Der Hüter des Untergrunds

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Harry Lausch in der technischen Schaltzentrale des Bunkers.
 
Von außen ist der Bunker zwischen der Leipziger Straße und der Ruhrallee unscheinbar.
Dortmund: Bunkeranlage | Harry Lausch steigt des öfteren hinab in die Dortmunder Unterwelt. Er ist der "Bunkerwart" des Bunkers an der Ruhrallee - eine Anlage mit einer besonderen Geschichte.

Lausch führt Gruppen von Interessierten durch den Bunker, der 1944 gebaut wurde - als der Zweite Weltkrieg schon fast zu Ende war. Warum der Befehlsbunker der Luftabwehr für Dortmund an dieser Stelle in der südlichen Innenstadt gebaut wurde, darüber gibt es keine gesicherten Informationen.

Harry Lausch vermutet, dass er verschiedenen Nazi-Größen, die in der südlichen Innenstadt wohnten, als Luftschutzbunker dienen sollten. Auch an die Karossen der Parteibonzen wurde offenbar gedacht: In die drei Meter dicke Decke des Bunkers wurden Garagen eingebaut. Sie existieren heute noch.

"Die Original-Pläne liegen heute im Stadt-Archiv", weiß Harry Lausch. Baubeginn war im Oktober 1943, etwa im Mai/Juni 1944 war der "Befehlsbunker der örtlichen Luftschutzleitung" als Gefechtsstand der Flak, als Schutzraum für die Stadtspitze und für Parteifunktionäre und zum Schluss auch für die Führungskräfte der Polizei fertiggestellt.

"Der Bunker war nicht für die Bevölkerung gedacht, dafür gab es den Sonnenbunker", erklärt Lausch. "Dieser Bunker war ausschließlich für die Stadtspitze und Parteiangehörige und deren Familien."

Den schwersten Bombenangriff auf eine deutsche Stadt überhaupt gab es am 12. März 1945. Von 16.24 Uhr bis 17.07 Uhr fielen 4800 Bomben auf die Dortmunder Innenstadt. Hermann Ostrop, der nach dem Zweiten Weltkrieg kurze Zeit als kommissarischer Bürgermeister von den Alliierten eingesetzt wurde, hat sich an diesen fürchterlichen Bombenabgriff erinnert.

Bei seinen Bunkertouren spricht Harry Lausch nicht nur über diesen Angriff und wie Ostrop ihn erlebt hat. Ein Plakat zeigt auch die schlimmen Zerstörungen der Innenstadt. Straßen in dieser Ruinenlandschaft auszumachen oder wiederzuerkennen, ist für die Besucher oft unmöglich.

Eine langgezogene Rampe führt in das Innere des Bunkers. Die Lüftungsanlage läuft und erzeugt lautes Brummen. Ein ganzer Raum ist mit Röhren gefüllt, es gibt einen Aktivkohle- und einen Sandfilter. Kühl ist es im Bunker, und feucht. Es riecht ein bisschen muffig.

Lausch hat verschiedene Erinnerungsstücke im Bunker zusammengetragen, er will nicht nur über die Funktion des Bunkers in der Nazi-Zeit informieren, sondern auch über das, was danach kam.

Denn nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Kalte Krieg, und aus dem Bunker wurde 1972 die "Befehlsstelle für den Krisenstab der Stadt Dortmund". "für die rund 50 bis 60 Mitglieder des Krisenstabs war der Bunker eigentlich viel zu groß", meint Lausch.

Für die Stadt rechnete sich die Umnutzung des Bunkers dennoch: Rund eine Million D-Mark steckte sie in dem Umbau zum Atomschutzbunker. 1976/77 wurde umgebaut, 1977 war der neue alte Bunker fertig. Spät für einen Atomschutzbunker. Vier Übungen wurden hier abgehalten, 1977, 1980, 1988 und 1992. Danach wurde er nicht mehr genutzt.

Dann wurde 2007 die Zivilschutzbindung vom damaligen Innenminister Lothar de Maiziere komplett aufgehoben: "Man hat schlicht gemerkt, dass man Schutzräume für die Bevölkerung nicht annähernd in ausreichender Anzahl bereitstellen kann. Also hat man es einfach gelassen", erklärt Harry Lausch.

So wurde aus dem Bunker ein "Lost Place". Unterlagen, Büroeinrichtung, Gebrauchsgegenstände - alles wurde einfach zurückgelassen. Die Hinterlassenschaften hat Lausch inszeniert. Der Konferenzraum sieht aus, als wären die Mitglieder des Krisenstabs mal eben auf einen Kaffee und eine Zigarette vor die Tür gegangen - die Formulare sind auf dem Tisch liegen geblieben.

Auch für die Leitstellen der Krisenstäbe wurde der Bunker schlicht nicht mehr gebraucht. "Sie haben mittlerweile variable Standorte." Der Bunker war also schlicht über. "Das THW hat ihn noch für die Fernmeldeausbildung genutzt, und die Feuerwehr hat Übungen dort gemacht."

2007 gab der Bund als Besitzer die Freigabe zum Verkauf, im Jahr 2010 entwickelte der Dortmunder Architekt Norbert Post die Idee, den Bunker zu bebauen und auf dem Dach das Projekt "Südtribüne" zu errichten. Terrassenförmig angeordnete Luxuswohnungen mit Blick aufs Stadion sollten dort entstehen.

2011 wurde Harry Lausch von den neuen Besitzern, einem Dortmunder Konsortium, als "Bunkerwart" verpflichtet. Er sollte sich um die Technik und das Gebäude kümmern.

Das tut er bis heute, obwohl aus dem Projekt Südtribüne dann doch nichts wurde. Mittlerweile wurde die Anlage weiter verkauft, der neue Investor plant nun eine andere Bebauung. Der Bunker als Anlage soll aber weiterhin erhalten bleiben, und Harry Lausch wird dort weiter nach dem Rechten sehen und seine Führungen dort machen.

Rund 1500 Menschen zeigt er pro Jahr die Anlage, für ihn ist der Bunker eine "Dokumentationsstätte Dortmund im Kalten Krieg." Und das Interesse daran steigt, wie Lausch weiß: In die ehemalige Bunkeranlage der NRW-Regierung in der Eifel und in den erhaltenen Teil des alten Regierungsbunkers im Ahrtal kommen täglich so viele Menschen wie in den Dortmunder Bunker im ganzen Jahr."

Obwohl Lausch viel Zeit im Bunker verbringt: Das Schönste ist immer, wenn man wieder rauskommt - besonders wenn einem dann die Sonne ins Gesicht lacht.

Info:


Der Bunker an der Ruhrallee hat eine Außenfläche von rund 2500 Quadratmetern

Innen hat er eine Nutzfläche von 1145 Quadratmetern

Er bot 80 Schlafplätze für den Krisenstab, darunter ein abgetrennter Raum für vier Sekretärinnen

1992 wurde der Beschluss gefasst, die Bunkeranlage nicht weiter als Befehlsstelle zu betreiben

Der Umbau im Jahr 1974 kostete die Stadt 854000 DM ohne Mobiliar

Harry Lausch bietet Führungen für Gruppen mit mindestens zehn Personen an

Die Touren dauern mindesten 2 1/2 Stunde, manchmal 3 Stunden

Im Bunker sinkt die Temperatur nicht unter 8 Grad Celsius

Weitere Infos über den Bunker und die Führungen gibt es auf der Internetseite des Sonnenbunkers/Links.
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