"Die Deutschen sind zu ungeduldig mit der Integration"

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Viele Interessierte waren zu der Diskussion mit dem Wissenschaftler Ahmed Toprak in die Kommende gekommen. (Foto: Schmitz)
 
Ahmed Toprak: Als Atheist zu Gast in der katholischem Kommende (Foto: Schmitz)
Dortmund: Kommende Dortmund | Ahmet Toprak war jetzt in der Kommende zu Gast. In der Reihe „Profilierte Querdenker im Interview“ stellt sich der Dortmunder Erziehungswissenschaftler und Dekan der Fachhochschule den Fragen von Richard Geisen und der Diskussion mit dem Publikum.

Durchaus provokant formulierte er seine Thesen und Forschungsergebnisse, erzählte aber auch viel über seine eigene Integrations- und Migrationsgeschichte. Dabei war der Weg zum Erziehungswissenschaftler keineswegs vorgezeichnet.

Als eins von sechs Kindern einer Analphabetin und eines Autodidakten schien zunächst die Hauptschule in Deutschland gut genug, zumindest in den Augen der Lehrer. Doch die humanistische Erziehung der alevitisch-kurdischen Familie trug Früchte: Ein Bruder Topraks ist heute Germanistik-Professor mit dem Fachgebiet Thomas Mann, der andere Bruder wurde Berufsschullehrer. Eine Schwester ist Journalistin, die beiden anderen Altenpflegerinnen.

"Mit den damaligen Gastarbeitern aus den armen und ländlichen Gebieten der Türkei hat man sich damals das türkische Prekariat nach Deutschland geholt", erklärt Toprak. "Sie kennen in der Regel ihre Religion, den Islam, nicht, bestenfalls einen Alltagsislam." Seine Studien führt Toprak in der Regel über Interviews mit türkischstämmigen Menschen. Deshalb gibt es keine Zahlen zu seinen Forschungen.

"Migranten sind nach ein paar Jahren immer konservativer als ihr Herkunftsland", hat er so herausgefunden. "Sie haben bestimmte Werte-, Norm- und Religionsvorstellungen und behalten einen konservativen Erziehungsstil." Mädchen werden nach wie vor auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet, sie sind aber in der Regel durch ihre Erziehung zu Gehorsam und Repekt gegenüber Autoritätspersonen besser in der Schule als die Jungen und können über die Ausbildung oder den Beruf aus dem Rollenschema ausbrechen.

"Für die Jungen wäre eine Erziehung wie bei den Mädchen durchaus hilfreich, sie kämen dann in der Schule besser zurecht", glaubt Toprak, Doch sie haben einen anderen Auftrag: Als Ernährer und Oberhaupt der Familie müssen und sollen sie über Risiken Bescheid wissen und sie ruhig einmal kennenlernen. Doch sie dürfen sich keine Patzer leisten.

"Das sind zu hohe Rollenerwartungen an die Jungen. Sie können sie nicht erfüllen." Dazu kommt ein Ehrbegriff, der aus dem 5. Jahrhundert stammt und damals die Funktion der sozialen Kontrolle erfüllte. "Wird er verletzt, verlangt das nach Gewalt. Eine schwache Justiz in verschiedenen Ländern unterstützt das noch."

Dann räumt er mit Gleichberechtigung und Geschlechter-Gerechtigkeit auf: "Das gibt es nicht. Auch nicht in Deutschland. Die Muslime und türkischstämmigen Konservativen gehen nur offener damit um."

Den Deutschen attestiert Toprak zuviel Ungeduld: "Wir sehen Probleme, wo gar keine sind. WIr haben hier keine geschlossenen Millieus wie zum Beispiel die Chinatowns in den USA, wie bestimmte Gruppen in AUstralien oder die Banlieus in Frankreich. Unsere Verhältnisse sind gut. Trotzdem müssen wir aufpassen."

Damit sorgte Ahmet Toprak für viel Stoff für eine lebhafte Diskussion in der gut besuchten Veranstaltung der Kommende.
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