand und überlegte, ob er ihn mitnehmen sollte.
„Gar nicht, schlecht. Gar nicht schlecht. Was ist es?“
„Du Scherzbold, als ob ich das nun verrate! Zudem hast du gerade schlecht über meine Mutter geredet.“ witzelt Marie.
„Sie wirkt manchmal aber auch spießig.“
„Spießig? Meine Mutter?“
„Ja! Sie schaute mich an, als ob ich in Hundekacke getreten wäre, als ich letztens euren Flurteppich lobte!“
„Wer lobt denn auch schon Teppiche, Schatz. Das war wirklich arg seltsam.“
„Komplimente sind nicht so meins.“
„Erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir uns kennenlernten? Die WG-Party? Du als Dionysos und ich als Cracknutte?“
„Ja, natürlich. Wie könnte ich das vergessen?“
„Die Idee zu dem Kostüm kam von meiner Mom.“
Endlich konnte auch Daniel wieder lachen. Damit hätte er nun gar nicht gerechnet. Vielleicht hat er die Situation tatsächlich komplett falsch eingeschätzt. Ruth könnte lässiger sein, als er je gedacht hätte. Er umarmt Marie und beide küssen sich. Die Welt scheint wieder in Ordnung und beide starten die finale Suche für ein passendes Geschenk.
„Ho ho ho! Frohes Fest euch beiden!“ ruft ihnen ein verkleideter Weihnachtsmann zu. „Danke, dir auch!“ grüßt Daniel fröhlich zurück.

Norman schaut den beiden Turteltauben ein wenig neidisch hinterher. So ganz anders als das Paar, die er noch vor wenigen Minuten beobachtet hatte. Die stritten unverblümt vor dem nahe gelegenen Café, so dass sich eine kleine Traube um sie bildete. Sie hatte irgendeinen Umschlag in der Hand, den ein Mann ihr lachend aus den Händen riss, Fotos raus zog und ihr vor die Füße warf. Nun sitzt sie alleine dort im Café, aber scheint nicht besonders traurig. Der Typ hingegen haute direkt ab und verschwand in der Menge.

„Betty? Ich bin es, Mama.“
Lilly ruft ihre Tochter an, um ihr alles zu erzählen. Vom Streit, von Thorstens Reaktion und von dem Geschenk, welches sie sich selbst gemacht hat. Sie wirkt trotz der Auseinandersetzung mit Thorsten, die einige Aufmerksamkeit auf sich zog, sehr entspannt und fast schon erleichtert. Ein heißer Kaffee dampft vor ihr, sie raucht dazu eine Zigarette.
„Ich habe mir selbst was Geniales geschenkt, womit wohl keiner gerechnet hätte. Ich habe mich von Thorsten getrennt, Frohe Weihnachten! Ja! Mein voller Ernst. Hier gerade im Kaufhaus. Da soll mal einer sagen, dass man beim Weihnachtsshopping viel zu viel Geld ausgeben würde.“
Sie schildert freudig erregt die Details vom Geschehen und überschlägt sich dabei fast. Betty, am anderen Ende der Leitung, ist baff und lauscht gespannt.
Thorsten bestand darauf, dass Lilly den Inhalt des Umschlags offenbarte, obwohl sie dazu nicht bereit war. Somit riss er ihr grob den Umschlag aus der Hand und warf einen Blick auf die Fotos, die er eigentlich erst am Abend zur Bescherung sehen sollte. Die erotischen Aufnahmen, die Lilly in verschiedenen Posen zeigen, lösten aber leider nicht die Reaktion in Thorsten aus, die sie sich erhofft hatte. Statt sich darüber zu freuen und eventuell sogar wieder etwas wach gekitzelt zu werden, reagierte Thorsten sehr herablassend und lachte Lilly sogar öffentlich aus. Er gröhlte übertrieben herum, hielt sich die Augen zu und machte sich lustig. Sein Schauspiel unterbrach Lilly, indem sie ihm sagte, dass es ein Abschiedsgeschenk sei. Sie wusste in dem Moment selbst nicht, woher das kam.
Von einer Sekunde auf die andere hörte Thorsten auf mit dem Getose. Er fragte nach, ob das ihr Ernst sei. Lilly sagte schlicht und einfach „Ja“. Daraufhin warf er ihr die Fotos vor die Füße und dampfte ab.
„Vielleicht freust du dich nun etwas mehr auf die Bescherung. Und ja, ich weiß. Das war schon lange überfällig“ lacht sie ins Handy und schaut dabei noch einmal auf eine der Aufnahmen, die eine neue Lilly zeigen.

Lena ist mittlerweile schon eine Stunde im Kaufhaus unterwegs und fühlt sich überraschend wohl in der unruhigen Menschenmenge. Obwohl sie im Sekundentakt angerempelt wird oder ihr irgendwer auf die Füße tritt, kann sie dem Treiben doch eine Menge abgewinnen. Wer hätte das gedacht? Zumal ihre letzten Last-Minute-Reisen zu Weihnachten oft ähnlich anstrengend waren. Fliegen ist alles andere als entspannend.
An einem Geschäft für Dekorationsartikel bleibt sie kurz stehen, um das Schaufenster zu betrachten. Eine hübsche Winterlandschaft ist zu sehen, mit einem kleinen Schneemann aus unzähligen Legosteinen. Direkt daneben ein paar Modellköpfe, die verschiedene Weihnachtsmützen tragen. Einer davon trägt ein scherzhaftes Rentiergeweih aus Stoff und Plastik. Lena muss grinsen und geht ins Geschäft.

Fortsetzung folgt.
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