Noch zu retten?

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Skeptische Gesichter bei der Eröffnung der Ausstellung "Das Beste kommt zum Schluss": Rund 400 Besucher kamen am ersten Tag - viele haben bereits gegen den Abriss unterschrieben. (Foto: Schmitz)
 
Mit dem Abriss des Gebäudes würde auch der kleine Park dahinter verschwinden, eine der wenigen Grünflächen in der Stadt (Foto: Schmitz)

Es ist immer die gleiche Geschichte: Gebäude die nicht mehr gebraucht werden, verschwinden im Ruhrgebiet schnell - wenn sich nicht Bürger zu ihrer Rettung zusammentun

Die Zeche Zollverein in Essen, die Zeche Zollern II/IV in Dortmund- es gäbe sie nicht mehr, wenn sich nicht zum Beispiel Prof. Dr. Karl Ganser für den Erhalt von Zollverein vehement eingesetzt hätte - heute ist der Bau nicht nur denkmalgeschützt, sondern auch Weltkulturerbe.

In Dortmund hat der Erhalt, oder besser Nichterhalt alter Gebäude ein besondere Geschichte - vielen ist der Abriss der denkmalgeschützten Bibliothek noch in guter Erinnerung. Jetzt ist mit dem alten Museum am Ostwall wieder ein Bau ins Blickfeld gerückt, für den es schon seit Jahren Versuche der Neunutzung gab: Zuerst war die jüdische Gemeinde interessiert, dann verschiedene lokale Künstlerverbände, zuletzt sollte ein Baukunstarchiv in das alte Haus - letztlich scheiterten alle Versuche.

Dann kam ein Ratsbeschluss: Verkauf des Gebäudes an den Meistbietenden. Für eine Summe um die fünf Millionen für Grundstück und Haus ist offenbar ein Investor willens, auf dem Gelände Seniorenwohnungen zu bauen. Das bedeutet den Abriss für das alte Museumsgebäude.

Jetzt gibt es die ersten Stimmen, die den Erhalt des Gebäudes fordern. Prof. Wolfgang Sonne vom Institut für Stadtbaukunst an der TU Dortmund: "Für Dortmund als Stadt wäre der Abriss eine kulturelle Schande". Er stuft das Haus am Ostwall als eines der "wichtigsten verbliebenen Kulturgebäude der Stadt"und weist darauf hin, dass im Kern des Museums das Oberbergamt von 1870 steckt – "und damit, nach den mittelalterlichen Kirchen Dortmunds, das älteste Mauerwerk von Dortmunds geschundener Innenstadt".

In einer überregionalen Zeitung wird das Thema diskutiert, in Dortmund dagegen herrscht Friedhofsruhe

Sonne zeigt auch gleich das Problem des Hauses auf: "Von außen ist es unscheinbar", der Reiz des alten Museums erschließt sich hauptsächlich von innen: mit ruhigen und schlichten Räumen und vor allem mit Oberlichtern gibt es einen würdigen Rahmen und ein fantastisches Licht für eine künstlerische Nutzung, andere Nutzungskonzepte dürften wohl viel Fantasie erfordern, sind aber sicher nicht unmöglich.

Während der Rat den Bau offenbar abgehakt hat, haben sich jetzt Künstler zusammengetan, nicht nur um dem Haus die letzte Ehre zu erweisen. Mit der Ausstellung "Das Beste kommt zum Schluss" zeigen 72 Künstler aus der Region, was in dem Haus möglich wäre und hoffen gleichzeitig auf eine Rettung in letzter Sekunde.

Denn die Bausubstanz ist gut, das bestätigt auch Prof. Sonne. In dem Nachkriegsbau, übrigens einer der ersten Museumsneubauten nach dem Krieg in Deutschland steckt das alte Oberbergamt aus dem Jahr 1870.

Ein Haus also, das nicht nur die industrielle Geschichte der Stadt dokumentiert, sondern auch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau im Stil der 50er Jahre widerspiegelt, wie Prof. Sonne betont: "Es ist der letzte öffentliche Bau aus dem 19. Jahrhundert, Dortmund hat sonst nix mehr!"

Eine Protestwelle wird kommen, da ist sich der Professor sicher - "viele haben das Haus bisher als gerettet angesehen" und hofft gleichzeitig, dass sich das Bürgertum stärker als bisher mit seiner Stadt identifiziert: "Die städtischen Räume sind Teil der Zukunftsentwickung von Dortmund, es ist hier spannender als in Gelsenkirchen."

Auch die Künstler, die sich auf die Initiative des Dortmunder Fotografen Axel M. Mosler zur Ausstellung zusammengetan haben, wollen sich mit dem möglichen Abriss nicht abfinden, sie hoffen, dass der Ratsbeschluss gekippt werden kann. Hinter der Ausstellung stecken verschiedene Netzwerke und Künstlerverbunde wie beispielsweise "Starke Orte", das aus der Kulturhauptstadt 2010 hervorgegangen ist.

Für sie ist eine Bespielung des Hauses beispielsweise als Kunsthalle durchaus denkbar: "Die Manpower ist da, an Unterhalt würden wir etwa 300.000 Euro pro Jahr brauchen", schätzt Mosler.

Die Ausstellung macht Hoffnung: Rund 400 Interessierte waren zur Eröffnung da, zur Eröffnungsrede von Kulturdezernent Jörg Stüdemann, der auf den Erhalt des Hauses anspielte, gab es minutenlangen Beifall", erinnert sich Mosler.

"Dieses Juwel darf nicht unter den Bagger" warnt Axel M. Mosler, denn das Museum ist nicht nur ein schöner, aber kleiner"Tempel" der Kunst, es war auch für viele Generationen die erste Anlaufstelle für Kunst, zeigte Tonkrieger aus Xian oder eine Blaue-Reiter-Ausstellung, die 40 000 Besucher (oder ein halbes Fußballstadion) anzog.

Jetzt sind die Dortmunder Bürger dran - sie können ihre Stimme erheben.

Noch ein Wort in eigener Sache:
Von Journalisten darf der Leser eine neutrale Berichterstattung erwarten - doch es gibt auch solche Fälle wie diesen, wo der Verfasser auch Bürger der Stadt ist - und eine eigene Meinung hat. Ich bin der Ansicht, dass es grundfalsch wäre, das Haus abzureissen, deshalb ist dieser Artikel eindeutig nicht neutral.

An alle, die sich nicht sicher sind oder (noch) keine Meinung haben, an alle Bürger, ob sie kunstinteressiert sind oder nicht, an Kulturschaffende, Fußballfans, Starkicker, Theaterleute, Musiker und und und... richte ich eine Bitte: Nehmen Sie sich eine halbe Stunde (oder mehr) Zeit, besuchen Sie die Ausstellung (bis zum 21. Juli, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr), lassen Sie die Räume auf sich wirken und entscheiden Sie dann, ob dieses Haus wirklich abgerissen werden sollte,

Glückauf!
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