Unser Mutter stochte, bis die Suppe kochte :-)

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Wunderbar! Gleich, als ich das Buch in Händen hielt, ging mir das Herz auf. Erinnerungen wurden wach, der Wunsch darinnen zu lesen drängte sich auf, und ich fing sofort damit an.

Es beginnt mit den uralten Küchenliedern und ich wundere mich erneut, welch grausames Ende sie doch häufig haben. Als Kind hörte ich so gerne zu, wenn die Oma oder die Mutter sang: Mariechen saß weinend im Garten oder Sabinchen war ein Frauenzimmer. Das Lied „In einem Polenstädtchen“ fand ich auch wieder. Ich vergaß es im Laufe der Jahre, weil ich nur die erste Strophe auswendig singen konnte, denn Texte zum Nachlesen gab es nicht, nicht bei uns. Entweder wurde ein Lied häufig gesunden oder es verschwand aus meinem Gedächtnis. Nichts bleibt ewig.

Besonders nett finde ich die zum ersten Vers dazugefügten Noten sowie die passenden Bild-chen. Alles Bleistiftzeichnungen? Dazu fehlt mir das nötige Fachwissen! Aber schön sind sie, und davon verstehe ich was.

Nach den Küchenliedern folgen schön aufgeführte Erinnerungen, aus der stochenden Zeit, bis hin zum Wärmeflaschenersatz, die es damals wohl kaum oder gar nicht gab. Die altbekannten Backsteine! Ja, ja, ja, wie wir Kinder uns freuten, wenn Oma uns damit verwöhnte. Das war nicht selbstverständlich. Denn so viele Steine passten auch nicht in den Ofen, wie wir sie hätten brauchen können, und die Zimmer waren so kalt, so auch die Betten ohne Biberbettwäsche. Auch diese Erinnerungen wurden mit Bilddrucken ausgestattet; alte Preisschilder runden das Lesevergnügen ab.

Und dann folgen die Rezepte aus damaliger Zeit! Und ich fand meine als Kind geliebte Milchsuppe wieder, hier wird sie Brotsuppe genannt, die nur meine Oma richtig kochen konnte. Als ich schwanger war, kam sie mir wieder in den Sinn, denn es zog plötzlich ihr Duft an mir vorbei. Doch ich konnte ihn nicht festhalten und meine Oma war schon dement, der Haushalt aufgelöst, das Rezept nicht mehr in ihrem Kopf. Jetzt kann ich sie selbst nachkochen, wie auch bestimmte andere Rezepte, von denen andere Kinder damals erzählten, die ich aber nicht kannte, wie Himmel und Erde. Selbst die verhasste Steckrübensuppe könnte ich jetzt nachkochen, falls es überhaupt noch Steckrüben gibt. Früher waren die Felder voll damit und wir naschten heimlich davon. Wir hatten extra am Feldrand Picknick gespielt, Puppen und alles mitgenommen, um von unserem Vorhaben abzulenken. So lernte ich schon als kleines Mädchen mit einem Taschenmesser umzugehen, denn die Rüben waren sehr süß und Süßes gab es wenig.

Kurz und bündig, wie das Buch selbst, sei zum Schluss gesagt: Das Buch ist eine wunderschöne Geschenkidee, für Jung und Alt, und auch für das Mittelalter. Ich kann es mit reinem Gewissen nur empfehlen. Ich werde es sogar bei meiner Arbeit mit dementen Menschen einflechten.

Danke, dass ich hier von dem Buch erfahren durfte.

Eine gesegnete Weihnachtszeit wünsche ich allen hier, und überall. Und vielleicht findet jemand dieses wunderbare Buch unter dem Tannenbaum.

Helmut Spiegel, 1932 in Essen geboren, arbeitete 35 Jahre als Redakteur bei der NRZ und WAZ, er ist seit 1993 als Schriftsteller tätig. Sein Buch "Unser Mutter stochte, bis die Suppe kochte" ist 2005 erschienen im Verlag Henselowsky Boschmann (ISBN 3-922750-59-1 - 95 Seiten).
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3 Kommentare
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Claudia Lopatta aus Düsseldorf | 08.12.2012 | 12:47  
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Beatrix Gutmann aus Essen-Süd | 08.12.2012 | 13:17  
601
Annerose Bilzer aus Dorsten | 18.05.2013 | 16:24  
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