Dortmund stellt Gedenkbuch an Opfer der Nazis vor

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Das Gedenkbuch stellte Oberbürgermeister Ullrich Sierau mit Historiker Dr. Rolf Fischer und Diplomdesignerin Vera Schäper, Stadtarchiv-Direktor Dr. Mühlhofer mit Dr. Ludger Claßen vor. (Foto: Schmitz)

1 965 Dortmunder jüdischen Glaubens, Männer, Frauen und Kinder, fielen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer. Mit einem Gedenkbuch erinnert die Stadt jetzt an ihr Schicksal. Denn sie wurden nach Jahren der Verfolgung und des Leids fern der Heimat unter entsetzlichen Umständen ermordet und fanden keine Grabstätte.


Um die Erinnerung an die Opfer wach zu halten und an künftige Generationen weiterzugeben, hat die Stadt zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz jetzt ein Gedenkbuch vorgelegt. Es konnte dank großzügiger finanzieller Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung, der Sparkasse Dortmund und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in sehr hochwertiger Form gedruckt werden. Das 400 Seiten starke, viele Abbildungen umfassende und in Leinen gebundene Buch ist ab Ende Januar zum Preis von 39,95 Euro im Buchhandel zu bekommen.

Zeitzeuge gab Anstoß

Den Anstoß zu diesem Werk hatte kurz vor seinem Tod im Jahre 1999 Hans Frankenthal gegeben, selbst als Jugendlicher nach Auschwitz deportiert und später einer der prägenden Zeitzeugen zur Shoah im westlichen Westfalen. Nach umfangreichen Recherchen im Stadtarchiv und anderswo begann 2012 der Dortmunder Historiker und ausgewiesene Kenner der Materie, Rolf Fischer, die Lebens- und Leidensgeschichte der ermordeten Dortmunder jüdischen Glaubens nachzuzeichnen.

Mörderische, rassistische Ideologie

Das NS-Regime hat den Juden nicht nur das Lebensrecht abgesprochen und einen Vernichtungsfeldzug gegen sie geführt, es hat auch Maßnahmen ergriffen, jede Erinnerung an die Ermordeten auszulöschen und die Spuren des Verbrechens zu verwischen. Oberbürgermeister Ullrich Sierau: „Kein Buch, keine Opferliste, keine Geste kann das Leid der Opfer in ein milderes Licht tauchen oder ihnen ihre geraubte Menschenwürde zurück geben. Doch indem wir ihre Namen nennen und von ihrem Leben und Leid erzählen, wird deutlich, wie es zu den unmenschlichen Greueltaten des NS-Terrorregimes kommen konnte. Im Aufzeigen und Begreifen der mörderischen Konsequenzen rassistischer Ideologie und Politik liegt ein wesentliches Moment der Erinnerung an die Ermordeten.“

"Erinnern allein reicht nicht aus"

Erinnern allein, so Sierau weiter, reiche allerdings nicht aus. Die Geschichte verpflichte auch zum Handeln gegen rechtsextremes Denken, gegen Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz. Die heutige Generation und auch zukünftige trügen Verantwortung für die Gestaltung einer demokratischen und freien, sozialen und gerechten Gesellschaft.

Fassungslosigkeit spiegelt sich in der Gestaltung

Dr. Stefan Mühlhofer, Direktor des Stadtarchivs, beschreibt Inhalt und Aufbau des Buches: „Das Gedenkbuch enthält eine Liste, in der die Namen jener 1 965 Dortmunder Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens aufgeführt sind, die zwischen 1933 und 1945 in der Stadt lebten bzw. gemeldet waren und im Zuge der nationalsozialistischen Judenverfolgung ermordet wurden. Zudem enthält die Liste die Namen von weiteren 108 Personen, die entweder 1938 nach Polen abgeschoben oder in den vier großen Deportationen aus Dortmund verschleppt wurden, die aber Ghettos, Lager und Krieg überlebt haben. Schließlich beschreibt das Buch mit vielen Dokumenten und Bildern die Geschichte der antisemitischen Verfolgung in Dortmund.“
Das Layout des Gedenkbuches, so Autor Rolf Fischer, weiche in mehrfacher Hinsicht von konventioneller Gestaltung ab: „Die Fassungslosigkeit und Verstörung, die viele Berichte, Dokumente und Fotos aus den Zentren des Mordens beim Leser und Betrachter hinterlassen, spiegeln sich in Ansätzen auch in der Gestaltung des Buches wieder. Die Überschriften zeigen sich zerrissen, wie so viele Lebensläufe und Familien. Um Fotos von Opfern herum herrscht zuweilen Leere, die an die Einsamkeit in schwerster Zeit und in letzten Stunden erinnern mag.“

Das Leid ist nicht angemessen darzustellen

Diplomdesignerin Vera Schäper fasst es so zusammen: „Die Gestaltung des Buches drückt die Unzulänglichkeit aller Bemühungen aus, die grauenhaften Verbrechen und das unsagbare Leid der Opfer in angemessener Weise zu erfassen und darzustellen.“

Die bibliographischen Daten

Rolf Fischer: Verfolgung und Vernichtung. Die Dortmunder Opfer der Shoah. Essen: Klartext-Verlag, 2015. ISBN 978-3-8375-1228-1
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