Fundstück aus Asseln ist "Denkmal des Monats September 2016" // Wurmbunte Klinge – ein altes Schwert erzählt Geschichte(n)

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Moderne, bildgebende Verfahren lieferten jetzt neue Erkenntnisse zu der im fränkischen Asselner Kriegergrab aus der Merowingerzeit gefundenen Spatha (Langschwert). (Foto: U. Lehmann und T. Maertens/Altertumskommission für Westfalen)
 
Ausgestellt sind die archäologischen Fundstücke aus Asseln im Museum für Kunst und Kulturgeschichte an der Hansastraße. (Foto: Stadt Dortmund)

In Dortmund stehen rund 1100 Objekte unter Denkmalschutz. Einige Denkmäler sind jedermann bekannt, etwa das Dortmunder U oder die Zeche Zollern. Andere Objekte sind weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert. Gemeinsam haben jedoch alle Denkmäler, dass sie ihre eigene, erzählenswerte Geschichte haben. Einmal im Monat greift die Denkmalbehörde die aktuelle ,Geschichte' eines Denkmals heraus und stellt diese in der Reihe "Denkmal des Monats" vor. "Denkmal des Monats September 2016" ist ein archäologisches Fundstück aus Asseln.

Es ist schon einige Jahre her, seit die Dortmunder Stadtarchäologie in Asseln Bestattungen aus der Merowingerzeit ausgegraben hat. Die Entdeckung wurde von einem großen Medienecho begleitet, die Gräber in einer Sonderausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte präsentiert und in zwei Veröffentlichungen ausführlich vorgestellt. Alles schien getan, alles ausgewertet, weiterreichende Erkenntnisse und Besonderheiten waren nicht mehr zu erwarten.

Doch wieder gibt es Neuigkeiten vom frühmittelalterlichen Gräberfeld aus Dortmund-Asseln. Sie lieferten jetzt den Anlass für die Denkmalbehörde zur Auswahl zum Denkmal des Monats September.

26 Verstorbene hatte man in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts an der Kahlen Hege beerdigt. Einige der Gräber fielen durch ungewöhnlichen Grabbau und besondere Beigaben auf. Die Archäologen identifizierten eine Haus- und Hofgemeinschaf: Eine reiche Langobardin hatte offensichtlich zusammen mit einem Mann aus der Gegend in Asseln eine Familiendynastie gegründet. Vier bewaffnete Krieger schützten noch im Tod ihren Herrn, zwei Hauswirtschafterinnen unterstützten die Hausherrin, ein Hund und ein Reitpferd vervollständigten den Hausstand.

Eine Langobardin in Dortmund


Die Archäologen konnten den Lebensweg der „Dame von Asseln“ fast bis ins Detail nachvollziehen. Von Böhmen/Mähren ab 548 n. Chr. mit dem überlieferten Zug der Langobarden nach Oberitalien gelangt, hatte sie dort ihren späteren Lebensgefährten kennen gelernt und war mit ihm nach Asseln gegangen. Die Zusammensetzung ihrer Beigaben weist sie als international vernetzte Frau aus, die Qualität einzelner Ausstattungsstücke sucht ihresgleichen und reiht sie in die oberen Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit ein.

Von ihrem Lebenspartner, dem Mann aus Asseln, war bislang wenig bekannt. Seine Ausstattung bezeugte ihn als berittenen Krieger. Seine Hauptwaffen bildeten zeittypisch Speer und Schild, als Nahkampfwaffe setzte er das einschneidige Hiebschwert, den Sax ein. Zusätzlich trug er das zweischneidige Langschwert, die Spatha.

Moderne, bildgebende Verfahren lieferten jetzt neue Erkenntnisse zur Spatha. Ihre Klinge ist damasziert, d. h. in sogenannter Schweißverbundtechnik hergestellt, und dabei aus zwei Lagen von je drei Kompositstäben zusammengesetzt. Die Torsion ist alternierend gedreht, dadurch bildet sich eine Verzierung aus Halbkreisen. Unterhalb der Schwertschulter erkennt man eine ringförmige, sich nach unten, zur Klingenspitze hin öffnende Eiseneinlage, eine sogenannte Klingenmarke.

Schwert und Schlange


Die Ornamente und Strukturen dieser besonderen Klingen blieben dem zeitgenössischen Betrachter größtenteils verborgen. Selbst wenn das Schwert gezogen war, konnte man die feinen Musterungen und die Klingenmarke nur aus nächster Nähe erkennen. Offensichtlich besaßen die Schweißmuster eine Bedeutung, die sich an den Träger der Spatha richtete. Die Forschung interpretierte sie bisher als Wellen- bzw. Wassersymbolik, doch neuerdings gibt es noch weiterreichende Überlegungen.

Gerade die jetzt in der modernen Diagnostik auf der Asselner Spatha festgestellten, halbkreisförmigen Muster werden u. a. in einem von dem römischen Senator Cassiodor überlieferten Brief aus der Zeit um 500 n. Chr. als schlangen- oder wurmartige Wesen, „sich kräuselnde Würmchen“ charakterisiert. Mit einem besonderen Schwert, das er in der Höhle Grendels findet, tötet Beowulf Grendels Mutter. Die Klinge der Waffe wird in diesem mehr als 1200 Jahre alten Epos mit dem Begriff „wyrmfah“ (wurmbunt) beschrieben, was sich nicht so sehr auf Farbigkeit, sondern auf die charakteristische Zeichnung, nämlich schlangenartige Wesen bezieht. Auch die nach unten offene, ringförmige Klingenmarke des Schwertes bestärkt die Assoziation mit einer Schlange. In vielen nordischen Quellen, u. a. in der älteren Edda, der Sammlung von Götter- und Heldenliedern, ist von besonderen Schwertern die Rede „Am Heft ist ein Ring…..Die Schneide birgt einen blutigen Wurm….“.

War es Liebe?


Die Spatha war die wertvollste und teuerste Waffe des frühen Mittelalters. Sie hatte ihren festen Platz in der frühmittelalterlichen Kriegerkultur. In den nordischen Sagas folgten die Krieger einem Heldenkodex, Ehre, Mut und Tapferkeit waren hoch angesehen, Kämpfer erreichten bedeutende gesellschaftliche Positionen. Die Spatha erfüllte mehrere Funktionen, sie war Waffe, Statusobjekt und magisches Artefakt. Ihre Träger wussten um die Bedeutung und Symbolik der Waffe. Sie führten sie im Bewusstsein des eigenen Lebenskreislaufes in der nordischen Götter- und Heldenwelt.

Bei Schwertträgern dieser Qualität ist anzunehmen, dass sie Angehörige und Vertreter einer einheimischen Oberschicht waren. Vielleicht befand sich der Mann aus Asseln im Dienst des fränkischen Königs in Oberitalien, um dort den historisch belegten Gebietsanspruch der Franken gegen die eingedrungenen Langobarden zu verteidigen. Doch die eigentlich spannendste Frage in dieser frühmittelalterlichen Geschichte, warum die Langobardin dem fränkischen Krieger nach Asseln folgte, werden wir wohl nie erfahren.
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