Kunst von Jeanette Unite im alten Museum am Ostwall - Baukunstarchiv NRW

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Foto: Bettina Brökelschen
 
Besucher der Ausstellung. Foto: Bettina Brökelschen
Dortmund: Ostwall 7 bleibt | Vom 20. März bis 10. April 2016 präsentiert die südafrikanische Künstlerin Jeannette Unite ihre Arbeiten im Baukunstarchiv NRW. Die Künstlerin hat von 1981 bis 1986 an der Michaelis School of Art der University of Cape Town studiert.
Die Malerin arbeitet und lebt in Kapstadt. Sie malt am liebsten mit Kreiden und Pastellfarben. Sie nutzt als Ausgangspunkt Fotos, aus dem Bergbau. Sie läßt sich gerne von Industriestandorten inspirieren.
(Foto v.l.)
Konsul h.c. der Republik Südafrika, die südafrikanische Künstlerin Jeannette Unite, Sirit Klimes vom Verein Freunde des Museums Ostwall und Stadtdirektor / Stadtkämmerer Jörg Stüdemann.

Rede / Einführung TERRA, Jeannette Unite, am Freitag, 18.03.2016 im Baukunstarchiv NRW von Sirit Klimes

Begrüßung
Die hier im zukünftigen Baukunstarchiv NRW in Dortmund ausgestellten Werke der Künstlerin Jeannette Unite zeigen einen Ausschnitt ihrer Arbeit der letzten 20 Jahre. Der Titel der Ausstellung, „TERRA“ ist von großer Dimension. Er kann den Erdboden, das Erdreich, aber auch die ganze Erde umfassen. Er lässt Ihnen, liebe Ausstellungsbesucher, viel Raum zur Interpretation, doch wird bereits beim Eintreten in den Lichthof und dem ersten Blick auf die Exponate deutlich, worauf sich das Interesse der Künstlerin vor allem fokussiert: Es ist das Thema Bergbau, das Jeannette Unite auf zum Teil ganz unterschiedliche Art und Weise bearbeitet. Ein Thema, das sie seit über 30 Jahren beschäftigt.
In den 1980er Jahren besichtigt die Künstlerin ihre erste Mine, es war die Uranmine bei Swakopmund in Namibia. Ihre Faszination und das Interesse für den Bergbau sind geweckt, und das Thema lässt sie bis heute nicht los. Die gigantischen Maschinen, die für die Gewinnung des Erzes eingesetzt werden, üben starke Faszination auf die Künstlerin aus, aber auch die stets anwesende Gefahr für die Arbeiter und nicht zuletzt die Spuren, die der Mensch durch diese massivsten maschinellen Eingriffe in der Erde hinterlässt, beschäftigen sie sehr.
So heißt ihre erste Ausstellung, die den Anfang ihrer künstlerischen Beschäftigung mit dem Thema Bergbau bildet, „Earthscars“, „Erdnarben“. Arbeiten mit diesem Titel tauchen aber auch in späteren Jahren immer wieder auf. Die Metapher der Narben, die die Erdoberfläche zerfurchen und die – abstrahiert – auch auf der gleichnamigen Bildserie zu sehen sind, erklärt die Künstlerin in einem Zitat ihres Katalogs selbst: „Der Bergbau hat die kulturelle und sozialpolitische Identität Südafrikas bestimmt sowie auch die Auswirkungen von Kolonialisierung und Globalisierung unsere heutige Landschaft kennzeichnen“. Zum Teil passt dieses Zitat auch perfekt auf das Ruhrgebiet vor dem Strukturwandel.

Jeannette Unite erweitert fortan ihr Wissen zu Bergbau und Rohstoffindustrie. Sie spricht mit Geologen, Ingenieuren, Metallurgen und Industriellen. Ihren hier ausgestellten Werken liegen also intensive Recherchen zugrunde, und zwar historische, wissenschaftliche, materielle, aber eben vor allem auch künstlerische Recherchen.
Unite sucht aktive Gold- Kohle-, Salz-, Mangan-,Titan- und Platinminen sowie stillgelegte und historische Bergwerke auf, aber auch Häfen und Baustellen. Sie sucht (und findet) die spezielle Ästhetik in den Industriedenkmälern. Die Geometrie von Hochöfen, Hafenkränen, Strommasten, Fördergerüsten kommt Unites Liebe zur Abstraktion entgegen.

