Zimmaorkestra: Klezmer gegen den Strich gebürstet

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Zwei "Briderchen" machen Musik.
 
Saxophonist Jürgen Zerbes. (Foto: Zimmaorkestra)

Klezmer, das ist Klarinette, Zymbel und Geige, das ist jüdischer Mutterwitz und Schlitzohrigkeit, das ist auch manchmal osteuropäische Anatevka-Idylle und Sehnsucht nach einer heilen, aber verlorenen Welt.

Bei der Dortmunder Klezmer-Gruppe Zimmaorkestra gibt es das - außer der heilen Welt - und mehr. Die beiden Brüder Ingo und Lutz Debus, zwei Fünftel der Bandbesetzung, haben das Judentum in einer "homöopathischen Dosis" mitbekommen, ihre Großmutter war zu einem Viertel jüdisch.

"Wir waren viel bei unserer Oma" erinnert sich Lutz Debus. "Sie war eine phantastische Frau" - mit gewissen Eigenheiten. "Sie hatte immer alle ihre Schlüssel an einem Gummiband bei sich. Zuerst haben wir das als Kinder nicht verstanden. Es herrschte immer so eine unterschwellige Atmosphäre der Angst. Unsere Großmutter war quasi 'permanent auf Abruf'." In ihrem Beruf als Lehrerin konnte sie nicht arbeiten.

In der Familie Debus wurde das Thema aber nicht, wie so oft, unter den Teppich gekehrt. "Wir haben viel darüber gesprochen, schon fast zuviel." Die Mutter der beiden Brüder ist Geschichtslehrerin, "es gab viele Diskussionen über die Zeit."

Überleben konnte die Großmutter "sehr zitternd" das Hitler-Regime, indem sie mit ihrem Mann, einem überzeugten Sozialdemokraten, in den hintersten Winkel des Reiches, an die polnische Grenze flüchtete.

Lutz und Ingo Depus haben sich viel mit der Thematik, der jüdischen Vergangenheit und auch mit der traditionellen jüdischen Musik beschäftigt. "Der Klezmer-Boom ging ja zuerst in den USA los, und kam dann so vor vielleicht 15 Jahren auch nach Deutschland."

Im Jahr 2008 gab es eine Ausstellung über die von den Nazis verbotene "Entartete Kunst", in der auch ein Plakat gezeigt wurde, das Saxophonmusik brandmarkte. Darauf war ein schwarzer Saxophonspieler karikiert. "Ich habe Giora Feidman eingeladen, sich mit mir zusammen die Ausstellung anzusehen", erinnert sich Lutz Debus.

Feidmann stammt aus Argentinien, er hat die Hitlerzeit gar nicht bewußt miterlebt. Aus diesem Ausstellungsbesuch ist dann ein Text und letztendlich ein Stück für das Zimmaorkestra entstanden.

Seit etwa eineinhalb Jahren gibt es die Dortmunder Formation, die ihren Namen aus dem Proberaum in der Zimmerstraße ableitet. "Ingo hat schon die ganze Zeit immer Musik gemacht", erklärt Lutz Debus. "Spiel doch mal wieder zusammen mit mir", sagte Ingo damals. So entstand die Band.

Das Zimmaorkestra, das sind heute neben den beiden Debus-Brüdern, Ingo an Klarinette, Querflöte und verschiedenen anderen, selbst entwickelten Instrumenten, Lutz am Bass, der Saxophonist Jürgen Zerbes, lange in der freien Jazzszene aktiv, die Perkussionistin Adelheid Seehoff, und Wiebke Claussen mit ihrem Akkordeon.

Das Zimmaorkestra spielt Klassiker wie das berühmte "Papirossi", aber zum großen Teil auch selbstgeschriebene Songs. Dabei geht es der Gruppe um die Verständigung zwischen Juden und Arabern, um den Frieden in der Region. "Das ist uns ein ganz wichtiges Anliegen, die Aussöhnung im Nahen Osten."

"Das Goldene Land", das die Geschichte der eigenen Großmutter dramatisiert hat, erhält so Bezüge zum Palästina-Konflikt, und auch musikalisch werden Brücken geschlagen, wenn zum Beispiel das "Großmütterchen" , eigentlich "von der Melodie ein hebräisches Lied", beim Zimmaorkestra eher arabisch klingt.

Wie das in Israel oder den palästinensischen Gebiete ankommen würde, das weiß die Band (noch) nicht. "Wir haben bisher immer vor deutschem Publikum gespielt". Gesungen wird auf deutsch, aber auch auf jiddisch, das Ingo Debus zwar nicht spricht, aber doch singen kann. Der große Traum: "Mit dem Goethe-Institut durch Israel touren, das wäre was."

"Unsere Stücke fangen alle mit 'Briderchen' an" - und landen dann möglicherweise bei den beiden Stiefbriderchen in "Araber tanzt". Die heile Welt, die machen sie mit Genuss kaputt, zum Beispiel im "Arbeitslosenmarsch", kein eigenes, sondern ein Stück von Mordechaj Gebirtig, gestorben 1942 im Warschauer Ghetto.

Doch das Zimmaorkestra spielt nicht nur Klezmer, Lidele und Jazz. "Derzeit arbeiten wir an einer Fassung von "Champs Elysees", ein Chanson-Schlager von Joe Dassin. "Das ist überhaupt gar kein Klezmer. In unserem neuen Text wollen wir das Flüchtlingsdrama des letzten Jahres beschreiben", erklärt Lutz Debus.

Der nächste, schon feststehende Konzerttermin in Dortmund ist am Freitag, 2. Dezember um 19 Uhr im ConcordiArt am Borsigplatz. Weitere Termine und Infos finden sich unter zimmaorkestra.de.

Borsigplatz Dortmund
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