Eine Weihnachtsgeschichte

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Weihnachten im Hause Bauer /

Margarete war eine junge ledige Mutter und wohnte bei dem Landwirtsehepaar Anton und Hildegard Bauer in der kleinen Dachgeschosswohnung im Anbau. Die erfahrene Landwirtin beobachtete Margarete unbemerkt, denn sie konnte nicht begreifen, warum eine hübsche und ordentliche junge Frau mit Kind alleine gelassen wurde. Das Wohlergehen dieser beiden lag ihr am Herzen. So kam es auch zum Mietvertrag, der eine verdeckte Schutzfunktion beinhaltete.
Gleich das erste Gespräch, das Bemühen der jungen Frau, deren Empfindsamkeit und deren Stärke, überzeugten die Vermieterin. Sie konnte die Wohnungssuchende nicht ohne Hoffnung fortgehen lassen. So kam es, dass sie bald in ihrem Hause lebte. Jetzt sah sie auch ihr Bestreben, dass niemand von außen erkennen sollte, wie groß die Not tatsächlich war.
Mutter und Kind waren stets sauber und geschmackvoll gekleidet, die Wohnung glänzte bis in die kleinste Ecke. Nur Margarete - so nannte sie das Mädchen in ihren Gedanken, denn für sie war es noch ein Mädchen - wirkte immer zerbrechlicher. Bald fand sie heraus, woran das lag.
Eines Tages, es war in der Vorweihnachtszeit, das Haus stand Kopf, denn Frau Bauer und ihre jüngste Tochter backten Kuchen und Plätzchen, brachte Heidemarie einige Backwaren nach oben zu der jungen Mieterin. Doch Heidemarie kam bedrückt zurück. Sie hatte den Eindruck, die junge Frau, mit der sie so gerne befreundet wäre, wollte diese Gaben nicht. Sie klagte es ihrer Mutter: „Der bringe ich nichts mehr rauf. Darauf kannst du dich verlassen!“, so endete sie ihre Beschwerde.
Die erfahrene Hausfrau und Mutter verstand, tröstete die Tochter, versuchte ihr zu erklären. Dann überlegte sie, wie sie der jungen Frau helfen konnte, damit sie sich etwas mehr nach außen öffnete. „Sie muss unbedingt lernen, ohne Scham etwas anzunehmen“, ging es ihr immer wieder durch den Kopf.
Am nächsten Tag machte sie sich selbst auf den Weg nach oben. Sie packte zwei Stücke frischbebackenen Kuchen auf einen Teller und klopfte an die Verbindungstür. Freundlich wurde sie hineingebeten. Doch als Margaretes Blick auf den Teller fiel, kehrte sich das Strahlen der Augen sofort nach innen, eine leichte Abwehr zeigte sich. Frau Bauer übersah es gekonnt, stellte den Teller auf den Esszimmertisch und befahl mit freundlichem Unterton: „So, nun gehen Sie mal in die Küche und kochen zwei Tassen Kaffee. Ich pass inzwischen auf den Kleinen auf!“
Margarete war erstaunt, wagte aber nicht zu widersprechen. Es freute sie, dass Frau Bauer sich etwas Zeit für sie nahm. Mit einem liebevollen Blick zu ihrem spielenden Kind verließ sie schließlich den Raum. Als die Kaffemaschine lief, begann Margarete den Tisch zu decken.
„Nein danke, für mich bitte nicht“, bat Frau Bauer und sah der jungen Frau ernst ins Gesicht.
„Ja, aber Sie sagten doch, ich soll zwei Tassen Kaffee kochen und hier sind zwei Stücke Kuchen?“ Margarete war jetzt überfordert, verstand nichts mehr. Nun begann Frau Bauer leise und langsam zu sprechen, suchte sorgfältig die Worte aus: „Sehen Sie, meine Tochter bringt ihnen hin und wieder selbstgebackene Plätzchen. Habe Sie diese probiert? Nein, Sie geben sie dem Kind, was ich auch sehr schätze. Und wenn ich zwischendurch mal bei Ihnen reinschaue, ist der Tisch nur für eine Person gedeckt. Und für wen? Für das Kind! Sehen Sie, Sie werden immer blasser, immer dünner und Ihr Kind ist ein gesunder Sonnenschein. Was glauben Sie wohl, wer hier den Kuchen essen würde, wäre ich gleich wieder gegangen?“ In Margaretes Augen glänzten Tränen. Schnell zwang sie sie zurück.
„Nun setzen Sie sich doch, und essen Sie Ihren Kuchen. Beide Stücke sind für Sie. Essen Sie unbesorgt, der Kleine kommt nicht zu kurz.“
„Danke,“ kam es beschämt aus Margaretes Mund. „Aber ich schaffe keine zwei Stücke. Ich esse sie später.“ - „Nix da - später - jetzt! Ich bleibe solange hier sitzen, bis beide aufgegessen sind!“ Frau Bauer stand auf, ging in die Küche und goss der erstarrten jungen Frau liebevoll den Kaffee ein. Margarete gehorchte. Zögernd nahm sie sich das erste Stück Kuchen auf ihren Teller. Als sie alles gegessen hatte, klopfte Heidemarie an die Tür und brachte ein Stück Kuchen für das Kind.
Frau Bauer stand zufrieden auf, gab den Platz ihrer siebzehnjährigen Tochter frei und meinte: „So ihr Drei, macht euch ein paar schöne Stunden. Ich werde jetzt das Abendessen vorbereiten und zuvor alleine den Rest in der Küche aufräumen. Ach, bevor ich es vergesse, am ersten Weihnachtstag sind Sie mit ihrem Sohn bei uns zum Mittagessen eingeladen. Sie haben doch Zeit?“
„Ja, aber …“
„Kein Aber!“
„Danke, wir sind hier, wir können kommen“, verlegen senkte Margarete den Kopf.
„Gut, und wehe Sie bringen Geschenke mit. Denn, wenn Sie das tun, glauben Sie mir, dann bekommen Sie ein Stück Fleisch weniger auf Ihren Teller!“
Sie lächelte die junge Frau wohlwollend an, bestärkte mit Blicken die Tochter, doch sitzen zu bleiben, und verließ die Wohnung. Heidemarie blieb, und endlich wurden die beiden Mädchen Freundinnen.

© Annerose Scheidig/2011

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