Diesen Sinn für Industrieästhetik können wir hier im Ruhrgebiet vielleicht besonders gut nachempfinden. Diese Ästhetik findet sich in malerischer Art und auch und gerade durch ihre Malmittel in ihren Werken wieder, auf die ich gleich noch genauer eingehen werde.
Fotodokumentationen ihrer Reisen und in ihren Recherchen gewonnenes Bildmaterial bilden eine Art eigenes Archiv der Künstlerin und es wurde von Bergbaumuseen und -archiven, von Bergbauzeitschriften und -büchern bereits auf diesen großen Fundus zurückgegriffen. Zum Teil sind es ihre Foto-Dokumentationen, die inzwischen abgerissene Bergwerkkonstruktionen für die Nachwelt – zumindest als Fotografie - erhalten haben.

Vielleicht ist nicht jedem bewusst, dass Südafrika in höchstem Maße vom Bergbau geprägt war und ist. Das Land ist sehr reich an Bodenschätzen, deren Förderung für 40 bis 50 Prozent der Exporterlöse Südafrikas verantwortlich ist. Es besitzt die weltweit größten Fördermengen an Chrom (44 % der Weltförderung), Platin (fast 80 %), Mangan und Vanadium (57 %). Daneben besitzt es große Vorkommen an Gold (21 %), Diamanten (9 %), Kohle (6 %), Eisenerz, Nickel, Titan, Antimon und Palladium. So erbringt die Mine Sishen (in der südafrikanischen Provinz Nordkap) hochwertiges Eisenerz, das in einem der größten Tagebaue der Welt abgebaut wird.
Jeannette Unite sammelt auf ihren Reisen erzhaltigen Sand von den Halden, auch Staub, Abraum und Metalloxide. Sie verwendet diese als Malmittel auf ihren Bildträgern, was ihre Kunst zu etwas ganz Besonderem macht. Die Kunstwerke enthalten also Abfallprodukte des industriellen Bergbaus, die verblüffende Farben und Muster entwickeln, wenn sie z.B. chemisch reagieren oder im Brennofen der Künstlerin bei extremen Temperaturen geschmolzen werden (ihr Atelier ist halb Chemielabor, halb Büro, halb Wohnung).

Sie hegt eine tiefe Verehrung für all diese Substanzen und ebenso ein tiefes Wissen über ihre Herkunft, ihr Alter, ihre Vorkommen. Für sie ist es wichtig, dass wir Menschen als Endverbraucher und Konsumenten ein tieferes Bewusstsein dafür entwickeln, dass praktisch alles, was wir am Tag nutzen, von den Mineralien und Materialien stammt, die wir auf und in der Erde finden. Wir selbst bestehen ja auch daraus!
Mit größter Leidenschaft geht Unite beim Mischen, Mengen, Brennen, Schmelzen und Reagierenlassen ihrer Substanzen vor. Diese Leidenschaft und Energie ist in ihren Arbeiten deutlich spürbar. Sie arbeitet weitgehend unter freiem Himmel bei sich zu Hause, sodass auch der Wind und andere Faktoren dem Zufall Raum lassen.
Generell ermöglicht das Auftragen von Sand, Erde etc. das Schaffen von mehr Tiefe und Dimension; der Bildträger nähert sich dem Relief an. Als künstlerisches Ausdrucksmittel ist es in der Kunstgeschichte und vor allem in der zeitgenössischen Kunst nicht selten, man denke an Anselm Kiefer oder Antoni Tapies mit ihren schrundig-sandigen Bildoberflächen.

