Die Frau, die Castro die Schuhe auszog

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Walburga Rostalski mit dem Brief der kubanischen Botschaft.
 
Walburga Rostalski (2.v.l.) und der damalige Kriegsminister Raúl Castro (2.v.r.). (Foto: privat)

Sie lebt in Dortmund, die Frau, die Castro die Schuhe auszog.

Nicht Fidel, sondern seinem jüngeren Bruder Raúl, der nach dem Tod des Revolutionsführers im Jahr 2016 die Staatsgeschäfte übernahm, zog sie wortwörtlich die Schuhe aus. Und das kam so:

„Vor 23 Jahren habe ich mit einer Mitarbeiterin von mir Urlaub auf Kuba gemacht“, erklärt die Schuhmachermeisterin, die ihr Geschäft in Brackel am Westheck hat. „Wir sind dort oft mit einem Boot zu einer Touristenanlage gefahren. So auch an einem Tag, an dem wir aber feststellen mussten, dass alle Zugänge gesperrt waren.“ Ein Neffe Castros feierte hier privat seinen Geburtstag – und damit wäre die Geschichte eingentlich schon zu Ende gewesen, hätte nicht Raúl Castro die jungen Frauen eingeladen, einfach mitzufeiern: „Castro hat gewunken, dass unser Boot folgen soll, und der Dolmetscher hat mit uns auf Englisch gesprochen.“

So hat Walburga Rostalski mit Raúl Castro zusammen gesessen, getrunken und getanzt. „Im Verlaufe des Abends haben wir uns auch über unsere Berufe unterhalten. Castro war damals General und Kriegsminister von Kuba, ich war schon Schuhmachermeisterin. Mir ist aufgefallen, dass seine Schuhe ganz schiefgetretene Absätze hatten, und so habe ich ihm angeboten, seine Schuhe mit nach Deutschland zu nehmen und neu zu besohlen.“

Gesagt, getan: Raúl Castro übergab der jungen Deutschen seine Schuhe und ging tatsächlich auf Strümpfen nach Hause. Und Walburga Rostalski nahm seine Schuhe mit zurück nach Dortmund und reparierte sie wie versprochen.

Auch hier wäre die Geschichte wieder zu Ende gewesen, hätte es nicht ein ganz spezielles Problem gegeben: „Wie kriege ich die Schuhe wieder zurück nach Kuba?“ fragte sich die Schuhmachermeisterin. „Wegen des Wirtschafts-Embargos konnte ich sie nicht einfach per Post schicken“, erinnerte sich Walburga Rostalski. Sie wandte sich an die Kubanische Botschaft in Deutschland, damals noch in Bonn, und schilderte ihr Problem. „Es war gar nicht so einfach, da durchzudringen“, erinnert sie schon. „Schon der Pförtner hat mich immer wieder am Telefon abgewimmelt.“

Schließlich gelang es ihr aber doch, einen Termin in der Botschaft zu bekommen und die Schuhe dort abzugeben. Zusammen mit einem Brief, den Walburga Rostalski an Castro geschrieben hatte, gingen die Schuhe von der Botschaft aus auf die Reise zurück nach Kuba.

Auch hier wäre die Geschichte wieder zu Ende gewesen, doch: „Ein paar Wochen später erhielt ich eine Einladung nach Kuba von Raúl Castro. Nur den Flug sollte ich bezahlen, alles andere wäre frei.“ So flog sie noch einmal nach Kuba. „Ich wurde mit einer Limousine zu einem Empfang des obersten Generals gebracht, mit einer Motorrad-Eskorte und allen Schikanen“, erinnert sie sich. Leider hat sie bei ihrem zweiten Aufenthalt Raúl Castro nicht wieder getroffen, doch auch hier geht die Geschichte noch weiter:

„Ich habe mich mit Kuba, seiner Kultur und der Musik dort immer verbunden gefühlt, und so habe ich zu Fidel Castros Tod einen Beileidsbrief an seinen Bruder geschrieben. Nach ein paar Wochen meldete sich die Kubanische Botschaft in Berlin bei ihr. Der Botschafter machte auf einer Reise einen Zwischenstopp in Dortmund und lud Walburga Rostalski und ihre Begleitung in ein Restaurant ein. Der Botschafter übermittelte ihr den Dank von Raúl Castro mit der Bemerkung, Castro habe keinen so persönlichen Beileidsbrief bekommen wie den ihren.

Das ist das (vorläufige) Ende der Geschichte von der Schuhmacherin und dem General, wenn nicht noch eine weitere Wendung folgt, denn eins ist klar: Walburga Rostalski möchte schon noch einmal nach Kuba reisen.
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