Außerordentliche Betriebsversammlung: HSP wird vermutlich platt gemacht - ArcelorMittal dann weltweiter Monopolist

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343 HSP-Beschäftigte kämpfen in Dortmund um ihren Arbeitsplatz. (Foto: Chriusha (Хрюша) / CC-BY-SA-3.0)
 
Die rückverankerte Spundwand an der Nordseite des Einschleifungstunnels der Neubaustrecke Ebensfeld-Erfurt im Landkreis Coburg bei Dörfles-Esbach. (Foto: Störfix (wikimedia commons))
 
"Der Kapitalismus zeigt mal wieder, dass er mit seinem eigenen Mantra eines freien Marktes in Wirklichkeit gar nichts am Hut hat, sondern stets Monopole zum Schaden der Beschäftigten und der Allgemeinheit anstrebt.", analysiert Carsten Klink (DIE LINKE). Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist mitnichten aufgehoben, so das Ratsmitglied Klink aus Dortmund weiter.
Dortmund: HSP |

Mit der Hoesch Spundwand und Profil GmbH (HSP) wird wohl das letzte große Stahl verarbeitende Unternehmen in der einstigen Stahlstadt Dortmund vermutlich bis zum Jahresende geschlossen. Diesen Eindruck konnte man heute jedenfalls auf der außerordentlichen Betriebsversammlung von HSP bekommen. Über 100 Jahre Firmengeschichte würden zu Ende gehen.



Auch wenn HSP-Geschäftsführer Roger Schlim anfangs noch betonte, dass eine endgültige Entscheidung noch nicht gefallen sei, ging es im Verlauf der Betriebsversammlung maximal darum ob, wie und warum die noch verbliebenen rund 90.000 Tonnen Vormaterial, die nach Wunsch und Vorstellung der Betriebsleitung natürlich noch brav von der gebeutelten Belegschaft gewalzt werden sollen, verarbeiteten werden. Auf die konkrete Frage eines HSP-Arbeiters, was denn mit den noch verbliebenen 343 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden soll, blieb Schlim die Antwort einfach schuldig.

Belegschaft fühlt sich verarscht

Hoch her ging es streckenweise auf der Versammlung auch deshalb, weil sich die HSP-Belegschaft angesichts weitreichender Zugeständnissen ihrerseits samt 163 Entlassungen nun schlicht und einfach "verarscht" vorkommt. Die neue Betriebsvereinbarung wurde mit der Geschäftsführung erst vor acht Wochen geschlossen. Und tatsächlich sind die heute von der Firmenleitung vorgebrachten Argumente kaum erst jetzt vom Himmel gefallen. Eine Geschäftsleitung die ihren eigenen Markt keine acht Wochen im voraus einschätzen kann, sollte tatsächlich entlassen werden. Aber diese Herren fallen ja in der Regel weich.

Geschäftsführer kam mit "fünf Gorillas"

Dass sich HSP-Geschäftsführer Schlim wohl bewusst ist, dass sein Vorgehen nicht ganz sauber war, könnte man auch an seinem Auftreten am Vortag erkennen. Sicherheitshalber kam er -wohl zum ersten Mal überhaupt- mit, so ein Belegschaftsvertreter, "fünf Gorillas", sprich Leibwächtern auf das Betriebsgelände. Dabei waren die einzigen die an diesem Tag sprichwörtlich etwas auf die Fresse bekommen haben, die verbliebenen 343 HSP-Beschäftigten und deren Familien. Ein Armutszeugnis für den Geschäftsführer und eine Beleidigung für die Belegschaft.

An der Betriebsversammlung nahmen unter anderem auch der Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD), der kommunale Wirtschaftsförderer Thomas Westphal sowie der Fraktionsvorsitzende von Linken & Piraten, Utz Kowalewski, sowie deren wirtschaftspolitischer Sprecher Carsten Klink teil. Hingegen wurde dem langjährigen legendären Betriebsratsvorsitzenden Gerd Fisterer, der inzwischen aus Altersgründen aus dem Betrieb ausgeschieden ist, der Zugang durch die Geschäftsführung mittels Hausrecht verboten. Anscheinend hat die Geschäftsführung immer noch Angst vor dem Mann, der zusammen mit den HSP-Arbeiterinnen und Arbeitern 1999 schon einmal die Schließung verhinderte und weitere 16 Jahre Arbeit erkämpfen konnte. Eine plausible Begründung konnte die Geschäftsführung auf Nachfrage eines Arbeiters jedenfalls nicht geben.