Das Werk gewinnt jedoch noch einen tieferen Sinn, stammt das verwendete Material aus einem ganz bestimmten Kontext, aus einer bestimmten Mine, einer Abraumhalde, einer vom Bergbau geprägten Region. Im Kunstwerk kann es Aussagekraft und Bedeutung verstärken. Die „Farbmaterie“ wird zur Substanz des Bildes und wird für den Betrachter sinnlich erfahrbar.
Das „Sinnliche“ in Unites Kunst ist für sie von großer Bedeutung und nicht zuletzt deshalb ist ihre Beschäftigung mit Material und Substanzen fast schon bildhauerisch. Sie selbst wünscht sich von uns als Betrachter, dass wir mit unseren Sinnen reagieren. Da ihre Arbeiten doch ziemlich abstrakt sind, sei der Zugang zu ihrer Kunst am besten sinnlicher Art. Als Beispiel können die großformatigen Arbeiten hier rechts und links sowie in den anschließenden Räumen fungieren. Diese Arbeiten sind mit einer Vielzahl von Sand aus verschiedenen südafrikanischen Bergbaugebieten versehen, so wie auch mit Asche, Mineralien, Metalloxiden und Pulvern. Sie verwendet z.B. auch Calcium von den Kreidefelsen bei Dover und sogar Kohle aus unserem Ruhrgebiet. Gerade in diesem Bild sieht man schön eine Reihe von Kupferteilchen in dem klassischen rot-braun-metallischen Farbton. Oben sehen wir oxidiertes Kupfer, das mit seinem Türkis und der glasigen Konsistenz eine komplett andere Wirkung erzielt.

Die Materialien entwickeln also eine starke Ästhetik, obwohl es sich eigentlich um die Überreste der Bergbauindustrie handelt, denen eher etwas Grobes, Hässliches anhaften könnte. Die Oberflächen wirken mal glatt, mal krustig, erdig, matt oder auch glimmend, glitzernd oder glasig und sprechen uns als Betrachter an.
Sie werden bemerkt haben, dass die Künstlerin das schmale, vertikale Format sehr schätzt, vor allem auch in 3er-Kombination, sodass der Charakter eines Triptychons entsteht. Sie selbst benutzt aber auch gerne den Begriff des Barcodes, an den die Kombination mit den aneinandergefügten Streifen erinnert.
Die „Geo-Seam Mineral Paintings“ hier links nehmen dem Namen nach Bezug auf die Flöze, also sedimentär entstandene, ausgedehnte Lagerstätten eines Rohstoffes (zum Beispiel Kohle), die parallel zur Gesteinsschichtung verlaufen. Mineral Painting, die MineralienMalerei, umschreibt ihre Technik. Recht unauffällig sind mit Siebdruck auch Worte auf den Leinwänden zu erkennen. Es sind zum Teil Koordinaten, genauer gesagt die Koordinaten Südafrikas, es tauchen aber häufig die Namen der Elemente und Rohstoffe auf, wie hier rechts in der Bildserie „Complicit Geographies“ (?), wo die Künstlerin Goldstaub bzw. Blattgold aus den Goldminen von Johannesburg verwendet. Manche Schriftzüge sind aber auch Auszüge aus historischen Tabellen des Bergbaus und der Rohstoffindustrie, die sie aus Archiven übernommen hat.

In Jeannettes Arbeiten variiert der Grad der Abstraktion. Während in den soeben besprochenen abstrakten Arbeiten die gewaltige Wirkung der selbst kreierten Farben dominiert und ein sehr sinnlicher, atmosphärischer Eindruck entsteht, sind gerade in der „Highgear“-Serie mit den Fördergestellen für den Betrachter die Objekte klar zu erkennen. Wir sehen deutlich Fördertürme, Maschinen, Radschaufelbagger, Kräne... Doch auch in diesen Werken gibt es unbestimmte Bereiche. Unite trägt das Malmittel – im Falle der Fördertürme ist es selbst gemachte Kreide mit Karbonschwarz – auf und umreißt das Industriedenkmal. Durch Verwischen jedoch wird die Skizze abstrahiert und entwickelt ein Eigenleben: Die Maschine wirkt dynamisch und bewegt. Das Hinzufügen von glühenden Farben zu ihren Kohlezeichnungen von Fördertürmen macht sie für uns als Betrachter noch lebendiger. Die überarbeiteten Fotos unten im Lichtsaal sind auch ein gutes Beispiel der sich entwickelnden Abstraktion: Grundlage sind aktuelle oder historische Fotografien, denen die Künstlerin durch malerisches Überarbeiten ihre eigene Gewichtung gibt.

