Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 6)

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Rentiermops Murphy wünscht schöne Weihnachten. (Foto: jape)

Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Teilen. Fast so glücklich machend wie Schokolade, aber dafür kalorienarm.

23.12.2013 | 19:00 Uhr
Alles ist an seinem Platz. Der Brief und ein kleiner Zettel mit einer Telefonnummer und Hinweisen, wo alle wichtigen Unterlagen zu finden sind. Gustav hat an alles gedacht. Er hat ohnehin schon länger den morgigen Tag geplant; er weiß sehr genau, wie sein persönlicher Heiligabend ablaufen wird.
Normalerweise kocht er sein Leibgericht, Kohlrouladen mit Salzkartoffeln, und trinkt dazu ein, zwei Gläser Rotwein. Danach geht er zum Plattenspieler, um eine alte Schallplatte mit seinen liebsten Weihnachtsliedern zu spielen. Meist handelt es sich dabei um Aufnahmen von Frank Sinatra oder Bing Crosby. Gustav setzt sich zu seinem kleinen Adventskranz, an dem vier frische Kerzen brennen. Zur Musik schließt er fast komplett die Augen, bis er durch die Augenschlitze nur noch das Licht erkennt, und dabei summt er leise mit. Irgendwann verstummt die Platte. Gustav wird dann den Fernseher einschalten, um einen Weihnachtsfilm zu sehen; meist der eine mit James Stewart, ein Film ganz nach seinem Geschmack.
Er ist dieses Jahr 73 Jahre alt geworden und verbringt seine Tage alleine. Seine Frau ist bereits vor zehn Jahren verstorben und den einzigen Sohn, der dieser glücklichen Ehe entsprang, hat er viele Jahre nicht mehr gesehen. Alles war in Ordnung, bis Gustavs Frau schwer erkrankte. Danach ging alles bergab. Es gab viele Streitigkeiten zwischen Gustav und Konstantin, der in seinem Vater eine Teilschuld gesucht hatte. Alle Schlichtungsversuche scheiterten. Gustav konnte seinen Sohn teilweise verstehen; seine Wut, seine Rage. Drum zog er sich irgendwann zurück und ist seitdem alleine.
Der morgige Heiligabend wird anders verlaufen. Gustav hatte sich starke Schlaftabletten verschreiben lassen, da er meist ab Herbstbeginn schlecht in den Schlaf findet. Diese hat er neben den Adventskranz aufgestellt. Morgen Abend wird er sie zu sich nehmen, alle, mit einer Flasche feinstem Scotch, den er sich zusätzlich besorgt hatte. Frank Sinatra soll ihn behutsam in den Schlaf singen.
I did it my way.
Der letzte Vorhang fällt.

Am letzten Tag vor Heiligabend schaut er noch einige Fotoalben durch. Bilder aus glücklichen Tagen, die ihm manchmal ein Schmunzeln entlocken und auch hier und da eine Träne. „Ich habe ein gutes Leben gehabt.“, sagt er leise zu sich und blättert eine Seite weiter.
Plötzlich klingelt das Telefon. Gustav erschrickt. Anrufe sind eher ungewöhnlich. Er steht auf und geht langsam zum Apparat.

„Hallo? Ja, bitte?“
„Papa? Hier ist Konstantin.“
„Konstantin? Mein Gott, Junge..“
„Wie geht es Dir? Ist alles in Ordnung?“
„Ja ... Ja. Mir geht es gut. Ich bin nur so überrascht!“
„Papa, ich wollte Dich fragen ... Kann ich morgen Abend vorbeikommen?“

Fortsetzung folgt.
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