Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 7)

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Rentiermops Murphy wünscht schöne Weihnachten. (Foto: jape)

Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Teilen. Fast so glücklich machend wie Schokolade, aber dafür kalorienarm.

23.12.2013 | 20 Uhr.

Norman sehnt sich den Feierabend herbei. Nur noch vier Stunden Ho ho ho. Er hat sich mittlerweile im Eingangsbereich positioniert und begrüßt müde die letzten Einkäufer. Lange Ladenöffnungszeiten verführen dazu, die benötigten Geschenke noch später zu holen, als es nötig wäre. Norman fragt sich, wie das wohl ablaufen mag. Da sitzt irgendein Kevin oder irgendeine Jenny vor dem Fernseher und hat einen Geistesblitz: „Oh je! Ich muss dringend diese Blue-Ray für Opa kaufen!“ … kurz vor Mitternacht.
Oder hier geistern nur noch Alkoholiker rum. Norman sieht eine weitere 08/15-Familie an sich vorbeiziehen und stellt sich vor, wie Mama, Papa und Töchterlein später im Auto den Flachmann herumreichen. Einen für Mama, einen für Papa, und einen für das Nesthäkchen.

Ein etwas hagerer Mann flitzt an Norman vorbei. Norman sieht ihn nur beiläufig aus dem Augenwinkel, aber hält inne. Irgendwo hat er diese Visage schon mal gesehen. Er klappert im Geiste alle Möglichkeiten ab (Trinkbekanntschaften, alte Schulkameraden, der Neue seiner Ex, Gläubiger), während er mechanisch Weihnachtsgrüße verteilt. Er schaut dem Flitzer hinterher, bis er bei den Einkaufswagen verschwindet. „Das muss Herr Drumwischski sein“, dachte Norman und wird direkt an jenen Morgen erinnert, an dem er das lächerlichste Vorstellungsgespräch seines Lebens hatte – für den gegenwärtigen Job als lebendige Weihnachtsschaufensterpuppe mit Grußfunktion.

Norman war verzweifelt und brauchte dringend Geld. Sicherlich ein nachvollziehbarer Wunsch; nur sollte man manche Wünsche nicht laut aussprechen – sie könnten in Erfüllung gehen. Besonders dann, wenn man vor einem Sachbearbeiter der Arbeitsagentur sitzt.
„Ich würde nahezu alles machen“, sagte Norman selbstbewusst und lebensmüde.
„Na gut, alles außer Bohrinseln und Soldat. Kann kein Blut sehen“, ergänzt er weiter. Herr Drumwischski zog eine Augenbraue hoch.
„In der Küche würde ich auch nicht unbedingt arbeiten wollen. Habe eine Allergie gegen Nüsse und eine echt nervige Laktoseintoleranz.“
„Herr ...“
„Sagen sie ruhig Norman. Alle sagen Norman. Außer meiner Mutter. Sie sagt Hase.“
„Nein, also … sie müssen so schnell wie möglich in ein sozialversichertes Arbeitsverhältnis kommen, damit sie ihren Lebensunterhalt alleine sichern können.“
„Das klingt vielversprechend. Lebensunterhalt. Das klingt nach Geld. Geld finde ich gut.“
„Schön. Also, wo liegen ihre Qualifikationen?“ Herr Drumwischskis Frage wirkte sarkastisch.
„Lassen sie mich überlegen ...“

Norman überlegte zu lang. Eine Woche später stand er mit Sack und Pack hier im Einkaufszentrum und sucht jede halbe Stunde die Örtlichkeiten auf. Dieser Arbeitsagentur-Heini ist an allem schuld. Norman nimmt sich vor, diesen eindeutig bösen Mann nie wieder zu grüßen.

In diesem Moment flitzt Herr Drumwischski erneut an Norman vorbei.
„Frohe Weihnachten, Hase!“
Norman will kontern, aber überlegt zu lange.

Fortsetzung folgt.
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