Aggression im Psychiatriealltag

Anzeige
Yvonne Auclair, Tobias Goschütz
Dortmund: Reinoldinum |

Seit dem 1. Mai 2016 ist Yvonne Auclair Pflegedirektorin der LWL-Klinik Dortmund. Sie ist gelernte Kinderkrankenschwester, hat aber immer in der Psychiatrie gearbeitet. „Deeskalation im Klinikalltag“ ist ihr Schwerpunktthema, welches sie zusammen mit Tobias Goschütz, der eine geschlossene Station der LWL-Klinik Dortmund leitet, den Besuchern des Psychoseseminars im Januartermin vorstellte.

Statistisch liegt das Pflegepersonal in Psychiatrischen Kliniken auf Platz drei, wenn es um Gewalterfahrung im Beruf geht. Wobei je nach Statistik 72-78 Prozent der Mitarbeiter verbaler und 42-46 Prozent körperlicher Gewalt ausgesetzt waren. Je weniger Berufserfahrung Mitarbeiter haben, umso höher ist für sie das Risiko, Gewaltopfer zu werden. Für die Mitarbeiter der LWL-Klinik Dortmund gibt es daher spezielle Trainings, in denen sie lernen, in kritischen Situationen deeskalierend zu reagieren.

Harmloses wirkt bedrohlich

Das Gelernte ist hilfreich im Umgang mit Patienten und deren Angehörigen gleichermaßen. Psychisch Erkrankte leben oft in einer anderen Realität als ihre Mitmenschen, was unweigerlich zu Konflikten führt. Eigentlich harmlose Situationen werden von ihnen zum Beispiel als Bedrohung gedeutet, in der sie sich verteidigen müssen. Oder Stimmen drängen sie zu Handlungen, die sie in gesunden Zeiten vehement ablehnen würden.

Verstörende Erlebniswelt

Dem Pflegepersonal der Klinik ist die teils verstörende Erlebniswelt der Patienten bewusst. Jedem Patienten wird ein Mitarbeiter der Station als Bezugspfleger, heißt Ansprechpartner, zugeteilt, der sich bemüht, eine Beziehung zum ihm aufzubauen, um so im Vorfeld schon Aggressionen abzufangen.

Im Ausnahmezustand

Frau Auclair und Herr Goschütz haben Verständnis für alle Beteiligten. Nicht nur die Erkrankten befinden sich in einer Ausnahmesituation. Besonders Angehörige, die das erste Mal mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert sind, fühlen sich unter Umständen überfordert und sind entsprechend gereizt. Und die Pfleger und Pflegerinnen sind auch nur Menschen mit guten und schlechten Tagen.

Angesprochen wurde auch Gewalt, die Patienten während ihres Klinikaufenthaltes durch Mitpatienten erfahren. Ebenso berichteten Psychose-Seminar-Besucher von Drohungen und Fixierungen durch Ärzte und Pflegepersonal während ihrer Klinikaufenthalte, die erfreulicherweise schon Jahre zurück liegen.

Umdenken hat stattgefunden

Herr Goschütz erklärte, dass in dieser Hinsicht ein Umdenken stattgefunden habe. Sei während seiner Ausbildungszeit eine Fixierung lediglich zum Zweck der Zwangsmedikation als akzeptables Mittel angesehen worden, einen Patienten schnellstmöglich aus seiner Psychose herauszuholen, würde dies heute, zumindest in der LWL-Klinik Dortmund, anders bewertet. Es sei nicht erstrebenswert, den Patienten aus seiner Psychose zu befreien zum Preis eines Traumas durch die erlittene Gewalt der Fixierung.
Fazit des Abends:
Deeskalationstraining der Pfleger und Pflegerinnen schafft gute Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander auf der Station. Eine für alle kritischen Situationen gültige „Verhalts-Zauberformel“ gibt es allerdings nicht.

Das Psychoseseminar findet einmal monatlich im Reinoldinum, Schwanenwall 34, Dortmund-Mitte, statt.

Am Thema Interessierte sind herzlich eingeladen.
Die Teilnahme ist kostenlos.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


Die Verantwortlichen der Gesellschaft für seelische Gesundheit (GSG) entwickeln das Programm des Psychoseseminars in Kommunikation mit den Besuchern entsprechend deren Bedürfnissen und Interessen. Dabei wird wie der Veranstaltungskalender zeigt ein umfangreiches Themenspektrum abgedeckt.
Die aktuellen Termine können auf der Homepage der GSG eingesehen werden.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.