Einen weiteren Schritt weg von der Abstraktion sozusagen sind ihre Fotozyklen, unbearbeitet und von „archivierenden Charakter“ (hier nicht ausgestellt), die an Bernd und Hilla Becher erinnern, deren Fotografien von Industriedenkmälern z.B. des Ruhrgebiets zwar eine Sachlichkeit und Nüchternheit besitzen, die Unites Werken fremd ist, doch das Dokumentarische haben sie gemeinsam. Sowie auch die große Affinität zum Industriedenkmal. Unite sieht die Bergbau- und Rohstoffindustrie als Teil des technischen Fortschritts, der Evolution an und sich selbst als Profiteur dieses Fortschritts. So extrahiert sie aus Kränen und Fördertürmen Grazie und Schönheit, und aus der rauhen Alchemie von Bergbauprodukten und -chemikalien entstehen unter ihrer Hand perfekt harmonisierende Farbtöne. Doch neben aller Schönheit sind auch die dem Bergbau anhaftenden Gefahren in ihrer Kunst präsent. Sie sagt selbst, „mining ist beautyful but dangerous“. Neben Schlagwettern, Einsturzgefahr, Gefahr durch Ersticken usw. kommen die Arbeiter eben auch mit toxischen Elementen in Kontakt. Die Nutzung von ebendiesen in ihrer Kunst (ich habe ja schon einige davon erwähnt), überträgt die Gefahr – bei aller Schönheit der Farbverläufe – eben auch wieder auf das Bild und seinen Inhalt. Die Künstlerin beschreibt, dass auch gerade die kräftige rote Signalfarbe (Bleirot), die in vielen ihren Werken vorkommt, das Gift resp. die Gefahr des Bergbaus symbolisiert. Ihre Kunst lässt ebenso Raum für weitere kritische Assoziationen, die der Bergbau, als ein Schlüsselsektor der Südafrikanischen Wirtschaft und einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes, auch mit sich bringt: Das Wegziehen vieler schwarzer Südafrikaner aus den ländlichen Gegenden, um in den Minen zu arbeiten, brachte viel familiäres Leid. Auch heute noch sind angemessene Bezahlung, Arbeitsschutz etc. immer wieder Thema.

Das sog. Marikana-Massaker von 2012, verarbeitet die Künstlerin in einem ihrer Werk auf sehr eindringliche Weise. Es erhält durch seine Hängung in dem absidial gerundeten Durchgangsraum fast schon sakralen Charakter.
Dass die Ausstellung Jeannette Unites durch Herrn Hübner und sein Team hier im Gebäude des zukünftigen Baukunstarchivs NRW präsentiert werden kann, ist nicht nur passend, weil wir uns im Ruhrgebiet befinden, das auf 200 Jahre Bergbau zurückblicken kann, mit insgesamt etwa 3.200 Zechen zum Kohleabbau im gesamten Revier. Das Gebäude selbst hat eine lebhafte Geschichte: Sein ursprünglicher Zweck, zu dem es 1875 an dieser Stelle erbaut wurde, war die Funktion des Königlichen Oberbergamts. Von dem damaligen dreigeschossigen Backsteingebäude der Architekten Gustav Knoblauch und Richard Gezmer sind – laut jüngsten Forschungen – noch im heutigen Bau architektonische Elemente enthalten, da es sich beim heutigen Gebäude um das Resultat mehrerer Umbildungen des Oberbergamtes von 1875 und nicht - wie lange angenommen – um einen kompletten Neubau handelt.
Das ehemalige königliche Oberbergamt – ein passender Ort also für diese Ausstellung. Er ist „gespickt“ mit historischem Material dieser Ära, das im Gebäude noch „drinsteckt“ und auf seine Art „lebt“, vergleichbar mit den Materialien und Substanzen auf Jeannette Unites‘ Arbeiten, die etwas transportieren, in dem Fall zum Großteil aus dem weit entfernten Südafrika, das für uns hier vor ihren Bildern erlebbar wird.

Ich wünsche Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren, jetzt noch viel Vergnügen in dieser schönen Ausstellung. Die Künstlerin ist anwesend und Sie haben die Möglichkeit, sie direkt zu ihrer Kunst zu befragen.
Wenn Ihnen die Ausstellung gefällt, sagen Sie es weiter. Sie ist noch bis zum 10. April hier zu sehen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Sirit Klimes • Kunsthistorikerin • Geschäftsführerin Freunde des Museums Ostwall im Dortmunder U• Luisenstr. 12 • 44137 Dortmund • 0231 - 1888792 • 0179 - 9137034 • siritklimes@gmx.de
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Regina Schrader aus Herdecke | 06.04.2016 | 14:12  
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