Obdachlos: Leben auf der Straße

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Günter Jackat kennt das Leben als Obdachloser aus eigener Erfahrung.
 
Die Metallwände dienen zur Verschönerung - mit Folgen für die Obdachlosen.
 
Erste Station im Café Flash am Schwanenwall.

Wie fühlt es sich an, wenn man kein Zuhause hat, kein Dach über dem Kopf? Wo kann man sich waschen, umziehen, schlafen?

Einmal im Monat führt der Bodo-Verkäufer Günter Jackat durch diese Welt, die Welt der Obdachlosen, die Welt derer, die kein Zuhause haben. Die Tour beginnt am Bodo-Bücherladen, am Schwanenwall. Dort werden gespendete Bücher verkauft - der Verein, der das Straßenmagazin Bodo herausgibt, speist sich durch solche und andere Spenden. Er bietet auch kleine Dienstleistungen an, Umzüge zum Beispiel

Die nächste Station ist nur ein paar Häuser entfernt: DroBS, die Drogenberatungsstelle am Schwanenwall, auch Café Flash genannt. Nein, Tipps für den Drogenkonsum gibt's hier, nicht, erklärt Günter Jackat, auch keine Drogen zu kaufen. Aber saubere Spritzen, Kondome und das Zubehör, das Junkies brauchen, um sich einen Schuss zu setzen.

Konsumieren dürfen sie die Drogen hier nicht, dafür ist der Drogenkonsumraum am Gesundheitsamt da, auch Café Kick genannt. Und das weiße Pulver, das zusammen mit anderen Teilen zur Ansicht auf der Theke liegt, und das so verdächtig nach Kokain aussieht? Ist Zitronensäure, erklärt Alina Bracht, die den Teilnehmern des Stadtrundgangs die Einrichtung erklärt. "Wozu braucht man die Zitronensäure?" will jemand wissen. "Die braucht man zum Aufkochen des Heroins", weiß Bracht.

"ihr könnt alles fragen"

Wieviele Drogentote gibt es in Dortmund, wo bekommen sie ihren Stoff her? Günter Jackat hat schon am Anfang der Tour gesagt: "Ihr könnt alles fragen, was ihr wissen wollt. Habt keine Scheu." Seit über 20 Jahren ist er Bodo-Verkäufer, beackert das Revier im Kreuzviertel, ist in den Restaurants und Kneipen bekannt wie ein bunter Hund.
Eine Scheidung hat ihn damals reingerissen, der Sorgerechtsstreit um das Kind, bei dem er, zugegebenermaßen, ziemlichen Mist gebaut hat. "Einen ordentlichen Job kriege ich nicht mehr", eine vorübergehende Beschäftigung als Hausmeister hat er in Aussicht, dann würden die Stadtrundgänge in den nächsten Monaten wohl ausfallen.

Das Leben als Obdachloser ist stressig

"Obdachlose erkennt man nicht mehr unbedingt an der schlechten Kleidung oder am verwahrlosten Aussehen", erklärt er. "Kleiderkammern, wo man sich neu eindecken kann, gibt es einige in der Stadt, und auch Stellen, an denen man sich duschen und waschen kann, gibt es genug. Nicht nur im Café Flash, wo man auch Frühstück bekommt. Das Gast-Haus an der Rheinischen Straße ist die nächste Station. Dort gibt es Duschen, Toiletten, was zu essen und ärzliche Versorgung. Mit Spendengeldern hat der Verein in einem der beiden knallroten Häusern eine Arztpraxis eingerichtet. Das Leben als Obdachloser ist stressig, anstrengend, oft sind die Füße und die Beine in einem schlimmen Zustand. Deswegen gibt es nicht nur ärztliche, sondern auch podologische Hilfe.

Gast-Haus hilft seit 20 Jahren

"Wir finanzieren uns allein aus Spenden", erklärt Nora Niemeier, die ehrenamtlich dort arbeitet und auch im Vorstand des Vereins ist. Seit 20 Jahren gibt es die Einrichtung, die den Obdach- und Wohnungslosen bei allen Fragen hilft. Wo ist denn der Unterschied zwischen Obdach- und Wohungslosen?, will jemand wissen. "Obdachlose leben auf der Straße, während Wohnungslose zwar keine eigene Wohnung haben, aber bei irgendjemanden kurzfristig unterkommen können."

Abgestempelt: "OFW"

Wie viele Obdachlose in Dortmund tatsächlich auf der Straße leben? "Das weiß niemand genau." Aber Günter Jackat rechnet vor: Rund 400 Leute sind offiziell bei der Stadt als obdachlos gemeldet. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes abgestempelt: In ihrem Ausweis prangt fett der Stempel 'OFW': Ohne festen Wohnsitz. "Geh damit mal zu einem potentiellen Vermieter... " Etwa 2100 nehmen das Angebot der kirchlichen Einrichtungen für eine postalische Meldeadresse wahr. Vielleicht sind es insgesamt 8000 Leute in Dortmund,die kein Dach über dem Kopf haben, schätzt Jackat.

