„Lernen, mit dem Schmerz zu leben“: Theatergruppe Silberstreif arbeitet schwere Erlebnisse auf

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Die Mitglieder der Theatergruppe der LWL-Tagsklinik in Brackel arbeiten in Rollenspielen das in der Jugend erlebte auf.
 
Theaterpädagogin Caroline Kühnl.
Dortmund: LWL-Tagesklinik Brackel |

„Jedes kreative Tun hat therapeutische Wirkung“, erklärt Theaterpädagogin Caroline Kühnl. Zu diesem Zweck hat sie die Theatergruppe Silberstreif gegründet, mit der sie das Leben der Mitglieder auf die Bühne bringt. So werden Probleme aus dem Leben der Patientinnen schauspielerisch aufarbeitet.

Unter dem Motto „alt genug, um Theater zu machen“ bietet die Abteilung Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik in Aplerbeck ihren Patienten unter der Leitung der erfahrenen Theaterpädagogin einen Schauspielkurs im Reinoldinum speziell für ältere Menschen an. Die ehemaligen Patienten werden inzwischen ambulant behandelt. Viele der momentan sieben Mitglieder kommen aus Brackel, Körne, Husen/Kurl oder der Innenstadt. Alle sind Patientinnen der Ambulanz der Brackeler LWL-Tagesklinik, was auch eine Bedingung für die Teilnahme ist. Einige sind seit drei, andere seit sechs Jahren dabei. Die Mitglieder treffen sich regelmäßig im Reinoldinum, Schwanenwall 34, in der Innenstadt. Gegründet wurde die Gruppe im August 2006. Nach dem Fletch Bizzel und der VHS treffen sie sich jetzt im Reinoldinum.

Alle Frauen haben in ihrer Jugend viel Gewalt erlebt: sei es von den Eltern oder vom eigenen Ehemann. „Kinder denken oft, sie wären Schuld“, erläutert Caroline Kühnl. „Oft laufen sie damit durchs ganze Leben.“ Um das aufzuarbeiten, werden, wie etwa letzte Woche, Gerichtsverhandlungen gespielt. In diesen werden dann die Täter von damals im Rahmen der Theaterhandlung verurteilt. „Das ist zwar keine fertige Lösung, zeigt den Mitgliedern aber, dass sie keine Schuld tragen“, so Caroline Kühnl. „Wir können den Schmerz nicht loswerden. Wir lernen aber damit zu leben“, sagt Doris W. „Wir spielen zum Teil selber, was wir erlebt haben“, sagt sie. Die Umsetzung erfolgt dabei nicht immer 1:1. Auch wird nicht auf jeden Treffen geschauspielert: „Heute haben wir beispielsweise nur geredet, so Caroline Kühnl. „Wichtig ist, dass wir für uns selber Lösungen finden“, ergänzt Doris W.
Beliebt ist bei den Mitgliedern auch das Märchen der Bremer Stadtmusikanten. „Es spiegelt ihre Situation wieder, da sie sich oft nutzlosfühlen“, erklärt die Theaterpädagogin. Die Räuber stehen dabei für die Ängste der Frauen. Der Esel gibt ihnen das Motto vor: „Etwas besseres als den Tod findest Du überall.“
Die Mitglieder leiden oft unter verschiedenen Gefühlen. „Wut und Ohnmacht kommen raus“, so Eleonore M. „Wir haben oft Probleme, anderen zu vertrauen. So können wir das Erlebte verarbeiten“, ergänzt Renate D. Etwas Positives können aber alle aus ihrem Leben berichten: „Keine von uns hat ihre eigenen Kinder geprügelt“, so Doris W.

Bei Depressionen wollen die Patienten oft nichts mehr machen. „Es ist einfacher, sich in die Ecke zu setzen und nicht zu essen und zu trinken“, beschreibt Doris W. den Zustand. „Ohne die Tagesklinik würde ich heute nicht hiersitzen,“ sagt sie. „Es ist schwer, mit Unbeteiligten über das Erlebte zu reden. Die eigenen Kinder können einen nicht immer verstehen“, bedauert Renate D. „Die anderen Mitglieder der Gruppe, die ähnliches erlebt haben, können einen besser verstehen. Hier sehen wir auch, was wir für Fehler gemacht haben.“ Teilweise leiden sie auch unter einer Grundangst vor Kontakten.
Der Weg ist immer das Ziel: Bei den Proben geht es nicht darum, ein Theaterstück auf die Beine zu stellen. Bisher ist die Gruppe vier mal aufgetreten, immer in Zusammenhang mit der Tagesklinik, damit die Zuschauer wissen, worum es geht; so etwa beim Angehörigentag der Tagesklinik. „Das ganze ist eher für die Teilnehmerinnen“, so Caroline Kühnl.

Finanziert wird die Gruppe von der Klinik. Die Teilnehmerinnen müssen lediglich einen Obolus geben. Die Idee zu der Gruppe hatte Petra Dlugosch, die Chefärztin der Gerontopsychatrie. Ergotherapeutin Ursula Möller betreut die Gruppe in der Tagesklinik. Weitere Informationen gibt es in der Tagesklinik des Landwirtschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), Schimmelstr. 15, in Brackel, und unter www.theaterpralinen.de.
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