Utz Kowalewski (DIE LINKE) forderte vor einer zwar wütenden, aber nicht minder kämpferischen Belegschaft, das Bund und Land nach einer geschickten Ausschreibung gefälligst Aufträge erteilen mögen. Die Investitionen in die Infrastruktur bei Hafenbecken, Kanälen oder dem Deichbau würden den extremen Investitionsstau bei diesen beheben und gleichzeitig Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region sichern.

In die selbe Kerbe schlug zuerst auch Oberbürgermeister Ullrich Sierau als er auf die Hochwasserschutzprogramme der SPD-Ministerin Hendricks verwies. Kurioserweise reagierte Sierau aber auf den Einwurf eines HSP-Mitarbeiters bezüglich typischen Politikerhandelns etwas barsch damit, dass man die Zahlen der Geschäftsführung ja letztlich auch nicht ändern könne. Offensichtlich reicht es bei weitem nicht, dass der Herr Oberbürgermeister mit seinem SPD-Parteifreund und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel blos telefoniert.

SPD-Chef Gabriel, der ehemalige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, welches an der HSP-Mutter Salzgitter AG mit 26,5 Prozent beteiligt ist, scheint für die 100 prozentige Dortmunder Tochter keinen Finger krumm zu machen. Was macht eigentlich der derzeitige SPD-Ministerpräsident von Niedersachsen, Stephan Weil, für die Arbeitsplätze? Am 19. Mai tönte Weil noch in der Neuen Westfälischen bezüglich einer klaren Positionierung der SPD im Bund: "Jeder Bürger muss genau wissen, woran er mit der SPD ist. Bei uns genießen Arbeit und Bildung Vorrang. Das sind authentische sozialdemokratisch Themen, die eng zusammenhängen. Das Thema Arbeitsplätze muss auch für die Bundes-SPD vorrangig sein. Ich bin der Ansicht, dass für die meisten Menschen das Thema Arbeit am wichtigsten ist. Wer kann Arbeitsplätze sichern und neue schaffen? Wem trauen die Wähler das zu? Hier hat die SPD einiges zu bieten, aber in der Profilierung auf Ebene des Bundes noch Nachholbedarf. Investitionen und Fachkräftesicherung beispielsweise sind sozialdemokratische Themen." Was machen denn wohl die SPD-Mitglieder auf der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat der Salzgitter AG für ihre Kolleginnen und Kollegen bei HSP?

Die einzige Chance, die die Belegschaft von HSP eigentlich gar nicht hat, aber nutzen muss, ist die, möglichst viel Unruhe im Gesamtkonzern zu stiften, um Zeit für Alternativen und Zeit für die Umsetzung des erst acht Wochen alten Abkommens mit der Geschäftsführung zu gewinnen. Daher kamen auch schon Stimmen bei der Belegschaft auf, dass keine Tonne Stahl mehr den Betrieb verlässt, bis die Schließung verbindlich vom Tisch ist.

HSP-Geschäftsführer früher bei Konkurrent ArcelorMittal

Der übergroße HSP-Konkurrent ArcelorMittal setzt dem Dortmunder Unternehmen derzeit mit Dumpingangeboten unter Druck. Dass ArcelorMittal nach dem Ende von HSP zum Monopolisten werde und sich zukünftig dann mit überhöhten Preisen eine goldene Nase verdienen wird, bestätigte auch Dr. Roger Schlim. Interessant ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch, dass Dr. Schlim natürlich rein zufällig in der Vergangenheit auch Geschäftsführer der Arcelor Mittal Commercial Sections Deutschland GmbH war. Diese Monopolstellung wird auch wieder Bund und Länder ordentlich Geld kosten, da irgendwann die Deiche brechen, die Hafenbecken undicht und die Kanäle unbefahrbar werden und spätestens dann auf Bundesfinanzminister Schäubles schwarze Null gepfiffen und investiert werden wird, investiert werden muss. Dann aber zu den deutlich höheren Preisen des Monopolisten.

"Der Kapitalismus zeigt mal wieder, dass er mit seinem eigenen Mantra eines freien Marktes in Wirklichkeit gar nichts am Hut hat, sondern stets Monopole zum Schaden der Beschäftigten und der Allgemeinheit anstrebt.", analysiert Carsten Klink (DIE LINKE). Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist mitnichten aufgehoben, so das Ratsmitglied Klink aus Dortmund weiter.

WDR-Lokalzeit


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