Schlechter Ruf

"Ohne die ganzen ehreanamtlichen und kirchlichen Angebote ginge es den Obdachlosen hier viel schlechter", sagt Günter und führt die Gruppe zur Übernachtungsstelle der Stadt Dortmund an der Unionstraße. Sie hat einen schlechten Ruf, und das nicht nur in der "Szene". Es ist ein offenes Geheimnis: Viele Obdachlose schlafen lieber draußen, als dort einzuchecken. Das gilt aber nur für die Männer-Übernachtungsstelle. Die Plätze für Frauen und Jugendliche sind besser, das weiß auch Nora Niemeier vom Gast-Haus.

Aufpassen auf die letzte Habe

Günter erklärt, warum das so ist: "Es gibt hier 47 Plätze, jeweils acht Personen schlafen in einem Raum. Als Obdachloser hast du deine ganzen Besitztümer, alles, was du hast, in einem großen Seesack. Die vorhandenen Spinde sich aber vile zu klein, um eine große Tasche dort unterzubringen. Also musst du deine Tasche unter deine Füße legen und aufpassen und hoffen, dass du nicht beklaut wirst." Rein in die Übernachtungsstelle dürfen wir nicht: Die Stadt hat die Aufgabe an eine Trägerfirma vergeben, die den Bodo-Gruppen den Zutritt verwehrt. Eine Übernachtung ist frei, weitere kosten Geld. Wieviel? "Keine Ahnung."

Auf der Bank schlafen: 35 Euro

Bleibt das Problem mit dem Schlafen. Wo ist es sicher, trocken, geschützt? "Wenn man zum Beispiel auf einer Parkbank schläft, kann das eine Strafe von 35 Euro nach sich ziehen. Ist man mehrere Jahre auf der Straße, wird mehrfach erwischt und kann die Tickets nicht zahlen, können so leicht sieben bis acht Monate Gefängnis zusammenkommen."

Auf der Suche nach trockenem Platz

Also muss man einen Platz suchen, der gut versteckt ist, wo man nicht auffällt. Einige Obdachlose schlafen auf dem Ostfriedhof, denn die Suppenküche der Franziskaner ist ganz in der Nähe. Aber auch hier gilt: Nicht auffallen, denn dann, man ahnt es schon, "ist wieder ein Ticket über 35 Euro fällig."

Eine Brücke ist immer gut zum Schlafen

Günter Jackat zeigt nach dem Abstecher zum Brückentreff (eine Einrichtung der Diakonie in der Kesselstraße, auch hier wieder: duschen, essen, Kaffee trinken, ausruhen) die Brücke in der Unionstraße: Sie wurde vor rund einem Jahr spektakulär verschönert, soll nun kein Angstraum mehr sein. "Vor dem Umbau konnten hier bis zu 15 Leute schlafen. EIne Brücke ist immer gut. Es ist trocken und geschützt, da bis du sicher." Aber man schläft immer mit einem offenen Ohr, hört auf Autos, auf Fußgänger, die vorbeikommen."

Doch die Schlafplätze sind weg

Vorher gab es Stahltüren in der Brücke. "Nun ist da so ein Ständerwerk. Mit einem großen Seesack oder einer Tasche kommst du da nicht drüber. Die Schlafplätze sind weg. Warum kann die Stadt nicht mal mit einem Verein wie BoDo oder dem Gasthaus reden, bevor sie sowas macht? Das hätte man ja auch anders lösen können", moniert Günter Jackat.

Anlaufstelle: Bahnhofsmission

Die Bodo-Tour endet bei der Bahnhofsmission. Roman Klamke erzählt, was die meist ehrenamtlichen Helfer hier erwartet: "Du hast hier alles, Notfälle, Diebstahlopfer, Flüchtlinge, Straßenkids, die sich hier rund um den Bahnhof aufhalten. Und innerhalb von fünf oder zehn Minuten musst du checken: Was ist los, stimmt die Geschichte, die mir mein Gegenüber da erzählt? Wie kann ich ihm helfen?"

Monatelang auf Feuerzeug sparen

Beim Leben auf der Straße verschieben sich die Prioritäten. Wer keinen anderen Besitz mehr hat, als die paar Gegenstände, die er bei sich trägt, achtet mehr auf "Kleinigkeiten": "Du weißt, du hast für einen Ring oder dein neues Zippo-Feuerzeug monatelang gespart - da musst du dann gut drauf aufpassen." Ringe hat Jackat mehrere - kein Gold, sondern schweres Metall, an fast jedem Finger.

Was fehlt einem am meisten, wenn man auf der Straße lebt? Der sonst so schlagfertige Mann ist einen Moment lang still: "Dass man keine Beziehung eingehen kann, das fehlt einem am meisten."

Hintergrund:

Bodo e.V., Schwanenwall 36-38

Internet:www.bodoev.de

Das Straßenmagazim Bodo wird in Dortmund und Bochum verkauft.

Die ersten zehn Zeitungen sind für den Verkäufer umsonst, weitere Exemplare können angekauft werden

Maximal 90 Zeitschriften kann der Verkäufer steuerfrei verkaufen

Nich alle Verkäufer sind obdachlos, sie müssen allerdings den Nachweis der Bedürftigkeit erbringen

Alle Bodo-Verkäufer haben einen Lichtbildausweis, sie verpflichten sich, während des Verkaufs keinen Alkohol zu trinken

130 Verkäufer gibt es in Dortmund
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